Frauenberatungsstelle e.V. KrefeldIm Oktober feiert die Frauenberatungsstelle e.V. Krefeld ihr 30. Bestehen; die Stelle ist eine wichtige Adresse für alle Frauen in der Seidenstadt, die schon einmal eine Gewalterfahrung erleiden mussten – denn Gewalt ist ein Schwerpunkt in der Beratungsarbeit.

Er hat es wieder getan. Er hat es wieder getan. Nina kann gerade nichts anderes denken, als immer nur wieder diesen einen Gedanken. Vorhin hat Sven sie wieder geschlagen. Hatte einen dieser Wutausbrüche, die er so oft hat in letzter Zeit, hat ihr mit der Hand ins Gesicht geschlagen. Nina sitzt auf dem Rand der Badewanne, die Badezimmertür hat sie verriegelt. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Mit einem feuchten Lappen kühlt sie ihre linke Wange, die ihr Mann Sven so hart traf. Sie hört ihn in der Wohnung rumoren. Was ist nur falsch an mir, dass er mich schlägt, denkt Nina jetzt. Bestimmt, überlegt die 31-Jährige verzweifelt, kann ich etwas dafür tun, damit er es nicht mehr tut, bestimmt kann ich irgendetwas dafür tun. Damit er mich nicht mehr schlägt.

„Ja“, Christiane Vogelgesang nickt, „eine Frau wie Nina kann etwas dafür tun: sie kann versuchen, ihre Scham zu überwinden und den Schritt zu meinen Kolleginnen und zu mir zu machen.“ Vogelgesang ist Therapeutin in der „Frauenberatungsstelle e.V.“ an der Carl-Wilhelm-Straße in Krefeld. In dieser Beratungsstelle sind insgesamt vier Therapeutinnen im Einsatz, denen häufig Frauen begegnen, die Gewalt erfahren. Zwar berät die Einrichtung auch zu anderen Themen, wie zum Beispiel Essstörungen. Die Hilfe für Frauen, die Gewalt erleiden, hat sich allerdings als Schwerpunktthema herauskristallisiert. „2014 wurden 223 Frauen persönlich von uns beraten“, informiert Vogelgesang, „drei Viertel suchten Hilfe wegen einer Gewalterfahrung. Die meisten Frauen, die zu uns kommen, sind zwischen 26 und 50 Jahre alt.“ Die Nina in diesem Bericht ist eine fiktive Person – aus gutem Grund. „Zum Schutze unserer Klientinnen“, sagt die 50-jährige Therapeutin, „stellen wir keine der Frauen, die zu uns kommen, als Interviewpartnerin zur Verfügung“ – auch nicht anonym: „Die Gefahr ist einfach zu hoch, dass die gewalttätigen Männer der Frauen sich doch durch Details ihrer Geschichte wiedererkennen könnten und dann neuen Druck auf die Frauen ausüben.“ Andererseits ist die Szene mit der Nina im Badezimmer, die sich nach einem Faustschlag das Gesicht kühlt, eine typische Szene – vor allem, was den inneren, von Selbstzweifeln zerfressenen Monolog der Frau angeht, die sich die Schuld an der Misshandlung gibt, glaubt, dass sie an der krassen Beziehungsschieflage etwas ändern könne. Der Aufbau von Gewalt in einer Partnerschaft laufe oft nach ein und demselben Muster ab, erklärt Vogelgesang: „Am Anfang steht die ,Honeymoon-Phase‘: Die Frau lernt ihren Mann als liebevollen Partner kennen. Mit der Zeit häufen sich Gelegenheiten, bei denen der Mann eifersüchtig wird. Immer stärker nimmt diese Eifersucht immer ungesündere Formen an. Irgendwann mündet sie in eine Kontrolle, die den Bewegungsraum der Frau im Alltag zunehmend einschränkt, bis hin zu sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt.“ Parallel raube der Mann seiner Frau nach und nach den Selbstwert, alleine deshalb, weil er sich anderen Menschen gegenüber nicht gewalttätig zeige. „So entwickelt die Frau die Überzeugung, sie müsse sich nur anders verhalten, damit ihr Mann ihr gegenüber wieder friedlicher wird.“ Warum landen Frauen bei solchen Typen? „Natürlich“, sagt Therese Fröschen, 59, Diplom-Pädagogin in der Beratungsstelle, „kann man sagen, dass diese Frauen in ihrer Kindheit oft in schwierigen Familienverhältnissen groß geworden sind, in denen es ebenfalls Schläge gab, die Mutter vom Vater verprügelt worden ist; Gewalt ist also vertrautes Terrain. Genauso gut kann es aber auch eine Frau, die aus einer liebevollen Familie kommt, erwischen – weil sie gar nicht auf die Idee kam, dass die Beziehung sich so entwickeln könnte.“

