Kinder werden geboren. Das ist glücklicherweise auch im Jahr 2016 noch so. Dennoch droht der Beruf der Hebamme noch in diesem Sommer auszusterben. Ein Beruf, der notwendig eine Berufung voraussetzt. Dann allerdings, kann es die schönste Aufgabe der Welt sein: Babys ins Leben zu helfen. Und sind eben genau sie nicht das, was Politiker immer als Gegenmittel zu diesem demographischen Wandel fordern? Seid fruchtbar und mehret euch, empfiehlt sogar die Bibel. Warum dann diese Verhinderungspolitik in Sachen professioneller Geburtshilfe? Eine Spurensuche.

Das grosse Sterben – warum es den lebensbejahendsten Beruf der Welt vielleicht bald nicht mehr gibt

„In der vierzehnten Woche schon?“, Bärbel Ostermann sieht die junge Frau, die im Flur der Hebammenpraxis Nova Vita um Schwangerschaftsbegleitung bittet, mitfühlend an. „Das ist fast schon zu spät. Heute müssen sie in der achten Woche bereits eine Hebamme haben. Wir sind bis Oktober ausgebucht. Und auch die Kolleginnen sind nicht verfügbar. Es tut mir leid.“ Unverrichteter Dinge verlässt die Schwangere die freundlichen Räume auf der Hochstraße in Krefeld. Ausgestattet mit einer Telefonliste und allen guten Wünschen der erfahrenen Hebamme. Sie ist seit 14 Jahren freiberuflich tätig. In diesem Sommer muss sie vielleicht ihren Traumberuf aufgeben – sie wird ihn sich nicht mehr leisten können.

Seit Jahren ist die berufspolitische Lage der Hebammen katastrophal. Grund hierfür sind die inzwischen geradezu unerschwinglichen Summen für die Policen der Berufshaftpflichtversicherung. Vor 14 Jahren betrug sie noch etwa 250 Euro pro Jahr. Im Juli 2015 wurde sie auf 6.843 Euro erhöht. In diesem Sommer steht eine weitere Erhöhung auf 7.639 Euro pro Jahr an. „Ich arbeite ein halbes Jahr lang nur, um die Berufshaftpflicht bezahlen zu können“, erklärt Bärbel Ostermann. Ohne Berufshaftpflichtversicherung dürfen sie und ihre Kolleginnen nicht praktizieren. Für viele Hebammen kommt diese Versicherungspolitik einem Berufsverbot gleich. Eine gesetzliche Verpflichtung für Versicherungsgesellschaften Freiberufler unter ihren Schutz zu stellen gibt es in Deutschland nicht.

Ohnehin wollten von etwa 150 Versicherern deutschlandweit im letzten Jahr nur noch vier überhaupt Hebammen versichern. Das bedeutet, dass immer weniger Versicherte, immer höhere Summen erwirtschaften ­müssen. Die Versicherungsgesellschaft können sie sich nicht mehr frei wählen, da diese sich zu einem einzigen Konsortium zusammengeschlossen haben. Dabei werden Geburten durch unseren Stand der medizinischen Versorgung rein statistisch gesehen immer sicherer. Die Gynäkologen sind zwar auch von diesem Problem betroffen, allerdings zahlenmäßig einfach überlegen. Dennoch ist die hohe Versicherungssumme auch für sie Anlass, keine Belegbetten im Krankenhaus mehr für ihre Patientinnen vorzuhalten. Ein vergleichsweise geringes Problem, zum Schwinden der zeitintensiven Betreuung von werdenden Eltern durch Hebammen. Doch die Geburtshelferinnen haben einfach keine Lobby.

„All das Wissen, das Frauen über Jahrhunderte zusammengetragen haben, droht verlorenzugehen.“

Frauenärzte sehen noch eine weitere Ursache für die steigenden Versicherungssummen: „Die betroffenen Eltern fordern immer höhere Summen über die Juristerei. Das wirkt sich auch auf die Versicherungspolitik aus.“ Der Grund für diese Entwicklung ist sicherlich auch einer weltanschaulichen Veränderung geschuldet. „Man geht gesamtgesellschaftlich offenbar überhaupt nicht mehr davon aus, dass der Geburtshelfer oder die Hebamme prinzipiell einen guten Willen hat. Sich nach allen Kräften bemüht, sich gut aus- und weitergebildet hat. Das wird ja gar nicht mehr honoriert“, führt ein erfahrener Krefelder Gynäkologe aus. „Wenn irgendetwas nicht mehr so auskommt, wie geplant, wird geklagt. Und dann fallen Schadensersatzsummen in Millionenhöhe an, die danach berechnet werden, was das Kind bis zur Volljährigkeit, oder sogar darüber hinaus, benötigt. Das ist natürlich eine notwendige Unterstützung der Familien im Fall des traurigen Falles, ob das auf den Schultern der Hebammen ausgetragen werden muss, bleibt fraglich.“ Ein gesundes Baby ist vom Wunder, zum menschlich Machbaren geworden. Und Menschen machen Fehler, so die Logik. Also muss es immer einen Schuldigen geben.

