Warme Sonnentage locken im Mai ins Freie. Wer genießt da nicht gerne ein Stück Rhabarberkuchen oder Erdbeeren mit Schlagsahne? Das reichhaltige Angebot der Obsthöfe und Supermärkte nehmen wir dabei als natürlich gegeben hin. Über den Weg, den selbst regional produzierte Früchte bereits hinter sich haben, denken wir kaum nach.

Horst Schnitzler, Bienen, Waben

Horst Schnitzler kontrolliert seine Bienenstöcke etwa alle zehn Tage mit über Jahrzehnte geschärftem fachmännischem Blick

Alles beginnt ganz klein mit der Bestäubung der Blüten, für die emsig arbeitende Bienenvölker zuständig sind. Was seit Kindertagen so vertraut klingt, ist seit geraumer Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr. Immer wieder berichten die Medien über das so genannte Bienensterben. Jedoch lässt sich dieses weltweit seit der Mitte der 1990er Jahre zunehmend beobachtete Phänomen nicht so einfach erklären. Während namhafte Chemiekonzerne sich auf die mit vier bis sechs Wochen kurze Lebensdauer der Bienen berufen, kämpfen zahlreiche Imker, Neurobiologen und Aktivisten für eine bessere und breitere Aufklärung: Manchen Winter überleben mit etwa der Hälfte weit mehr als die üblichen zehn Prozent der Gesamtmenge nicht, wofür sie zwei Hauptursachen sehen.

Zum einen breitet sich die aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe immer weiter aus. Dieser gut 1,1 Millimeter lange und 1,6 Millimeter breite bräunliche Parasit nistet sich insbesondere in der Brut ein. Er ernährt sich vom Blut der Larven und überträgt mit seinen Bissen zahlreiche Sekundärinfektionen und Viren. Dem Varroa-Problem zu begegnen, ist die Aufgabe eines jeden Imkers, indem er seine Bienenvölker gründlich überwacht und sie behandelt. Dies kann auch Horst Schnitzler, seit 1957 leidenschaftlicher Hobby-Imker aus Fischeln, bestätigen. „Die Milbe ist eine Geißel Gottes. Ich muss mich strikt an meine Jahrzehnte lange Erfahrung halten, die Biene untersuchen und pflegen; sie ist unser Haustier“ erläutert er und ergänzt, dass er, sobald einer seiner Stöcke das Krefelder Stadtgebiet verlässt, ein Gesundheitszeugnis vom Veterinäramt vorweisen muss.

„Die erste Milbenbehandlung erfolgt, wenn der Honig aus den Waben entfernt ist, damit die Inkubationszeit der Milben nicht mit dem Produkt in Berührung kommt“, weiß der Imker. Dies findet meist im Hochsommer statt, nachdem Ende Juli die Lindenblüte vorbei ist. Eine zweite Behandlung muss im Dezember durchgeführt werden, nachdem die Königin keine Eier mehr gelegt hat. „Dann bitte ich den lieben Gott, dass sich keine Resistenzen gegen die Behandlungsmittel entwickelt haben“, erzählt Horst Schnitzler. Häufiger als mit der Milbe hatte er in seinem Imker-Leben jedoch mit dem Absterben der Königin zu tun oder damit, dass ein räuberisches Bienenvolk dem anderen die Nahrung gestohlen hat. Das sei Natur, wenngleich eine traurige, kommentiert er seine Machtlosigkeit.

Rauch, Bienen, Schutzanzug

Der für die Imkerei typische Rauch dient zur Beruhigung der Honigbienen

Ohne die Biene gäbe es den Menschen nicht mehr

„Hallo Freunde, wir tun euch nichts!“ Mit sanfter, sonorer Stimme und bedachten Bewegungen nähert sich der Fischelner Unternehmer seinen Bienenstöcken. „Man muss keine Angst vor Bienen haben, solange man ihnen ruhig entgegentritt. Ohne sie gäbe es den Menschen nicht mehr.“ Ein Drittel aller Nahrungsmittel verschwänden mit ihr. Die Produkte, die dank der Bestäubung durch Bienen hergestellt werden können, machen weltweit mehrere Milliarden Euro Umsatz aus. Horst Schnitzler besitzt derzeit mehrere Dutzend Völker mit jeweils 20.000 bis 30.000 Insekten. Was als Dienstanweisung seines früheren Chefs anfing – „Kümmer‘ dich mal um die Bienen!“ – verselbstständigte sich langsam, nachdem anstatt der üblichen Krawatten den Geschäftspartnern zu Weihnachten Honiggläser geschenkt wurden und die Resonanz überwältigend groß war. Heute stellt er gemeinsam mit seiner Ehefrau Marianne mehrere sortenreine Honige her. Dazu befindet sich ein Großteil seiner Völker in Obstplantagen und Rapsfeldern. Ein großes Problem bereitet hier der immer stärker werdende Anbau von Monokulturen: der andere global verbreitete Grund, den Tierschützer und Wissenschaftler für das massenhafte Absterben von Bienenvölkern anführen.

Wagen, Bienenwaben

Um der Verbreitung von Erkrankungen vorzubeugen,
müssen die Bienenvölker ein Gesundheitszeugnis vom Veterinäramt erhalten, sobald sie außerhalb des Krefelder Stadtgebietes im Feld stehen sollen

Agrargifte, die mit der Saat ins Feld gebracht werden, und andere Pestizide greifen das Nervensystem der Immen an, wenn es durch die Nektaraufnahme in ihren Körper gelangt ist. Auch durch Luft und Pollen gelangt verpesteter Staub in die Stöcke und greift so mehr als nur das einzelne Insekt an. Folgen sind lethargische Verhaltensstörungen, die sich äußern, als seien die Bienen dem Einfluss von chemischen Drogen ausgesetzt. Oft wird beobachtet, dass sie ihr Hauptkommunikationsmittel, den Schwänzeltanz, nicht mehr ausüben können, und auf diese Weise sozusagen das Betriebssystem des Bienenstocks ausfällt. Gleichzeitig sorgt das geschwächte Immunsystem dafür, dass das Varroa-Problem sich weiter ausbreiten kann.

Horst Schnitzler setzt daher auf Vertrauen. Normalerweise kostet einen Bauern ein Bienenstock 30 Euro Gebühr. Er verzichtet darauf jedoch gerne, wenn er sichergehen kann, dass die Felder und Plantagen, zu denen er seine Völker bringt, weitestgehend unbehandelt bleiben. Eine Art Tauschhandel, die ihm wichtiger ist als die Refinanzierung seiner Arbeitskosten. Eine Spur von Resignation klingt aus seinem Kommentar, dass die Biene mittlerweile in der Stadt besser überleben kann als beim Bauern. Ein Grund hierfür ist sicher, dass die Gesamtzahl an Naturwiesen in Deutschland jährlich um rund sieben Prozent zugunsten der Monokultur sinkt. Gärten und Balkone bieten da weit mehr Abwechslung. Ans Aufhören denkt Hobby-Imker Schnitzler jedoch noch lange nicht, zu groß ist seine Begeisterung für das fleißige Insekt. „Meine Kunden sind zufrieden und sie wären traurig, wenn ich es einmal drangäbe“, lächelt er und widmet sich wieder der aufmerksamen Kontrolle seiner kleinen Freunde.

Imkerei Horst und Marianne Schnitzler, Höffgeshofweg 26a, 47807 Krefeld,
Tel.: 02151 / 313239

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