Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur

Was hat das Thema Stadtentwicklung in Krefelds neuem Magazin „Architektur und Baukultur in Krefeld“ zu suchen? Ist es nicht ausreichend, wenn Baukultur sich mit den schönen, alten Gebäuden befasst und dieses Kulturgut bewahrt oder fortschreibt? Warum gleich die ganze Stadt entwickeln? Stadtentwicklung findet auf der übergeordneten, alle fachlichen und gesellschaftlichen Aspekte miteinander verbindenden Ebene statt. Sie geht vom Zusammenwirken ökonomischer, ökologischer und sozialer Aspekte aus, kann aber aus Sicht der Bundesstiftung Baukultur erst voll wirksam werden, wenn dieses Nachhaltigkeitsdreieck durch die Aspekte der physisch und emotional wirksamen Präsenz der gebauten Stadt erweitert wird, also um die Baukultur.

Baukultur erzeugt Bürgerstolz

Die meisten Menschen können mit dem Begriff Baukultur wenig anfangen oder setzen ihn mit Denkmalpflege gleich. Viele Architekten und Planer verwenden den Begriff dagegen eher selbstreferentiell und bestätigen sich gegenseitig, wie wichtig Baukultur sei.

Die Bundesstiftung geht von beiden Positionen aus und hat den Auftrag gutes Planen und Bauen, und nichts anderes ist Baukultur (wie es bei der Esskultur gute Zutaten und gutes Kochen sind), einer allgemeinen Öffentlichkeit zu vermitteln, aber natürlich auch denen, die es beruflich angeht. Baukultur ist wesentlich, um eine als lebenswert empfundene Umwelt zu schaffen. Sie hat neben sozialen, ökologischen und ökonomischen Bezügen auch eine emotionale und ästhetische Dimension. Im Ergebnis einer angewandten Baukultur sind wir stolz auf unsere Stadt – Baukultur erzeugt Bürgerstolz.

In baukultureller Qualität steckt also erhebliches gesellschaftliches, soziales und damit auch ökonomisch relevantes Potenzial. Je zufriedener Menschen mit ihrem Umfeld, in dem sie leben, mit den Häusern, Plätzen und Straßen sind, umso eher sind sie bereit, sich für den Erhalt, die Pflege und die Weiterentwicklung der Qualität auch für zukünftige Generationen zu engagieren. Sie leben mit der gebauten Umwelt nicht nur unter funktionalen Kriterien, sondern nehmen bewusst und unbewusst sehr viel mehr wahr, was Einfluss auf Gesundheit, Wohlbefinden und Gemeinsinn nimmt. Immer mehr Akteure aus der Stadtgesellschaft beteiligen sich an der Entwicklung ihres Lebensraums oder würden es zumindest gerne tun. Deshalb sind neue Formen der Dialogkultur nötig, um unter Bürgerbeteiligung bereits frühzeitig Planungsziele festzustecken und nicht erst über fertige Lösungen zu diskutieren.

Unter diesen neuen Vorzeichen ist die verantwortliche Gestaltung des Planungs- und Umsetzungsprozesses umso wichtiger. Das erfordert umfassende Abstimmungen und ist oft zeit- und kostenintensiver, eröffnet aber neue Möglichkeiten, um im Ergebnis zu individuellen, ortsspezifischen und unverwechselbaren Bauten, Stadt- und Ortsstrukturen sowie öffentlichen Räumen zu gelangen.

Die öffentliche Hand kann an dieser Stelle mit ihren Verfahren, Planungen und Baumaßnahmen zur Unverwechselbarkeit unserer Städte beitragen und damit Identität lokal und regional stiften. Und Politiker können durch Planungsaktivitäten Unzufriedenheitspotenzial aufnehmen, in produktive Bahnen lenken und auf diese Weise breite Zustimmung für Entwicklungen und Veränderungen erzielen. Für alle ist Baukultur ein Schlüssel, um gesellschaftlichen und ökonomischen Mehrwert zu schaffen.

Die Macht der produktiven Idee

Wie kann nun aber Baukultur nicht nur im positiven Fall zum Ergebnis, sondern zum Motor, also zum Antrieb von Stadtentwicklung werden? Ich glaube, wir brauchen die Erdung, die das Bauen letztlich bietet einerseits und die visionäre Kraft der Planung andererseits. Max Frisch, der bekannte Schriftsteller und studierte Architekt spricht vom Begeisterungspotential der schöpferischen Planung durch die Macht der produktiven Idee.

