Der Zugang zum Internet ist längst eine essentielle Bedingung gesellschaftlicher Teilhabe. Ob in der Schule, der Uni, im Job oder in der Freizeit: Wer nicht im Netz ist, läuft Gefahr, auch den gesellschaftlichen Anschluss zu verlieren. Selbstverständlich ist ein Internetzugang jedoch nicht. Die Initiative Freifunk Krefeld setzt daher auf einen autonomen und freien Netzzugang jenseits der etablierten und kostenpflichtigen Provider.

Freifunk Krefeld – 
Ein freies Netz für freie Menschen

Stefan Mühlenbruch, Initiator des Krefelder Freifunks

Ein Nachmittag im Café Max und Moritz in Krefeld Fischeln. Stefan ­Mühlenbruch blickt zufrieden auf eine interaktive Karte des Stadtteils, die er auf seinem Tablet aufgerufen hat. Etwa 22 blaue Punkte befinden sich entlang der Kölner Straße. Jeder dieser Punkte symbolisiert einen Freifunk-Knotenpunkt, einen freien W-LAN-Zugang also, bereitgestellt von ansässigen Unternehmern und Privatpersonen. „Wer sich im Umfeld einer dieser ­Knotenpunkte befindet, kann mit seinem Endgerät ins Internet – ohne Login, ohne Kosten und völlig anonym“, schildert der 37-jährige IT-Experte und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. Dann öffnet er eine weitere Karte: In ganz Krefeld gibt es mittlerweile etwa 100 Freifunk-Hotspots, deutschlandweit sind es 32.000. Ein Erfolg, der nicht zuletzt auf die einfache Handhabung zurückzuführen ist. Für die Nutzung wird kein Fachwissen benötigt, denn das Endgerät wählt sich automatisch in das freie Netz ein und auch die Bereitstellung eines Knotenpunktes ist „keine Raketenwissenschaft“, wie Mühlenbruch schildert: „Wir stehen jedem, der mitmachen will mit Rat und Tat zur Seite. Auf unseren Internetseiten gibt es ausführliche Anleitungen und falls es doch nicht klappen sollte, kommen wir auch gerne persönlich vorbei und installieren das System.“ So geschehen im Café Max und Moritz, das ebenfalls einen Freifunk-Hotspot beheimatet. Lars Driesen, der 34-jährige Inhaber des Cafés, ist vom gleichsam einfachen wie genialen Konzept überzeugt: „Freifunk produziert eine Win-win-Situation. Als Unternehmer kann ich ohne zusätzliche Kosten und mit minimalem technischen Aufwand den Service eines freien Netzzugangs zur Verfügung stellen und meine Gäste sowie Passanten freuen sich über Gratis-Internet.“

Hinter der benutzerfreundlichen Anwenderebene steckt jedoch ein komplexer technischer Apparat und reichlich rechtliche Finesse, denn Freifunk selbst muss aus technischen wie rechtlichen Gründen als Provider auftreten und eine entsprechende Infrastruktur betreiben. „Das Stichwort lautet ­Störerhaftung. In Deutschland haftet jede Person, die einen kostenpflichtigen Internetzugang besitzt, für jeglichen Datenverkehr, der über diesen Zugang abgewickelt wird. Daher ist es auch so wichtig, den eigenen Internetzugang vor fremdem Zugriff zu schützen. Zwar hat die große Koalition im Mai beschlossen, die Störerhaftung abzuschaffen, eine rechtliche Prüfung und die Umsetzung stehen jedoch noch aus“, erläutert Mühlenbruch. Um das Problem der Störerhaftung zu umgehen, haben die Freifunker eine eigene autonome Netzstruktur aufgebaut, bestehend aus Rechenzentren, Servern und Glasfaserkabeln – finanziert durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und staatliche Mittel. „Standortstifter stellen nicht ihre private Internetleitung zur Verfügung, sondern lediglich einen Zugang zu unserem Netzwerk, das dann wiederum die Weiterleitung ins Internet und aus dem Internet zurück an die Endgeräte übernimmt. Die Haftung für den Datenverkehr liegt also bei der jeweiligen Freifunk-Initiative. Da diese jedoch als Provider dem sogenannten Providerprivileg unterliegt, kann sie nicht abgemahnt werden“, erklärt Mühlenbruch die rechtliche Grauzone, die die Freifunker geschickt nutzen. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Rechtsprechung müssen Standortstifter also keine Konsequenzen für zwielichtigen Datenverkehr befürchten und Nutzer der Freifunk-Netze surfen nicht nur kostenlos, ­sondern auch anonym, denn während kostenpflichtige Provider per Telemediengesetz verpflichtet sind, die Verbindungsdaten ihrer zahlenden Kunden zu speichern, ist Freifunk als kostenloser Provider davon nicht betroffen.

 

Doch warum betreibt man überhaupt so einen gewaltigen Aufwand, wenn doch ein Internetzugang bereits für wenige Euros im Monat zu bekommen ist und immer mehr staatliche und private Institutionen kostenlose Hotspots bereitstellen?
Einerseits ist es die Freude an Vergemeinschaftung, die Mühlenbruch und seine Mitstreiter dazu bewegt, große Teile ihrer Freizeit in den Dienst der freien Netze zu stellen. „Freifunk ist eine Community. Es geht darum ­Menschen zu vernetzen – digital, aber auch in der Realität“, sagt der IT-Experte begeistert. Ein Blick auf die Freifunk-Deutschlandkarte zeigt: Hinter der Initiative stehen kleinere und größere Zusammenschlüsse von Menschen, die sich regelmäßig treffen, austauschen, Spenden und neue Mitglieder akquirieren und die Infrastruktur ausbauen und betreuen. „Da sind schon echte Freundschaften entstanden“, weiß der Wahl-Krefelder aus eigener Erfahrung, traf er doch auf seinen Mitstreiter Thomas Fragstein, als er 2014 einen der ersten Freifunk-Router in Krefeld installierte und nach einiger Zeit ein weiterer Punkt auf der interaktiven Karte Krefelds erschien. „Ich hab mich damals auf mein Rad gesetzt, bin zum neuen Knotenpunkt gefahren und habe dort Thomas getroffen. Heute bilden wir das Kernteam der ­hiesigen Community.“ Neben diesem sozialen Aspekt der Bewegung eint die Freifunk-Community jedoch vor allem eine gemeinsame politische Vision. „Für viele Menschen ist der Zugang zum Internet selbstverständlich, doch man verliert ihn im Zweifel schneller, als man denkt. Da reicht unter Umständen bereits ein negativer Schufa-Eintrag und die Probleme beginnen“, erklärt Mühlenbruch und ergänzt: „Unsere Vision ist eine Demokratisierung der Kommunikationsmedien durch freie Netzwerke. Der Internetzugang ist für uns ein Grundrecht und kein Privileg durchschnittlich situierter Menschen. Andere Länder sind in dieser Hinsicht bereits viel weiter als Deutschland. Deshalb springen wir ein und bauen ein autonomes Netz auf – unabhängig von politischem Kalkül und unternehmerischen Interessen. Was wir wollen, ist ein freies Netz für freie Menschen.“

Freifunk Krefeld richtet regelmäßig offene Stammtische in Krefeld und Mönchengladbach aus. Weitere Informationen gibt es unter: www.freifunk-krefeld.de, Mail: kontakt@freifunk-krefeld.de, Twitter: @FreifunkKrefeld, Facebook: freifunk.krefeld

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