Parallel stammten Schläger oft aus Familien, in denen sie als kleiner Junge nicht gelernt hätten, ihre Impulse zu kontrollieren – mit sozialen Mängeln sind also auch sie häufig groß geworden. Im Schnitt dauere es sieben Jahre, bis eine Frau es schaffe, sich von ihrem Peiniger zu lösen. „Das Unterbewusstsein eines Menschen unterscheidet nicht, ob etwas gut ist für den Menschen oder nicht gut, sondern ob es bekannt ist oder nicht bekannt“, so Fröschen. „Das vertraute Elend ist dann oft weniger Angst machend als das unvertraute Neue.“ Umso fataler, wenn das Alte als scheinbar Neues verkauft wird. „So wurde zum Beispiel eine Frau mit Migrationshintergrund, die einen deutschen Mann geheiratet hat, von ihrem Mann regelrecht versklavt, bekam das Geld von ihm abgezählt, mit dem sie einkaufen gehen durfte, musste Buch führen über den Kilometerstand ihres Autos – weil deutsche Frauen das angeblich so penibel machen“, sagt Fröschen. Da ist es gut, dass die Krefelder Beratungsstelle die Diplom-Psychologin und Familientherapeutin Çiğdem Sevinç in ihrer Mitte hat: die 37-Jährige berät auch auf Türkisch und Englisch.

„Die Beratungsstelle ist ein Schutzraum für Frauen, weshalb Männer in der Regel keinen Zutritt haben“, sagt Vogelgesang, „denn alleine eine männliche Stimme kann bei einer traumatisierten Frau schon Ängste auslösen.“ Und weil die Ängste oft tief verwurzelt sind „bieten wir auch längerfristige Therapien an“; Vogelgesang hat sich etwa auf „Psychodrama“ spezialisiert, ein Therapieverfahren, in dem man zum Beispiel verschiedene Rollen einnimmt, um so unterschiedliche Gefühlszustände zu erspüren. „In einer Übung kann sich die Klientin nacheinander auf drei Stühle setzen: auf den ,Stuhl der Vergangenheit‘, auf den ,Stuhl der Gegenwart‘ und als dritten auf den ,Stuhl der Zukunft‘.“ Auf den Stühlen beschreibt die Frau ihre Gedanken, die sie mit ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und einer möglichen Zukunft verbindet und nähert sich so sich selbst wieder an. „Ziel ist es“, sagt Vogelgesang, „ein Gefühl für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu entwickeln. Und eine Antwort auf die Frage herauszuarbeiten: ,Will ich zulassen, dass es so weitergeht mit mir? Oder ist es nicht vielmehr an der Zeit, mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen?’“ Damit frau sich nicht mehr wiederfindet im Badezimmer auf dem Rand der Wanne sitzend, die Wange nach einem Faustschlag ihres Mannes mit einem Lappen kühlend, während die Tränen nur so über ihr Gesicht laufen. Weil er es wieder getan hat. Weil er es wieder tun wird.

Frauenberatungsstelle e.V. Krefeld

Frauenberatungsstelle e.V. Krefeld, Carl-Wilhelm-Str. 33, 47798 Krefeld, Tel.: 02151-800571, mo.-do. 9-16 Uhr, fr. 9-14 Uhr, www.frauenberatung-krefeld.de