Viele von Bärbel Ostermanns Kolleginnen bieten deshalb nur noch geburtsvorbereitende Maßnahmen an, wie etwa Schwangerschaftsberatung, medizinische Vorsorge oder Yoga für Schwangere. Geburtshilfe leisten sie nicht mehr. Einige geben gleich ganz auf und orientieren sich beruflich komplett neu. Dabei sei eine Hebamme, die ‚ihren Müttern’ nicht bei der Entbindung beistehe, wie ein Zahnarzt, der kein Karies behandle, beschreibt die 49-Jährige das Dilemma. Alle Proteste und Initiativen, die zur Unterstützung der Hebammen ins Leben gerufen wurden, nicht zuletzt durch solidarische Eltern, konnten den sterbenden Berufsstand nicht retten. Heute gibt es in Krefeld nur noch 23 freie Hebammen für 2016, Tendenz sinkend. Und das bei einer Geburtensteigerung von etwa 4,8 Prozent.

Der amtierende Gesundheitsminister Hermann Gröhe sieht offenbar bisher überhaupt keinen Anlass in irgendeiner Weise tätig zu werden. Im letzten August war er persönlich in Krefeld und nahm am Bürgerdialog teil. Dort äußerte er sich dahingehend, dass die Frauen doch in Deutschland gut versorgt seien, mit Hebammenhilfe. Bärbel Ostermann, selbst engagiert im Kreisverband der Krefelder Hebammen, war auch anwesend. Herr Gröhe berichtete freimütig, sich bei der Geburt seiner eigenen Kinder nie Gedanken darüber gemacht zu haben, wie diese geboren werden. „Da hab ich ihn dann mal freundlich nachgefragt, ob denn seine Frau auch so sorglos gewesen sei, wie er“, berichtet die Hebamme. Auch mit der Bundestagsabgeordneten Kerstin Radomski hat sie ein Gespräch geführt. Die beiden Frauen kennen sich. Sie sagt, die Politik werde sicher bis sechs Wochen vor dem Stichtag im Juli eine Lösung finden. Ob es dann noch Hebammen gibt, außerhalb der einzigen Geburtsklinik, die Krefeld noch hat, bleibt abzuwarten. Dabei gibt es in den Niederlanden längst staatliche Versicherungsfonds, die auch in Deutschland das Überleben der Hebammen sichern könnten. Die verbleibenden Kolleginnen in den Geburtskliniken tun, was sie können. Doch auch sie geraten zusehends unter Druck, betreuen sie doch teilweise mehrere Geburten gleichzeitig.

Das grosse Sterben – warum es den lebensbejahendsten Beruf der Welt vielleicht bald nicht mehr gibt

Für Bärbel Ostermann war der Kinderschuhladen ihres Ehemanns auf der Marktstraße lange ein Plan B. Einer, der immer mehr zu Plan A wird. Um sich selbst macht die Hebamme sich keine Sorgen. Um die Mütter und Kinder allerdings umso mehr: „Das Thema Kindswohlgefährdung scheint gar nicht zu interessieren. Die Gynäkologen und die Kolleginnen im Krankenhaus leisten unbestreitbar hervorragende Arbeit, doch bisher waren wir es, die die meiste Zeit mit den Familien verbracht haben. Oft bis zum Ende der Stillzeit.“ Da konnten Kinderkrankheiten frühzeitig erkannt werden, die von unerfahrenen Eltern leicht übersehen werden. Mütter wurden bemuttert, Väter beruhigt und der eine oder andere Rat von Frau zu Frau weitergegeben. All das Wissen, das Frauen über Jahrhunderte zusammengetragen haben, droht verlorenzugehen. Die Folgen dieser Politik, werden wir erst in einigen Jahren abschätzen können. Vielleicht müssen im 21. Jahrhundert erst wieder Mütter und Kinder sterben, bis ein Umdenken stattfindet. Nur, wollen wir das?

Weitere Informationen zum Thema gibt es unter www.krefelder-hebammen.de und unter www.hebammen-nrw.de. Wer sich engagieren möchte, findet unter www.mother-hood.de Anschluss.

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