Die unterschätzten Kräfte einer unscheinbaren Lebensform

Die Winterzeit bricht an. Grippe und Erkältung haben Hochsaison. Krank werden will niemand. Doch wie schützt man sich jetzt am besten vor Influenza und Co.? Die meisten würden nun wahrscheinlich auf Vitamine, viel Wasser und genügend Schlaf schwören. Sicherlich ist eine gesunde Ernährung ebenso ausschlaggebend für ein aktives Immunsystem wie ein gesundes Maß an Bewegung und Ruhepausen. Auch Heilkräuter sind den meisten Deutschen bekannt – in Kräutertees, Hustensirup oder -Bonbons. Ein Alternativvorschlag, der hierzulande weniger verbreitet ist, sind Heilpilze. Besonders in China werden Heil- und Vitalpilze schon lange zur Krankheitsbekämpfung- und Vorbeugung verwendet. Im westlichen Raum konnte sich diese Alternative allerdings noch nicht durchsetzen. Und das, obwohl erwiesen ist, dass Pilze erstaunliche Qualitäten besitzen. 

Auf den Spuren der Heilpilze:

GAMU – Nahrungsergänzungsmittel für eine gute Gesundheit
Im Vergleich mit diversen Obst- und Gemüsesorten – darunter Apfel, Zitrone, Spinat und Karotte – zeigt sich beispielsweise, dass sogar die uns bekannten Speisepilze zum Teil vielfach höhere Vitaminwerte aufweisen als diese. Die sogenannten Heilpilze verfügen über ein noch höheres Maß an Vitalstoffen. „Der Normalverbraucher kennt Heilpilze nicht, und das ist erstaunlich“, findet Prof. Dr. Dr. h.c. Jan Lelley, Institutsleiter der „Gesellschaft für angewandte Mykologie und Umweltstudien“, kurz GAMU und betont: „Schließlich ist die Heilwirkung der Pilze seit Jahrtausenden bekannt.“ Die GAMU wurde 1993 als Ausgründung der „Versuchsanstalt für Pilzanbau“ der Landwirtschaftskammer NRW ins Leben gerufen und betrieb zunächst vor allem Pilzforschung und -Kultivierung. Heute hat sich der Betrieb auf die Entwicklung und Vermarktung von Nahrungsergänzungsmitteln auf Basis von Heil- und Nutzpilzen spezialisiert. Woran die fehlende Bekanntheit der Pilze als Fitmacher liegen könnte, erklärt der Experte so: „Kräuter wurden immer schon angebaut und kultiviert. Bei Pilzen konnte man das lange nicht. Erst seit 1960 werden Pilze professionell und im großen Stil angebaut.“ Auch gab es zu dieser Zeit bereits diverse etablierte Arzneimittel, die den Markt zunehmend dominierten.

„Pilze können unglaublich viel. Sie sind zum Beispiel in der Lage, Abwehrstoffe zu bilden, die für uns Menschen wiederum medizinisch genutzt werden können.“
(Miriam Sari)

Auch heute sind Heilpilze weitgehend unbekannt und werden vor allem für Naturheilverfahren – zum Beispiel von Heilpraktikern – genutzt und empfohlen. Das Angebot der GAMU umfasst unter anderem Extrakte und Pulver zur Stärkung der Immunabwehr, zur Verbesserung der Darmfunktion, für starke Knochen und ausreichende Kollagenbildung sowie zur Linderung der Nebenwirkungen von Chemotherapien. Das fünfköpfige Team um Jan Lelley steht Interessenten und Hilfesuchenden beratend zur Seite. Außerdem veröffentlichte der Institutsleiter bereits mehrere Bücher zu diesem Thema und unterstützt mit seiner langjährigen Expertise Forschungsvorhaben im Bereich der Mykologie. Eines davon ist das Kompetenzzentrum für angewandte Mykologie und Umweltstudien, kurz KAMU.

