Es ist eine glasklare Nacht im September 1997, als Claudia Gebhard ihren lang gehegten Plan endlich in die Tat umsetzt. Mit ihren damals erst 14, sieben und drei Jahre alten Kindern, drei Taschen und 60 Mark im Portemonnaie setzt sie sich ins Auto und verlässt ihre alte Heimat im oberpfälzischen Weiden. Ihr Ziel ist das rund 600 Kilometer entfernte Krefeld. Zwei Jahre hatte Gebhard gebraucht, ehe sie sich zu diesem alles verändernden Schritt durchringen konnte. Ihre Ehe lag am Boden, sie war verzweifelt. Letztlich erschien ihr die Flucht als alternativlos, wollte sie doch selbst wieder glücklich werden und ihren Kindern ein besseres Leben bieten. Etliche Stunden fährt sie auf den Autobahnen der Republik, bis sie schließlich im Morgengrauen die Tore der Seidenstadt erreicht. Aber wie soll es jetzt weitergehen?

Alltagsstütze und Rettungsboot für Havarierte - 70 Jahre Krefelder Familienhilfe e.V.


Claudia Gebhard

Wer dieser Tage in das Gesicht der inzwischen 50-Jährigen blickt, kann die ­Strapazen vor der Jahrtausendwende bestenfalls erahnen. Besonders in ihrem heißgeliebten Umfeld bei der Krefelder Familienhilfe auf dem Ostwall blüht sie förmlich auf. Erst der Blick in ihre eigene Vergangenheit treibt Spuren der Sorge auf ihre Stirn. „Ich habe damals rund zwei Jahre meine Flucht in ein neues Leben geplant. Mein Onkel wohnte hier in Krefeld, und er sagte mir immer: ‚Wenn es nicht mehr geht, dann komm zu mir.’ Als es dann in meiner Ehe immer schlimmer wurde, verstarb mein Onkel unerwartet an Krebs. Trotzdem habe ich an meinem Plan festgehalten, denn zwei Cousins aus Viersen haben mir weiterhin ihre Hilfe angeboten“, erzählt Gebhard. Trotz des Familienanschlusses steht die alleinerziehende Mutter anfänglich weitestgehend alleine da. Sie will mit ihren Kindern in der für sie neuen Umgebung Fuß fassen, eine gute Mutter sein und am liebsten ihr Geld selbst verdienen, denn die ihr zugedachte Grundsicherung reicht nicht aus, um die moderaten Familienansprüche zu decken. „Es kam schon nicht selten vor“, erzählt sie mit Blick in die wohl schwerste Phase ihres Lebens, „dass ich am 25. des Monats nur noch fünf Mark in der Tasche hatte. Für mich habe ich in dieser Zeit eigentlich gar kein Geld ausgegeben. Gezählt hat nur, dass meine Kinder satt wurden.“ Die schicksalhafte Wendung in Gebhards Leben ging von einer Nachbarin aus. „Sie sagte, ich solle doch einmal zur Familienhilfe gehen. Damals hatte ich keine Ahnung, wie dieser kleine Tipp mein Leben verändern würde“, erzählt die Wahl-Krefelderin mit einem Lächeln. Da war sie: die Perspektive.

Die Krefelder Familienhilfe ist wie ein Rettungsring in der stürmischen See einer sich rasant verändernden Gesellschaft. Wie vielen Menschen sie seit ihrer Gründung bereits geholfen hat, ist kaum zu ermitteln, aber es müssen etliche sein, reicht ihre Gründung doch bis in die Kriegszeit zurück. In diesen Tagen feiert der gemeinnützige Verein seinen 70. Geburtstag. Er ist damit der älteste seiner Art im gesamten Bundesgebiet. Viele Delegationen anderer Städte besuchten Krefeld noch vor ­Einführung der Verfassung, um die Strukturen der damals einzigartigen Keimzelle wirksamer und solidarischer Hilfe zu studieren und zu kopieren. Über die Dekaden hat der Zukunft spendende Zusammenschluss sein Angebotsspektrum immer wieder erweitert. Heute sind auch die Seniorenhilfe und der Seniorenclub ein Teil der Organisation. Trotz dieses erweiterten Blickwinkels ist die Kernidee bis heute dieselbe geblieben: In Not geratene Menschen unkompliziert und unbürokratisch zu unterstützen. Menschen wie Claudia Gebhard.

