Editorial Mai 2017

Liebe Krefelder,

in den zurückliegenden Wochen wurden Zeitungen und Talkshows vom Referendum über die Verfassungsänderung in der Türkei dominiert. Was in erster Linie eine bedeutende Entscheidung für die Türken in der Türkei sein sollte, wurde rasch eine mit vielen Emotionen aufgeladene Debatte hierzulande; bei Deutschen und Türken gleichermaßen. Während die hier lebenden Türken mit ihrem „Ja“ aus ihrer Sicht vor allem pro türkisch wählten, erkennen die Deutschen in einem Votum für ein autokratisches Regime, das die Eckpfeiler einer Demokratie abzuschaffen beabsichtigt, einen Widerspruch zu den in Deutschland genossenen Vorzügen eben jenes politischen Systems.

Dass wir Deutschen auf antidemokratische Tendenzen und totalitäre Entwicklungen beinahe panisch reagieren, hat nicht zuletzt mit der konsequenten Aufarbeitung der Entstehung und der Folgen des Dritten Reiches zu tun. Viele fühlen sich angesichts der Entwicklungen in der Türkei an 1933 und die Machtergreifung ­Hitlers erinnert. Dass dieses Gedankengut einmal derart fest in unserer Nation verankert sein würde, hätten uns viele Länder nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges nicht zugetraut. So viel zum Positiven.

Auf der Kehrseite der Medaille steht allerdings die geringe Anteilnahme an der Gestaltung unserer eigenen Demokratie. Während gefühlt mindestens 80 Prozent der Deutschen eine Meinung zur Wahl am Bosporus hatten, lag die Wahlbeteiligung bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl 2012 bei lediglich 59,6 Prozent. Warum fordern wir also Demokratie von anderen Ländern ein, behandeln sie dann aber hier nur stiefmütterlich?

Menschen überzeugt man nur selten von der eigenen Sache, wenn man in Oberlehrer-Manier mit dem erhobenen Zeigefinger wedelt und aus der vermeintlichen Position des Überlegenen argumentiert. Am besten überzeugt man andere, indem man als Vorbild auftritt und die Vorzüge der eigenen Meinung lebt. Mit Blick auf unsere politische Ordnung bedeutet das, wählen zu gehen! Mehr denn je sind wir gefordert, uns mit Inhalten zu beschäftigen, um letztlich der Partei unsere Stimme zu geben, die nach der Auffassung jedes einzelnen das beste Angebot zur Formung unserer Zukunft bietet. Wer Werte wie Meinungsfreiheit und Pressefreiheit hochhält und die Abschaffung dieser in der Türkei anprangert, ist ein Heuchler, wenn hier nicht wählen geht. Zeigen Sie am 14. Mai bitte, dass für uns Demokratie nicht nur etwas ist, das wir uns für die Türkei wünschen würden.

 

Viel Spaß beim Lesen!

Christhard Ulonska und Michael Neppeßen

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