In der evangelischen Kirchengemeinde Alt Krefeld gibt es seit einem Jahr Raum für Migrantengruppen verschiedenster Herkunft

Der Runde Tisch im Oktober ist sehr gut besucht. Vom Pontischen Verein „Pontiaki Estia“ über den Kongolesischen Verein und die Griechische Gemeinde Krefeld & Umgebung bis zur evangelischen Indischen Gemeinde „Church of Divine Love“ haben sich im Gemeindehaus an der Alten Kirche Vertreter aller im „Dach der Kulturen in Krefeld“ beheimateten Migrantengruppen eingefunden, um einen Vortrag von Eleni Biskini-Fischer zu hören. Die Leiterin der Integrationsagentur der Diakonie Krefeld & Viersen ist selbst vor knapp 20 Jahren vom Athener Hafen Piräus nach Deutschland gereist, „der Liebe wegen“, wie die heute 46-Jährige schmunzelnd erzählt. „Da außer mir keiner meiner griechischen Verwandten mit nach Deutschland gezogen war, bin ich damals ganz alleine hier angekommen. Jetzt helfe ich selbst neu Angekommenen, sich zu integrieren. Vor knapp einem Jahr haben wir mit dem „Dach der Kulturen in Krefeld“ einen festen Anlaufpunkt für kleinere Migrantengruppen geschaffen und zusätzlich eine Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen sowie kostenlose Integrationsunterstützung für Neuzugewanderte und Flüchtlinge anzubieten.“ 

Dach der Kulturen, Plakat

Zwar nicht alleine, aber zunächst ohne ihren kleinen Sohn, gingen die Eltern von Theodoros Parassidis vor 18 Jahren nach Deutschland. „Sie dachten, für die paar Jahre, die sie hier arbeiten, können sie mich auch in Griechenland lassen“, erzählt er. Als das deutsche Gastspiel dann doch zur Dauervorstellung wurde, holten sie ihren damals acht Jahre alten Sohn nach. Heute ist Theodoros 26, arbeitet als Zerspanungsmechaniker und engagiert sich für die „Griechische Gemeinde Krefeld und Umgebung“, die etwa 2.500 Menschen betreut. „Viele meiner Landsleute sind schon in den 60er und 70er Jahren als Gastarbeiter gekommen“, berichtet er. „Dann gab es eine Einwanderungspause. Aber seitdem die Krise in Griechenland immer schlimmer wird, verlassen wieder viele – vor allem junge – Menschen ihre Heimat.“

Wirtschaftliche oder politische Krisen und Schlimmeres waren die Motivation für viele Einwanderer, die in den letzten Jahrzehnten den Weg nach Krefeld gefunden haben. Rezene Ghebremedhin zum Beispiel kam bereits 1983 aus Eritrea nach Deutschland, weil in seiner ostafrikanischen Heimat Krieg herrschte. „Daher wurde mein Asyl-Antrag auch sehr schnell anerkannt“, erinnert er sich. „Heute ist Eritrea zwar von Äthiopien unabhängig, aber die Lage ist trotzdem sehr schlecht. Also fliehen wieder Menschen und versuchen durch die Sahara nach Libyen und von da über das Mittelmeer nach Italien zu kommen. Dabei sterben viele oder werden von Räuberbanden verschleppt“, erzählt er traurig. Aber auch diejenigen, die es nach Deutschland geschafft haben, brauchen Unterstützung. Sie müssen die Sprache lernen oder brauchen Hilfe bei Behördengängen. Für Rezene ein wichtiger Grund, sich im Rahmen der Flüchtlingsinitiative „Selam“ für neu angekommene Eritreer einzusetzen.

