Das Hansa-Haus am Krefelder Hauptbahnhof zählt seit bereits 100 Jahren zweifelsfrei zu den bedeutsamsten Bauten der Innenstadt. An der Dachterrasse des einstigen Handels- und Gewerbehauses wehen dieser Tage weiß-rote Fahnen, die das 100-jährige Bestehen eines für die Stadt mindestens genau so bedeutsamen Unternehmens verkünden – des Krefelder Caritas-Verbandes.

100 Jahre Caritas in Krefeld - Weit mehr als „nur“ Altenpflege

Stiftungsvorstandsmitglieder Chris Starke und Vorstandssprecher Hans-Georg Liegener

„Das Gebäude ist die wenigsten Jahre seines Bestehens in unseren Händen“, sagt Vorstandssprecher Hans-Georg Liegener während er durch die langen Flure des Hansa-Hauses führt und ergänzt: „Heute ist es jedoch ein echtes Caritas-Haus und beherbergt nicht nur die Gesamtverwaltung für Krefeld und Meerbusch, sondern auch zahlreiche soziale Einrichtungen, darunter ein Altenheim, den Fachdienst für Migration und Integration, den Haus-Notruf und zwei Verkaufsläden.“ Es ist ein Querschnitt, zugleich aber nur ein kleiner Ausschnitt der rund vierzig Einrichtungen des prosperierenden Sozialunternehmens. Seit seiner Gründung im Jahr 1916 ist das Leistungsspektrum eines der ältesten Ortscaritasverbände Deutschlands nämlich ­stetig gewachsen und ist heute ein unersetzlicher Pfeiler der karitativen Versorgung der Region.

„Nahe am Menschen“ lautet das Credo der Caritas und es ist nicht bloß eine leere Worthülse, sondern beschreibt den Kern dessen, was die rund 1.110 Beschäftigten heute tagtäglich leisten. Überall dort, wo sich Menschen in gesundheitlichen, gesellschaftlichen und finanziellen Notlagen befinden, bildet das engmaschige Versorgungsnetz der Caritas einen doppelten Boden – unabhängig von Herkunft, Konfession und sozialem Status der Hilfsbedürftigen. „Im Bereich der Altenpflege sind wir mit unseren sechs Altenheimen, der Tagespflege und unseren mobilen Pflegeangeboten eindeutig Marktführer und versorgen 40 Prozent aller Klienten. Das ist für die Bevölkerung sehr erlebbar, doch neben unserer Funktion als Altenhilfeträger gibt es zahlreiche weitere Schwerpunkte, die weniger präsent sind“, schildert Liegener.

Einer dieser Schwerpunkte ist die Alkohol- und Drogenhilfe, die in Krefeld ebenfalls zu großen Anteilen von der Caritas organisiert wird. Sie wurde bereits kurz nach dem zweiten Weltkrieg etabliert und seitdem immer weiter ausgebaut. Die Besonderheit: Von Anfang an bot die Krefelder Caritas dabei eine Kombination von professionellen Hilfsangeboten und Selbsthilfe an – „keine Selbstverständlichkeit“, wie der Vorstandssprecher anmerkt. Im Zuge der Flüchtlingskrise hat sich auch die Relevanz der Migrations- und Integrationsarbeit, die schon immer eine Säule der Caritas war, weiter verstärkt. „Die meisten Flüchtlinge, die bei der Stadt anrufen und sich nach Hilfsangeboten erkundigen, werden an uns weitergeleitet. Zudem führen wir das städtische Spendenkonto für Flüchtlinge – ein Vertrauensbeweis der Stadt“, skizziert Liegener die zentrale Rolle der Caritas bei der Bewältigung der intensivierten Flüchtlingsströme. Sehr deutlich wird die Glaubwürdigkeit des Credos der Institution auch im Bereich der Gemeinde- und Stadtteilarbeit. Zwischen Kindergarten, Jugendzentrum und Seniorenclub betreibt die Caritas einen „ganzen Blumenstrauß kleiner quartiersbezogener Einrichtungen.“ Ebenfalls „nahe am Menschen“ agieren die durch Sachspenden und Wohnungsauflösungen gespeisten Secondhandläden der ­Caritas, die ihr Angebot zwar prinzipiell an Bedürftige richten, aber inzwischen auch bei Sammlern, umweltbewussten Menschen und Schnäppchenjägern eine hohe Beliebtheit genießen, was Liegener begrüßt: „Die offene Politik in unseren fairKauf-Läden ist ein gutes Beispiel für die prinzipielle Offenheit unseres Unternehmens. Ob als Mitarbeiter, Klient oder Kunde –  bei uns ist jeder willkommen.“

