Ein sonniger Frühlingstag in der niederländischen Provinz Gelderland: Der Weg von Krefeld nach Lochem, einer beschaulichen Gemeinde mit etwa 33.000 Einwohnern, führt über endlose Landstraßen, umrandet von malerischen Feldern, die bis zum Horizont reichen. Der Grund unseres Besuchs ist Dinant G. Beunk, der in der Garage seines typisch holländischen Einfamilienhauses seit Jahrzehnten eine uralte Tradition pflegt: das Bauen und Spielen des sogenannten Midwinterhoorns.

 

Für verschiedene Spieltechniken werden unterschiedliche Mundstücke benötigt

Im Westmünsterland und dem deutsch-holländischen Grenzgebiet ist „Middewinter“ die mundartliche Bezeichnung für die Weihnachts- und Adventszeit. Seit Jahrhunderten treffen sich Horn-begeisterte Menschen hier an kalten Dezemberabenden am Stadtrand oder auf Kirchtürmen, um abwechselnd in die oftmals selbst hergestellten, meterlangen und gebogenen Adventshörner zu blasen. Zum Zusammenspiel sind die Instrumente, die je nach Ausführung ganz unterschiedlich klingen, nicht geeignet, und es existieren auch nahezu keine Kompositionen: Gespielt wird nacheinander und völlig frei. „Die Tradition der Aerophone, zu denen auch die Midwinterhörner zählen, reicht bis weit in die Menschheitsgeschichte hinein, und ähnliche Horn-Varianten finden sich auf der gesamten Welt: Alphörner in Süddeutschland, Didgeridoos in Australien, Dungchen in Tibet“, erklärt Beunk, der vermutet, dass die archaischen Instrumente einst der Kommunikation zwischen weit voneinander entfernten Höfen und Ortschaften dienten.

Heute ist das Midwinterhoornblasen eine fast vergessene Tradition, die von wenigen Enthusiasten in ihrer Freizeit am Leben gehalten wird. „Dass wir diese Tradition pflegen, gefällt hier im Ort nicht jedem, denn unsere Midwinterhörner hört man kilometerweit“, erzählt Beunk in nahezu perfektem Deutsch und holt eines der gewaltigen Blasinstrumente hervor, die er für unser Gespräch herausgesucht und poliert hat. Dann spitzt er die Lippen, hebt das kunstvoll verzierte Horn mit beiden Händen auf Schulterhöhe und setzt zum Spielen an. Es ertönen voluminöse Klänge irgendwo zwischen Sirene und Kreuzfahrtschiff – wer einen feinsinnigen Wohlklang erwartet, wird am Midwinterhoorn keine Freude haben. Doch was heißt das schon? Für den hauptberuflichen Rollstuhl-Mechaniker jedenfalls sind es die feinen Klangnuancen, die den Unterschied und die Faszination ausmachen.

„Die Länge des Horns bestimmt die Tonhöhe, und die Holzart bestimmt den Klang“ erklärt Beunk während er durch seine kleine Werkstatt in der Garage führt. In einem hölzernen Ständer sind verschiedene Hörner in unterschiedlichen Stadien aufgereiht. Neben Midwinterhörnern werden hier auch zahlreiche weitere Instrumente aus der Familie der Aereophone gefertigt: Didgeridoos, sudanesische Schräghörner, afrikanische Dwarshörner und selbsterdachte Kombinationen der verschiedenen Typen. Mit der Zeit hat sich der Horn-Enthusiast in die Bau- und Funktionsweisen ganz unterschiedlicher Instrumente autodidaktisch hineingearbeitet und verkauft die Einzelstücke auf Märkten und im Internet. Alle Hörner eint dabei der Werkstoff Holz und die mühsame Fertigung in Handarbeit.

Vom Rohling bis zum fertigen Produkt fließen etwa 30 Arbeitsstunden in ein Exemplar. „Da ich die Instrumente lediglich in meiner Freizeit baue, schaffe ich nur wenige Hörner pro Jahr“, erklärt Beunk und demonstriert anhand von verschiedenen Werkzeugen den aufwändigen Fertigungsprozess. Zunächst muss ein geeigneter Birken-, Weiden- oder Erlen-Rohling mit entsprechender Krümmung gefunden und geschlagen werden. Anschließend wird mit einem Ziehmesser die Rinde entfernt, bevor das Holz bis zu zwei Jahre trocknen muss. „In den finalen Arbeitsschritten wird dann die Außenform geschnitzt, das Holz in der Mitte geteilt, ausgehöhlt und später wieder zusammengeleimt. Zuletzt wird das Horn lackiert und verziert“, erklärt Beunk, dessen Faszination für Musik und den Werkstoff schon in seiner Kindheit entstand, denn sein Vater war Zimmermann, und er selbst spielte leidenschaftlich gerne Trompete.

Dinant G. Beunk spielt bereits seit seiner Kindheit auf dem Midwinterhoorn. 1973 baute und spielte er sein erstes eigenes Horn.

„1988 habe ich dann erstmalig auf dem Flachsmarkt in Krefeld gespielt und dort auch meine Instrumente und ihre Herstellung an einem Stand präsentiert. Bis heute ist der Flachsmarkt der Höhepunkt des Jahres für mich.“

„1973 spielte ich zum ersten Mal öffentlich auf einem selbst hergestellten Midwinterhoorn“, erinnert sich der sympathische Niederländer beim Blättern durch ein Album mit alten Fotos und Zeitungsartikeln, das er in einer Kiste unter seiner Werkbank lagert. „1988 habe ich dann erstmalig auf dem Flachsmarkt in Krefeld gespielt und dort auch meine Instrumente und ihre Herstellung an einem Stand präsentiert. Bis heute ist der Flachsmarkt der Höhepunkt des Jahres für mich“, schwärmt der passionierte Instrumentenbauer, der im Laufe der Jahre insgesamt vier Ehrenplaketten des überregional beliebten Handwerkermarktes erhielt, die in verschiedenen Zimmern seines Hauses prominent angebracht sind. Auch in diesem Jahr wird er wieder vor Ort sein und nicht nur Midwinterhörner und artverwandte Instrumente in ihren verschiedenen Stadien ausstellen und verkaufen, sondern auch eine ganz besondere Darbietung geben, die inzwischen auch in Krefeld zur Tradition geworden ist. Pünktlich zum Marktbeginn steht Dinant G. Beunk dann an jedem der Pfingsttage mit seinem Midwinterhoorn auf den Mauern der Burg Linn und erweckt das bunte Treiben des Flachsmarktes mit einer spontanen Fanfare zum Leben. Wer den eigenwilligen Klängen aufmerksam lauscht, fühlt sich dann vielleicht versetzt in längst vergangene Zeiten in der malerischen holländischen Provinz.

 

Houten Hoorns, Heggerank 20, 7242 MK Lochem, Niederlande, Tel.: 0031(0)573251501, beunk227@planet.nl, www.midwinterhoorngroeplochem.nl

Der 43. Flachsmarkt rund um Burg Linn findet von Samstag, 19. Mai, bis Montag, 21. Mai, stattstatt. Weitere Infos unter: www.flachsmarkt.de

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