„Ruf-mich-an!“ Ich schrecke hoch von meiner Couch, denn der markige Befehl der in Lack und Leder gekleideten und düster dreinblickenden Blondine hat meinem unvermeidlichen Fernsehschlaf wieder einmal ein abruptes Ende bereitet. Missmutig puhle ich mich aus meiner Decke, denn ich habe den finalen Showdown des Action-Dramas ebenso wenig erlebt wie geschätzte 300 Schauspieler, Statisten und Millionen andere Zuschauer. Ja, sie ist hoch, die frühabendliche Verlustrate, und ich für meinen Teil frage mich, wie ich den immer wiederkehrenden narkoseähnlichen Zustand verhindern kann, in dem mir jeder räuberische Chirurg während der Tagesthemen unbemerkt den Blinddarm entfernen könnte. „Ruf mich an!“, eigentlich als klare Ansage an das Pflichtbewusstsein einer erotischen Randsportgruppe konzipiert, ist zum Weckruf für eine ganze Nation von Couchpotatoes geworden. Auf dem Sendeplatz, auf dem uns früher die deutsche Nationalhymne daran erinnerte, dass es Zeit sei, ins Bett zu gehen, versprechen jetzt muntere 0190-Melodien hemmungslose Wollust, und das tun sie aus gutem Grund: „Deutschland hat Durchschlafstörungen.“ Wen wundert’s? Wer um neun Uhr abends ins Sitcom-Koma fällt, starrt notgedrungen um ein Uhr in die Silicon ­Valleys zwischen Full-H-Doppel-D-Brüsten, und während sich die einen bei Melissentee und Hopfenpillen fragen, wie sie heil durch die Nacht kommen sollen, geht die Heerschar der Monster-mopsfidelen Cyber-Fetischisten ihrer Telefon-Notdurft nach. Schlaflose Hundebesitzer bevölkern die nächtlichen Straßen und schlaflose Muskelbesitzer die um drei Uhr morgens boomenden Fitnessstudios. Meinen Handwerksmeister kann ich getrost um vier Uhr anrufen und um einen Termin bitten, denn der sitzt dann in seinem Büro und schreibt Rechnungen und ich eben diese Kolumne. Ja, alles wäre in bester Ordnung, wenn da nicht unser Drüsenantrieb wäre. Melatonin und Serotonin knipsen uns das Licht aus, wir machen die Nacht zum Tage und andersherum. So fahren wir durchweg Vollgas mit angezogener Hormonbremse. Irgendwann nimmt unsere Nebennierenrinde es uns krumm, dass wir sie andauernd mitten  in der Nacht um ein wenig Adrenalin anpumpen, haut uns einen saftigen Blutdruck um die Ohren, und unser Gehirn hängt letztendlich ein Schild mit der Aufschrift „Sorry, Burnout“ raus. Viele von uns führen tagsüber ein Leben am Rande der Erschöpfung,  und die Möbeldesigner tragen dem nationalen Schlafbedürfnis bereits Rechnung. Sie haben vorsorglich ihr Angebot von schicken Sesseln und Couches durch plumpe Räkelsofas von der Größe eines Hubschrauberlandeplatzes erweitert, denn sie wissen genau, dass das moderne Sandmännchen Günther Jauch heißt und die beste Gutenachtgeschichte spätestens die zweite Folge von Navy-CIS am SAT.1-Krimi-Abend ist. Wie schön es doch wäre, wenn die dralle Blondine in ihrer Lederkluft eines Tages auf dem Bildschirm aufkreuzen und in bestimmendem Ton ein „Schlaf-Dich-aus!“ in mein übermüdetes Ohr knurren würde. Hätte sie damit Erfolg, ich glaube, ich würde ihr hörig.

 

Wolfgang Jachtmann