Hochsensible Menschen nehmen die Welt intensiver wahr als durchschnittlich sensible Menschen – deshalb ist der Alltag oft eine besondere Herausforderung für sie. Zum Glück gibt es in Krefeld eine hilfreiche Adresse: den „Gesprächskreis für hochsensible Menschen“ im Begegnungszentrum Wiedenhof.

Reizvolle Welt - Hochsensible Menschen in Krefeld

Ein Kaufhaus in Krefeld an einem Samstag im Dezember, es ist kurz vor Weihnachten. Die Rolltreppen sind voll, der Raum ist überheizt, das Licht ist grell, Stimmengewirr, Musik. Eine Flut aus Reizen wie diese nervt jeden, aber Denise Peters ist jetzt gerade nicht nur genervt. Ihr bricht der kalte Schweiß aus, fast fühlt sie sich bedroht: als wäre sie „kurz vor dem Ersticken“. Sie beißt die Zähne zusammen. Erledigt schnell ihren Einkauf. Bahnt sich einen Weg durch das Gewusel. Raus, nur raus. Schließlich hat sie es geschafft, hinter ihr schließt sich die Kaufhaustür, kalte Winterluft umfängt sie. Peters atmet durch.
Die Nachmittagssonne schickt goldene Strahlen durch das Fenster eines Besprechungsraums im Wiedenhof. In dem Krefelder Begegnungszentrum an der Mühlenstraße nahe der Stadtmitte sitzt Denise Peters, eine hübsche Frau, 31 Jahre, grünbraune Augen, halblange Locken. Gerade hat sie von der schwierigen Situation in dem Kaufhaus erzählt, die sie vor einigen Jahren erlebte; dass wir sie im Wiedenhof zum Interview treffen, ist kein Zufall: Peters besucht hier sonst immer den „Gesprächskreis für hochsensible Menschen“, der dreimal im Monat stattfindet. Denn auch Peters ist hochsensibel: Ein hochsensibler Mensch nimmt Reize aus seiner Umwelt und von seinen Mitmenschen intensiver wahr als ein normal sensibler Mensch, und er nimmt auch mehr gleichzeitig auf als der Durchschnittstyp, der in der Regel nicht mehr als sieben Reize parallel verarbeitet. Das Phänomen der Hochsensibilität wurde 1996 von der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron entdeckt. Aron definierte es als ein vererbbares Persönlichkeitsmerkmal. Rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung seien betroffen von der Hochsensibilität, die jedoch keine Krankheit darstelle. Sondern eine Variation der Natur – wie braune Augen oder blonde Haare.

Dass ihr Seelenkostüm feiner gewoben ist als das der meisten anderer Menschen, hat Denise Peters schon immer an sich bemerkt. Bereits als Schülerin scheute sie zurück vor großen Menschenmengen: „Während die anderen Kinder zum Beispiel ganz wild waren auf Kirmes, hat mich Rummel immer abgeschreckt. Und wenn in meiner Clique eine Party war, war ich immer die erste, die gegangen ist“, erzählt Peters. „Ich hatte zwar gute Freunde, aber eher einige wenige und gehörte in Gruppen eher nicht zum harten Kern; Verständnis für meine starke Empfindsamkeit hatten die wenigsten, so war es für mich normal, immer ein bisschen Außenseiterin zu sein, ohne zu wissen, warum das eigentlich so ist.“ Peters, geboren in Dresden, kam durch persönliche Umwege ihrer Familie im Jahr 1998 nach Krefeld, seitdem lebt sie in der Seidenstadt. Mit den Jahren merkte sie, dass ihr nicht nur große Menschenmengen Unbehagen bereiten, sondern auch andere Dinge: „Das Geräusch von zwei Kaffeetassen, die aneinander klirren. Drückende Hitze im Sommer. Wenn das Display meines Smartphones zu hell eingestellt ist, überhaupt helles, grelles Licht. Der Geruch in Krankenhäusern, davon wird mir schlecht.“ Auf den Begriff Hochsensibilität stieß sie erstmals 2012, als sie in ihrer Ausbildung zur Erzieherin steckte und für eine Arbeit am Berufskolleg recherchierte. „Dabei entdeckte ich ein Video über Hochsensibilität, und plötzlich fand ich alles geklärt, was schon immer in mir brodelte“, erinnert sich Peters. Sie fand heraus, dass es eigene Gesprächskreise für Hochsensible gibt, machte sich gezielt in Krefeld auf die Suche – und stieß auf den „Gesprächskreis für hochsensible Menschen“, den die Krefelderin Anja Keller damals gerade im Begegnungszentrum Wiedenhof ins Leben rief. Eine kleine Schicksalsfügung, Peters lächelt.