Auf den Spuren der Heilpilze, Prof. Dr. Dr. h.c. Jan Lelley, Institutsleiter der Gesellschaft für angewandte Mykologie und Umweltstudien

Prof. Dr. Dr. h.c. Jan Lelley, Institutsleiter der Gesellschaft für angewandte Mykologie und Umweltstudien

KAMU – Wo die Mykologie neu aufblüht Obwohl
die Forschungsarbeit im GAMU-Institut heutzutage nicht mehr stattfindet, ist das Feld nicht vollständig aus der Region verschwunden. Die Hochschule Niederrhein hat in Anlehnung an die frühere Arbeit der GAMU im Jahre 2016 ein eigenes Kompetenzzentrum für Mykologie mit Sitz im Fachbereich Oecotrophologie am Standort Mönchengladbach gegründet. In diesem Fachbereich wird unter der Leitung von Prof. Dr. Reinhard Hambitzer an Heil-, Nutz- und Schimmelpilzen geforscht. Anlass zur Gründung des Fachbereichs gab im Jahr 2011 das Master-Forschungsprojekt der damaligen Studentin und heutigen Doktorin Miriam Sari zum Thema „Chromatografische Untersuchungen von Beta-Glucanen aus Pilzextrakten“. Beta-Glucane sind in den Zellwänden von Pilzen zu finden und weisen sehr spezielle chemische Eigenschaften auf, die sich in richtiger Anwendung positiv auf die Gesundheit auswirken können. Saris Arbeit sorgte für ein aufkeimendes Interesse mehrerer Professoren aus den Bereichen der Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften, Mikrobiologie und Lebensmittelhygiene für das recht unerschlossene Gebiet der Mykologie. Die Forschungsziele des vierköpfigen Teams sind sowohl die Erschließung heimischer Sorten als mögliche Heil- und Vitalstofflieferanten als auch die Ausarbeitung verlässlicher Analysemethoden zur Wirkstoffprüfung. „Es gibt noch wahnsinnig viele unbekannte Spezies. Und auch die bekannten Sorten sind größtenteils noch nicht hinreichend erforscht. Für die Verwendung in Arzneimitteln müssen zunächst exakt kalkulierbare Ergebnisse vorliegen und standardisierte Gehaltsangaben möglich sein. Deshalb sind Pilzextrakte derzeit nur in Form von Nahrungsergänzungsmitteln erhältlich“, erklärt Miriam Sari. Als Berater und Mentor steht dem Forschungsteam Professor Lelley zur Seite, einer der wenigen Spezialisten im Bereich Mykologie. Die junge Forscherin hat ihre Faszination für Pilze mit Jan Lelley gemein. „Pilze können unglaublich viel. Sie sind zum Beispiel in der Lage, Abwehrstoffe zu bilden, die für uns Menschen wiederum medizinisch genutzt werden können“, erklärt sie. „Ich habe den Eindruck, Pilze werden wieder zum Trend, das Interesse steigt merklich.“ Die Forschungsarbeit des KAMU machen sich beispielsweise Pilz-Anbauer aus der Region zu Nutze, die sich von den Experten bei der Optimierung ihrer Nährsubstrate beraten lassen.

Auf den Spuren der Heilpilze:

Sollte die Forschungsarbeit auf den Gebieten der Mykologie weiter voranschreiten, ist es durchaus denkbar, dass Pilze und von ihnen erzeugte Stoffe bald auch in Arzneimitteln Verwendung finden. Es wäre nicht das erste Mal, dass Pilze einen entscheidenden medizinischen Durchbruch ermöglichen. Man denke an das Penicillin, das aus einem Schimmelpilz gewonnen wurde und als eines der ersten wirksamen Antibiotika Leben rettete. Auch wenn es bisher noch keine standardisierten Methoden zur Bestimmung von Inhaltsstoffen aus Pilzen gibt, steht fest, dass sie großes medizinisches Potenzial besitzen. In den harten Wintermonaten können sie das Immunsystem kräftig unterstützen.

 

GAMU mbH – Institut für Pilzforschung,
Hüttenallee 241,
47800 Krefeld,
Mo + Do 8.30-15.30 Uhr,
Web: www.gamu.de, Tel.: 02151 58940

KAMU – Kompetenzzentrum für angewandte Mykologie und Umweltstudien,
Rheydter Str. 277, 41065 Mönchengladbach,
Tel.: 02161 1865326,
Web: www.hs-niederrhein.de/forschung/kamu