Wenn wir uns also die Frage stellen, wie wir an einer positiven Zukunft für die Lebensräume unserer Stadt systematisch arbeiten können, so fällt mir als Analogie im Sinne eines baukulturellen Leitfadens dazu die bisher unvollendete Buch-Triologie von Richard Sennet ein, dem herausragenden Soziologen und Kulturphilosophen, von der zwei Bände vorliegen und der dritte Band bevorsteht.

„Je zufriedener Menschen mit ihrem Umfeld, in dem sie leben, mit den Häusern, Plätzen und Straßen sind, umso eher sind sie bereit, sich für den Erhalt, die Pflege und die Weiterentwicklung der Qualität auch für zukünftige Generationen zu engagieren“

Der erste Band trägt den Titel „Handwerk“. In dieser Kulturgeschichte des Handwerks stellt er fest: „Die Trennung von Kopf und Hand schadet dem Kopf!“. Wir müssen einfach unser Handwerkszeug verstehen, das gilt gleichermaßen für Architekten, Ingenieure, Stadtplaner, Ökonomen, Soziologen, Politiker, Stadtentwickler oder Immobilienwirtschaft. Inzwischen tragen viele zur Multidisziplinarität bei: Wir wollen, dass daraus baukulturell produktive Interdisziplinarität wird. Die handwerklichen Fähigkeiten einzelner, von der Gesellschaft ohnehin weitgehend gering geschätzt, können nämlich vor allem durch einen speziellen sozialen Aspekt bei der praktischen Arbeit zur Geltung kommen, der Kooperation. So betitelt Sennet sein zweites Buch „Zusammenarbeit“ mit dem Untertitel „Was unsere Gesellschaft zusammenhält“. Wir sind hier sehr nah an der Baukultur und den Anforderungen an eine gelingende Stadtentwicklung: Handwerklichkeit und Interdisziplinarität, verbunden mit der Wertschätzung für andere Fachdisziplinen deren Wissen und kulturellem Hintergrund, vom Handwerker bis zum Künstler, vom Architekten bis zum Immobilienkaufmann.

Wir hetzen von Einzelentscheidung zu Einzelentscheidung

Fehlt als drittes noch die Ergebnisorientierung. Woran und wofür arbeiten wir? Das dritte Buch Sennett‘s wird den Titel „Städtebau“ tragen und tatsächlich finde ich, dass die Handlungsebene des Städtebaus angesichts der aktuellen Bauaufgaben im Bestand und der bevorstehenden Planung neuer Siedlungen oder Quartiere in Stadt und Land die zentrale Herausforderung ist. Hier sind tatsächlich die größten Defizite und die geringste Zahl von Verbündeten. Mit dem immobilienwirtschaftlichen Zwang zur Adressbildung ist häufig ein weitgehend autistischer Städtebau verbunden – Gebäudestellung und Einzelerscheinung sind wichtiger als das Ensemble. Und wir hetzen von Einzelentscheidung zu Einzelentscheidung, wenn wir nicht zukunftsfähige und belastbare städtebauliche Rahmenpläne für die nächsten zwanzig Jahre entwickeln. Das kann man derzeit aktuell in London besichtigen wo die Stadt strukturell und städtebaulich ins Kraut schießt, seit einigen Jahren ohne Planungsverwaltung und im Ergebnis die Stadt kulturell leidet und stadtentwicklungspolitisch verliert.

Sennett kündigt sein letztes Buch der Triologie folgendermaßen an: „Der letzte Schritt meines Projekts liegt nun vor mir, ein Buch über Städtebau. Die Städte werden heutzutage nicht sonderlich gut gebaut. Stadtplanung ist ein im Niedergang begriffenes Handwerk, in physischer Hinsicht ist der Städtebau heutzutage allzu oft homogen und formal rigide. In sozialer Hinsicht lassen sich moderne Bauformen zu selten von persönlichen und gemeinschaftlichen Erfahrungen ­leiten.“ Tatsächlich glaube ich, dass auf der Maßstabsebene des Städtebaus – als integrierte und eigenständige Entwurfseben oder als Phase Null der Projektentwicklung, am besten durch kooperative Wettbewerbe, am einfachsten mit machbarem Aufwand ein großer Nutzens für unsere Gesellschaft erzielt werden kann: Umwelt also aktiv gestalten. Und da es hierzu eine umfassende Trägerschaft aus der Stadtgesellschaft und der Gesamtpolitik braucht, müssen diese wichtigen Zukunftsfrage Gegenstand einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung sein, mit dem Ziel, durch Baukultur zu einer schrittweisen Verbesserung unserer gebauten Lebensräume zu kommen.

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