Die Krefelder Familienhilfe feiert in diesen Tagen ihren 70. Geburtstag. Sie ist damit der älteste gemeinnützige Verein dieser Art in Deustchland.

„Ich konnte es kaum fassen“, erzählt Gebhard sichtlich bewegt, „schon bei meinem ersten Besuch wurde mir geholfen. Natürlich wollte man wissen, in welchen Lebensumständen ich lebte und wofür ich Hilfe bräuchte, aber ich habe sofort Geld ausgehändigt bekommen. Zwar keine Unsummen, aber so viel, um den Monat ohne Hunger zu überbrücken. Da war ich wirklich sprachlos.“ Doch es sollte nicht bei dieser einmaligen Hilfe bleiben. In den kommenden Monaten und Jahren wurden der Exil-Bajuwarin immer wieder Unterstützungen zuteil. Mal waren es Geld- oder Sachspenden, ein anderes Mal erhielt sie Essen auf Rädern. Weihnachtsspenden, Umzugshilfen und Möbelsubventionen waren für die heutige Mutter von vier Kindern wie ein Silberstreif am Horizont. „Mit jedem ‚Danke’, dass ich sagte, wuchs in mir der Wunsch, etwas zurückzugeben. Die Familienhilfe gab mir die Möglichkeit, meine Kinder anständig zu erziehen. Alle sind wohlgeraten und fest in die Gesellschaft integriert. Ich weiß nicht, ob mir das ohne Unterstützung gelungen wäre“, sagt sie.

Alltagsstütze und Rettungsboot für Havarierte - 70 Jahre Krefelder Familienhilfe e.V.


Um ihrer Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen, wurde Gebhard im Jahr 2007 selbst ein Teil der Familienhilfe. Mit viel Leidenschaft und Hingabe widmet sie sich seitdem ihrer Arbeit im Seniorenclub. „Es macht mir großen Spaß, mit den Besuchern des Seniorenclubs zu sprechen und ihnen eine schöne Zeit zu bereiten“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. „Viele der Senioren kenne ich schon lange. Ich weiß um ihre Vorlieben und kann ihnen die Wünsche von den Augen ablesen.“ Für ihre Gäste, die beim Ableger der Familienhilfe Geselligkeit und Abwechslung suchen, ist sie ein Engel, für Gebhard selbst bedeutet die Arbeit Seelenglück. Endlich hat sie wieder eine Aufgabe, einen Platz in der Gesellschaft. Mehr noch: Denn aus der anfänglich ehrenamtlichen Tätigkeit ist inzwischen eine feste Stelle auf Basis einer 25-Stunden-Woche geworden. Gebhard hat damit wieder ein geregeltes Auskommen und ein erweitertes Arbeitsspektrum. Zusätzlich zur Betreuung ist sie nun auch für die Sitzgymnastik der Senioren verantwortlich.

„Damit die Familienhilfe auch in Zukunft in Not geratene Menschen wie Claudia Gebhard helfen kann, ist sie auf Bürger-Spenden angewiesen“, appelliert Geschäftsführerin Ute Gerhard Falk. „Aber auch Unterstützung abseits monetärer Zuwendungen ist immer gerne gesehen. Unser 70-jähriges Bestehen zeigt recht deutlich, dass wir in Krefeld immer auf Mitstreiter zählen konnten, aber es wäre schön, wenn wir noch mehr Menschen helfen könnten.“ Wir alle sind also gefordert, eine Institution zu erhalten, die schon zu Kriegszeiten Menschen eine Antwort auf die Frage bot, wie es jetzt eigentlich weitergehen soll.