„Wir sind Kirche in einem sehr weltzugewandten Sinne und sehen keinen Widerspruch darin, ein interkulturell offenes, als auch erkennbar christlich geprägtes Unternehmen zu sein.“

„Wenn in Krefeld ein Caritas-Pflegeauto von einer Frau mit Kopftuch gefahren wird, ist das garantiert keine Nonne“, scherzt der Caritas-Chef und spielt damit auf die für ein in der katholischen Kirche verwurzeltes Unternehmen eher ungewöhnliche religiöse Pluralität der Belegschaft an. „Wir sind Kirche in einem sehr weltzugewandten Sinne und sehen keinen Widerspruch darin, ein interkulturell offenes, als auch erkennbar christlich geprägtes Unternehmen zu sein.“ Ein Blick in die öffentliche Belegschaftsstatistik auf der Caritas-Website beweist: Im Unternehmen arbeiten neben katholischen auch zahlreiche evangelische, jüdische, buddhistische, muslimische und konfessionslose Mitarbeiter – keine Spur also von dogmatischer religiöser Einfalt. Transparenz hingegen ist ein wichtiger Baustein der Unternehmensphilosophie wie Liegener ausführt: „Unsere Bilanzkennzahlen sind öffentlich zugänglich und jeder kann nachsehen, was wir in welchem Bereich verdient haben.“ Zu verbergen gibt es ohnehin nichts, denn die Krefelder Caritas steht auf einem soliden finanziellen Fundament und trotzt damit erfolgreich einem strukturellen Problem karitativer Unternehmen – das Gros der angebotenen Leistungen erzielt keine Einnahmen, produziert jedoch erhebliche Kosten. Die solide Finanzierung verdankt das Unternehmen dabei sowohl seiner internen Struktur, als auch seiner visionären Finanzpolitik.

„Die Caritas ist kein Konzern. Das denken viele, aber wir sind nicht nur farblich, sondern auch in unserem Aufbau vergleichbar mit den Sparkassen“, erläutert Liegener die Unternehmensstruktur und fährt fort: „Wir haben deutschlandweit den gleichen Auftritt, aber darunter verbergen sich zahlreiche selbstständige Einheiten mit jeweils eigener finanzieller und rechtlicher Verantwortung. Wir sind somit ein Verband, aber auch ein autarkes Sozialunternehmen.“ Neben dieser finanziellen und strategischen Unabhängigkeit sind es vor allem aber auch innovative Finanzkonzepte, die das Wirken der Krefelder Caritas ermöglichen. „Wir haben vor gut zehn Jahren die Caritas-Stiftung mit dem Zweck gegründet, langfristig Vermögen aufzubauen, um unsere karitativen Leistungen auch in Zukunft finanzieren zu können“, erläutert Stiftungsvorstandsmitglied Chris Starke und ergänzt: „Wir haben daher mehrere Angebote, mit denen wir Geld erwirtschaften können, ohne dabei unser soziales Leitmotiv zu vernachlässigen.“ Eines dieser Angebote ist die sogenannte Hausstifterrente, eine Umkehrhypothek, bei der Menschen ihre Häuser an die Caritas abtreten und dafür für einen bestimmten Zeitraum Ratenzahlungen erhalten. „Gerade alte Menschen ohne direkte Erben nehmen dieses Angebot sehr dankbar an“, sagt die vormalige Unternehmensberaterin Starke, die seit Jahren erfolgreich Unternehmen, Privatpersonen und soziale Organisationen zusammenbringt und für karitative Projekte gewinnt. „Unsere Vision ist es, auch 2025 das, was wir heute anbieten, weiterhin anbieten zu können. Gerne möchten wir auch die nächsten hundert Jahre im Hansa-Haus sitzen“, konstatiert Caritas-Chef Liegener und holt einen Flyer aus seiner Schreibtischschublade. Anlässlich des runden Jubiläums gibt es neben dem offiziellen Festakt am 08. Juni auch einen Tag der offenen Tür am 04. September – eine ideale Gelegenheit, hinter die vielen Kulissen des so bedeutsamen Krefelder Unternehmens zu blicken.

Caritas-Verband für die Region Krefeld e.V., Am Hauptbahnhof 2, 
47798 Krefeld, Tel.: 02151 63950, Web: www.caritas-krefeld.de