Mohammad Ali Mamon streicht mit dem Finger über das Display seines Smartphones und drückt auf das Play-Symbol. Zu sehen ist ein Video seiner Heimatstadt Aleppo, vielmehr von dem, was von ihr noch übrig ist. Männer wühlen in Trümmern, laufen wild umher, schreien. Mamon blickt mit seinen treuen mandelbraunen Augen in meine, er murmelt ein paar Worte auf Arabisch, die ich als Aufforderung verstehe, meinen Blick nicht abzuwenden. Plötzlich liegt dort ein etwa dreijähriges Mädchen, augenscheinlich von einer Bombe in Fetzen gerissen. An diesem Punkt erweist sich meine Sorge, Fragen zu stellen, die zu schmerzvolle Erinnerungen wachrufen könnten, als unbegründet. „Baby“, sagt Mamon und fasst mir an die Schulter. Er will, dass ich sehe, was er sah. Er will, dass ich spüre, was für ihn und seine Familie über viele Monate Alltag war: Tod, Zerstörung, Leid. In einem nach westlichen Maßstäben unerträglichen Ausmaß. Ich bin also derjenige, der bei dieser Begegnung an seine Grenzen stößt. 


Aus dem Vorhof der Hölle in einen Krefelder Hinterhof

Das tote Kind auf dem Video ist nicht irgendein „Baby“, wie sich später im Gespräch mit Dolmetscherin Jamila El Yaagoubi herausstellt. Es ist Mamons Nichte, die bei einem der vielen Bombenangriffe getötet wurde. Auch die beiden getöteten Neffen befinden sich unter den Trümmern. Wenn Mamon über diese Geschehnisse spricht, erkenne ich keine Regung in seinem Gesicht. Die fast vier Jahre zwischen den Schergen des Assad-Regimes und den Gräueltaten der IS-Krieger haben den Familienvater emotional abstumpfen lassen. Dabei lebte er einst ein schönes Leben mit seiner Frau Nanaa Nuha und den vier Kindern. Mamon war Dachdecker, hatte sogar einen eigenen Betrieb mit 30 Mitarbeitern und einem großen Fuhrpark. Für syrische Verhältnisse lebte der Unternehmer in Saus und Braus. Er besaß Felder, die er bestellte und ein Haus, das sich nur die Oberklasse leisten konnte. Dann begann die Destabilisierung des Mittleren Ostens. Aus dem nordsyrischen Aleppo wurde einer der härtesten Schauplätze im syrischen Bürgerkrieg. Das Regime des Präsidenten Baschar al-Assad hält noch heute große Teile der Stadt im Südwesten, der IS kontrolliert den Nordosten. Dazwischen befinden sich moderate wie islamistische Rebellengruppen, deren einzige Nachschub-Route eine nach Norden führende Straße zwischen den Fronten ist.

Seit vier Monaten ist die syrische Familie in Krefeld. Sie wohnt in einer Hinterhofwohnung auf der Hubertusstraße. Ihr spärlich möbliertes Domizil ist sauber und aufgeräumt. In der Küche stehen Reis, Gemüse und Würzpasten aus der Heimat. Nanaa Nuha serviert viel zu stark aufgebrühten Kaffee, der ganz nach syrischer Tradition mit Unmengen Zucker genießbar gemacht wird. An den Wänden hängen Zeichnungen ihres ältesten Sohnes Hussein. Sie zeigen Gewehre, Bomben, Kampfflugzeuge und zerstörte Häuser. „Das ist gut“, erklärt Bernd Kaesmacher, Gemeindereferent der katholischen Kirchengemeinde. „Damit beginnt die Verarbeitung.“ Verarbeitet haben seine Eltern die zurückliegenden Monate gewiss noch nicht. Trotzdem lachen sie viel, sind herzlich, gastfreundlich und aufgeschlossen. Sie freuen sich über das Interesse an ihrem Schicksal. Gerne öffnen sie Deutschen die Tür. Der Umgang folgt allerdings streng arabischen Gepflogenheiten. Die Frau steht im Hintergrund, darf auch zur Begrüßung nicht berührt werden. Der Mann führt das Gespräch und ist auch der einzige, der direkt angesprochen werden darf. Manchmal fällt es schwer, sich daran zu halten. Besonders deswegen, weil seine Frau viel besser Deutsch spricht als er.


Aus dem Vorhof der Hölle in einen Krefelder Hinterhof

Bilder aus glücklichen Tagen, wertvolle Familienerinnerungen und furchtbare Schreckensszenarien: auf Mamons Handy befindet sich ein aberwitziges Spektrum von Lebenslagen