„Ein hochsensibler Mensch nimmt Reize aus seiner Umwelt und von seinen Mitmenschen intensiver wahr als ein normal sensibler Mensch, und er nimmt auch mehr gleichzeitig auf, als der Durchschnittstyp, der in der Regel nicht mehr als sieben Reize parallel verarbeitet.“

Reizvolle Welt - Hochsensible Menschen in Krefeld

Ihre Augen verfolgen jede Regung ihres Gesprächspartners, sie beobachtet genau. Viele Sätze ihres Gegenübers spricht sie gemeinsam mit ihm zu Ende. Peters ist ganz im Hier und Jetzt. Eine Eigenschaft, die eine große Gabe ist. „Dadurch kann ich die schönen Seiten des Lebens ganz bewusst, ganz tief wahrnehmen – eine Wonne, wenn ich zum Beispiel eine ,Crème brûlée‘, mein Lieblingsdessert esse, also eine Vanillecreme mit Karamellkruste: die esse nicht einfach in mich hinein, sondern genieße sie so, dass meine Freunde mich darum beneiden. Auch kann ich die Stimmung eines Freundes ganz genau nachempfinden, der ein Problem hat und kann dann umso besser auf ihn eingehen“, erzählt sie. Doch genau diese Stimmungssensibilität kann die Gabe in einen Fluch kippen lassen, etwa bei schrecklichen Unglücken; Peters erinnert sich zum Beispiel an den Absturz des Germanwings-Flugzeugs letztes Jahr in Südfrankreich: „In meiner Vorstellung saß ich mit im Flugzeug, tagelang beschäftigte mich, was in den Passagieren vorgegangen sein muss, was in dem Piloten vorgegangen sein muss.“ Die überstarke Anteilnahme wird zur Belastung, wenn eigene Ängste berührt werden. „Da ich unter Flugangst leide, wurde ich umso mehr in das Thema hinein gezogen“, sagt Peters. Mehr als andere muss sie deshalb lernen, sich abzugrenzen. Der Austausch mit anderen hochsensiblen Menschen im Krefelder Gesprächskreis von Anja Keller hilft dabei.

Anja Keller, 38, gebürtige Krefelderin, ist ebenfalls hochsensibel und hat in Zusammenarbeit mit der Krefelder Selbsthilfestelle den Gesprächskreis gegründet. „Die Nachfrage in Krefeld ist so groß, dass wir mittlerweile mehrere Gesprächsgruppen anbieten: mittwochs eine geschlossene und dienstags eine offene Gruppe“, erzählt Keller. Die Teilnehmer seien zu 90 Prozent Frauen, das Alter liege zwischen 30 und 60 Jahren. „Hochsensible Menschen sind für die Gesellschaft wertvoll“, sagt Keller, „deshalb sollten sie sich untereinander supporten, um sich in ihrer Andersartigkeit nicht selbst in Frage zu stellen.“ Eine Anpassungsleistung an die „Normalsensiblen“ dieser Gesellschaft sei oft eine Strategie hochsensibler Menschen, zum einen, weil sie ohnehin stark auf das Außen konzentriert sind, zum anderen, weil sie natürlich wie alle anderen akzeptiert werden wollten. „Dieses Anpassen geht aber meist nach hinten los, da hochsensible Menschen ihren wahren Kern nicht lange verstecken können“, sagt Keller.

Reizvolle Welt - Hochsensible Menschen in Krefeld

Anja Keller

Mit der Reizflut der Welt umzugehen, ohne von ihr verschlungen zu werden, dafür müsse jeder hochsensible Mensch seine persönlichen Strategien finden. Denise Peters hat auch welche: „Wenn ich am Bahnhof stehe oder durch die volle Innenstadt gehe, setze ich mir Kopfhörer auf und höre meine Lieblingsband, die Red Hot Chilli Peppers. Oder ich stelle mich für einen Moment irgendwo in eine ruhige Ecke, fasse mir mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel, schließe kurz die Augen und stelle mir vor, wie das Licht einer Kerze langsam auf mich zukommt.“ Nur eines stresst Peters weniger als die meisten anderen Menschen. Und das sind Kinder. Für die Wahl-Krefelderin ist das kein Rätsel: „Ich habe einfach außergewöhnlich viel Geduld mit Kindern; ich gehe gerne auf ihre Gefühle, Wünsche, das, was sie bewegt, ein.“ Damit bringt sie möglicherweise eine besondere Gabe für die Tätigkeit als Erzieherin mit. Birgit Trappmann-Korr, Sozialpsychologin und ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet der Hochsensibilität, hat beobachtet: „Wenn ein hochsensibler Mensch eine gute Beziehung zu Kindern hat, dann ist das ein Glücksfall – von einer hoch ausgeprägten Feinfühligkeit profitieren gerade Kinder enorm. Hochsensible Menschen können die oft schnell wechselnden Stimmungen von Kindern schnell herausspüren, ungewöhnlich feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingehen. Sind unter den Kindern auch noch hochsensible Jungen und Mädchen – und das ist statistisch gesehen nicht selten der Fall – haben diese Kinder einen großartigen Ansprechpartner.“
Leider hat Peters ihre Ausbildung als Erzieherin, die schon fast abgeschlossen war, auf Eis legen müssen: Anfang 2015 ist sie Mutter geworden, hat die kleine Zoé zur Welt gebracht, das gemeinsame Töchterchen mit ihrem zwei Jahre älteren Partner Lukas. „Die Ausbildung zu unterbrechen war schade, aber ich will sie im nächsten Jahr erneut angehen“, sagt Peters mit leuchtenden Augen, „am liebsten würde ich einmal Kunsttherapie mit Kindern machen.“ Eine reizvolle Aufgabe.

Der „Gesprächskreis für hochsensible Menschen“ trifft sich dreimal im Monat im Begegnungszentrum Wiedenhof, Mühlenstraße 42, 47798 Krefeld. Es gibt zwei geschlossene Mittwochsgruppen und eine Dienstagsgruppe, die für Interessierte offen ist. anja@hochsensibel-in-krefeld.de, 
Termine unter: www.hochsensibel-in-krefeld.de