Praktische Unterstützung für ihre Landsleute und Förderung des kulturellen Zusammenhalts sind die Hauptmotive für zwei Initiativen aus dem slawischen Sprachraum: die „Slowenische Glocke“ und der deutsch-russische Verein „Tschechow Bibliothek“. Die Bibliothek befindet sich seit ihrer Gründung in einem Gebäude der Klinik Königshof und umfasst über 6.000 russische und zweisprachige Bücher und CDs. „Zu uns kommen Menschen, die aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion stammen“, erklärt die 53-jährige Vera Jurkina, die selbst vor 13 Jahren aus Weißrussland nach Deutschland kam. „Neben dem Verleih von Büchern und CDs veranstalten wir regelmäßig bilinguale Sprachaustausch-Treffen und kulinarische Abende, an denen immer auch Deutsche und Menschen aus anderen slawischen Ländern teilnehmen. Wir verstehen unsere Aktivitäten als Brücke zwischen den Kulturen.“ Erst 21 Jahre alt und schon seit 15 Jahren in Deutschland, lebt Vereinsmitglied Yauheni Kaplan, der als „Supertalent“ schon mit Dieter Bohlen zusammen auf der Bühne gestanden hat. Als großer Fan der Krefelder Schlagersängerin Andrea Berg ist es sein größter Wunsch, dass die Tschechow Bibliothek in einem sozialen Projekt mit seinem Star kooperiert.

Dach der Kulturen, Frau

„Da außer mir keiner meiner griechischen Verwandten mit nach Deutschland gezogen war, bin ich damals ganz alleine hier angekommen. Jetzt helfe ich selbst neu Angekommenen, sich zu integrieren.“

Im Gegensatz zur großen russischen Sprachgemeinschaft gibt es nur etwa zweieinhalb Millionen Menschen, mit Slowenisch als Muttersprache, von denen heute etwa 500.000 nicht in dem kleinen Land zwischen Alpen und Mittelmeer leben. Vorsitzende des Kulturvereins Slowenische Glocke ist Rozina Lovrencic, die bereits vor 38 Jahren zusammen mit anderen Gastarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Krefeld kam. „Unterstützung haben wir auch schon früh von der katholischen Kirche bekommen, indem Messen in unserer Sprache gelesen wurden“, erzählt sie und ergänzt: „Seit unser Land unabhängig ist, bekommen wir auch Hilfe von der slowenischen Regierung.“ Vom Ministerium für Minderheiten wurden Igor Kramberger und seine Frau nach NRW geschickt, um die Maßnahmen hier zu koordinieren. Wobei die Schwerpunkte der Auslandsarbeit in Nachbarstaaten mit slowenischen Minderheiten wie Italien und Österreich und im wesentlich näheren Süddeutschland liegen. Gerade dorthin sind viele junge, gut ausgebildete, Slowenen ausgewandert, seit die Wirtschaftskrise der südeuropäischen Länder auch ihre Heimat erreicht hat.

Diese kurzen Einblicke zeigen, dass die Lebenssituationen und Einwanderungsgründe der Krefelder Migranten sehr unterschiedlich sind und doch alle etwas gemeinsam haben. Es gibt Menschen, die bereits seit ein oder zwei Generationen hier leben und sich beruflich und sozial etabliert haben, denen es aber wichtig ist, kulturell nicht völlig in der Mehrheitsgesellschaft aufzugehen. Daher werden die eigene Sprache und Kultur gepflegt. Neuankommende aus denselben Ländern oder Flüchtlinge aus anderen Weltgegenden benötigen dagegen deutsche Sprachkurse und Orientierung in der neuen Umgebung. Allen gemeinsam ist das Bedürfnis nach festen Räumen für ihre Aktivitäten und das Leben ihrer kulturellen Identität. Es war eine zukunftsweisende Tat, das Gemeindehaus an der Alten Kirche für Migrantengruppen zu öffnen. Ende Oktober 2016 hat die Evangelische Kirchengemeinde Alt-Krefeld ihr 850-jähriges Jubiläum gefeiert. Mit dem „Dach der Kulturen in Krefeld“ hat sie ein echtes Zukunftsprojekt ins Leben gerufen.

Dach der Kulturen, Quartelnstraße 13, 47798 Krefeld – Kontakt: Eleni-Biskini-Fischer, Telefon: 02151-3632030, eleni-biskini-fischer@diakonie-krefeld-viersen.dewww.altekirche.alt-krefeld.de/content/dach-der-kulturen/