Das Handy hat während der gesamten Begegnung eine zentrale Rolle. Auf ihm ist die gesamte Chronologie des Niedergangs einer Stadt und der Zunahme von unaussprechlicher Gewalt gespeichert. Stolz zeigt mir Mamon sein Haus, das im Inneren mit aufwändigen Ornamenten verziert war. Ich sehe seine glücklichen Kinder vor Kriegsbeginn. „Assad hat alles kaputt gemacht“, lässt er über El Yaagoubi mitteilen. „Kindermörder“, fügt seine Frau hinzu. Mamon lehnt sich zurück und beginnt zu erzählen, er gestikuliert viel. El Yaagoubi übersetzt: „Er sagt, die Assad-Soldaten haben die Stadt überfallen und wahllos gemordet. Fast jede Nacht seien Bomben auf die Stadt geflogen.“ Mamon zeigt Foto-Collagen auf seinem Smartphone, die den syrischen Diktator verunglimpfen. Ich spüre den Hass in seiner Stimme und sehe die Verachtung in seinem Blick. Obwohl Mamon zu den Profiteuren der Regierungspolitik gehört hatte, folgte er nach Kriegsbeginn seiner ideologischen Überzeugung. Er schloss sich der Freien Syrischen Armee an und suchte den aktiven Widerstand. „Kalaschnikow“, sagt er mit einem alles durchbohrenden Blick und beugt mehrmals seinen Zeigefinger so, als würde er eine Waffe abfeuern. In diesem Moment wird mir klar, dass ich einem Mann gegenüber sitze, der nicht nur Familienvater und Zivilist war, sondern einem Kämpfer, jemandem, der auf Menschen geschossen hat. Mamon wollte das Regime stürzen; mit allen Mitteln.

Trotz aller Gräuel, die er während des Konfliktes zwischen regierungstreuen Truppen und den Widerstandskämpfern erlebt hat und trotz der Angst um seine Familie entscheidet sich Mamon erst zur Flucht, als die Daish – wie er die IS-Krieger nennt – die Stadt überfielen. Die Taten dieser Männer seien nicht in Worte zu fassen, lässt er uns ausrichten und schüttelt den Kopf. Was mag das wohl bedeuten bei jemandem, dem „normale“ Tötungen nicht einmal ein Stirnrunzeln abnötigen. Der 42-Jährige macht in jenen Tagen alles zu Geld, was er besitzt. 20.000 Euro kommen so zusammen, die er später an Schleuserbanden zahlt. „Alles ist weg“, lässt Mamon übersetzen. Er habe sogar noch Schulden gemacht. Die erste Etappe der Flucht führt die Familie in die Türkei. Von dort aus gelangen sie auf ein völlig überladenes Schlepperschiff. Zehn Tage lang sind sie auf dem Frachter unterwegs. Kaum Wasser und Nahrung. Zusammengekauert unter Deck, während draußen die Wellen gegen das Schiff schlagen. Mamon hält sich die Hände vor das Gesicht, wenn er davon erzählt und winkt anschließend ab. Den Sorgen um seine erst 27-jährige Frau und die zehn, acht, sechs und drei Jahre alten Kindern kann er mit Worten keinen Ausdruck verleihen. In Italien angekommen, scheint ihr Ziel ganz nah. Dennoch dauert auch die Autofahrt vom gestiefelten Land in Südeuropa bis ins bayrische Kempten mehrere Tage. Oft müssen sie Halt machen und die Route ändern, damit sie nicht auffliegen. In Deutschland wird die Familie zwischen den Behörden hin und her gereicht. So tingelt sie durch das Ruhrgebiet, bis ihr schließlich in Krefeld ein dauerhaftes Asyl gewährt wird.

„Mohammad Ali Mamon freut sich darüber, dass er seinen Kindern hier eine Zukunft bieten kann, eine Ausbildung und eine Aussicht auf Arbeit. Aber am wichtigsten ist ihm Sicherheit. Sicherheit für seine Frau und seine Kinder.“

Mamon hat in Syrien sein Lebenswerk aufgegeben. 42 Jahre harte Arbeit liegen in Schutt und Asche. Doch er hadert nicht. „Ich bin glücklich, hier sein zu dürfen“, sagt er und lacht. Die Deutschen seien ihm und seiner Familie gegenüber tolle Gastgeber. Niemand habe sich ablehnend oder verständnislos gezeigt. „Er freut sich darüber“, spricht El Yaagoubi in Mamons Namen, „dass er seinen Kindern hier eine Zukunft bieten kann, eine Ausbildung und eine Aussicht auf Arbeit. Aber am wichtigsten ist ihm Sicherheit. Sicherheit für seine Frau und seine Kinder.“ Die restliche Familie, darunter zahlreiche Geschwister und auch die Eltern seiner Frau, sitzt derweil immer noch in Aleppo. Die Sorge um sie ist groß. Jeden Tag könnte sie von Soldaten erschossen oder von einer Rakete zerfetzt werden. El Yaagoubi traut sich kaum, Nanaa Nuha darauf anzusprechen. „Ich befürchte, dass sie anfängt zu weinen“, sagt sie. Körperlich ist die syrische Familie zwar vollständig in Krefeld angekommen, geistig verbringt sie allerdings noch viel Zeit in der alten Heimat. Am liebsten würde sie natürlich alle nach Deutschland holen; in Sicherheit.

Ein Leuchten entflammt immer dann in den Augen des Ehepaares Mamon, wenn es über seine Kinder spricht. Die jüngste der drei Töchter geht in den Kindergarten, die anderen Kinder in die Schule. Ihre Seelen dürsten nach Geborgenheit, bereitwillig streifen sie die kontaminierten Erinnerungen von Leid und Gewalt ab – so gut es eben geht. Sie möchten lachen, leben, lieben. Momon zückt das Handy, auf dem ein bisweilen aberwitzig erscheinendes Spektrum von Lebenslagen zu finden ist. Nun zeigt er Bilder, die gerade erst entstanden sind. Ich sehe einen kleinen Drachen, eine Prinzessin, einen Cowboy und eine Fee. Alle lachen. Seine Kinder feiern Karneval. Wie echte Krefelder eben.