Seit dem laufenden Schuljahr haben Eltern mit einem behinderten Kind in NRW einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Regelschule. Inklusion ist ein Reizthema, viele glauben nicht daran, dass Schüler mit und ohne Behinderung wirklich gemeinsam lernen können. KR-ONE hat sich an der Gesamtschule Uerdingen vom genauen Gegenteil überzeugt.

Voneinander lernen - Inklusion an der Gesamtschule Uerdingen

Sonderpädagogin Ute Steinhoff guckt dem elfjährigen Elmir, Schüler mit Down-Syndrom in der Klasse 5b an der Gesamtschule Uerdingen, über die Schulter

„Elmir, wieviel ist Neun plus Sechs?“ Der elfjährige Dorian schaut seinen Mitschüler fragend an. Elmir, ebenfalls elf Jahre alt, schaut zurück. Über die Rechenaufgabe, die Dorian ihm gestellt hat, muss er nachdenken, denn Elmir hat eine Behinderung, er hat das Morbus Down-Syndrom und ist deshalb geistig nicht so weit entwickelt. Dorian hat keine Behinderung. Dafür hat er Geduld. Elmir runzelt die Stirn, da – er hat’s! Strahlend beugt er sich zu Dorian, drückt dem Jungen einen kleinen Kuss auf die Stirn, bevor er mit seinem Füller eifrig in sein kariertes Schulheft schreibt, dass Neun plus Sechs gleich Fünfzehn ist.

Dorian tastet überrascht zu seiner Stirn, auf die ihm Elmir eben den Kuss drückte. So kann das also auch mal aussehen, wenn man ganz herzlich – und ein bisschen überschwänglich – einem anderen Menschen seine Freude zeigt? Interessant, Dorian grinst. Wieder was dazu gelernt.
Dorian und Elmir gehen in die Klasse 5b an der Gesamtschule Uerdingen, gerade stecken sie die Köpfe im Mathe-Unterricht zusammen. Während Elmir von Dorian Rechnen lernt, lernt Dorian von Elmir, wie man Berührungsängste verliert. Wie man soziale Kompetenzen erwirbt. Wie das Leistungshamsterrad Schule durch kleine, besondere Momente auch mal unterbrochen wird. Und damit der Schulalltag reicher. Denn die Lehranstalt der beiden Jungen hat ein besonderes Konzept: Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 bietet die Gesamtschule Uerdingen „inklusive Schulklassen“ an, Klassen also, in denen Schülern mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Elmir, der Junge serbischer Abstammung, der mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen ist, mit einer genetischen Störung also, die eine verzögerte geistige und motorische Entwicklung nach sich zieht, ist eines von zurzeit 20 „Inklusionskindern“ an der Schule.

„Kinder mit Behinderung bremsen Kinder ohne Behinderung nicht aus, sondern bereichern sie sozial und emotional.“

Es ist Dienstagvormittag, kurz vor zwölf Uhr mittags, im Raum der 5b liegt Stimmengemurmel in der Luft, insgesamt 27 Jungen und Mädchen sitzen in kleinen Gruppen zu vier oder fünf Schülern an sieben Tischen und beugen ihre Köpfe über ihre Schulhefte. Rechnen mit Geld und Zeit steht für heute auf dem Programm, die Kinder werden unterrichtet von der Regelschul-Lehrerin Heike Seidelt, 53, und der Sonderpädagogin Ute Steinhoff, 56. Steinhoff ist unter anderem wegen Elmir da. Elmir folgt dem Unterricht auf seine Weise und in seinem Tempo, die Sonderpädagogin hat den Lernstoff auf seine Behinderung hin für ihn angepasst. Der Junge hat eine Rechenmaschine mit bunten Holzkugeln vor sich auf dem Tisch stehen, die Kugeln schiebt er hin und her und zählt sie mit den Fingern nach. „Ich weiß das! Ich kann das!“, ruft er, wenn Steinhoff ihn nach einer Lösung fragt. Mit Elmir am Tisch sitzen außer Dorian noch der elfjährige Nico und der gleichaltrige Alexander. Alexander ist auch ein Förderkind, er hat eine Lernschwäche. Dorian und Nico helfen ihm genauso gerne wie Elmir und fänden es nicht gut, wenn Elmir und Alexander auf eine Förderschule gehen würden. „Das würde denen doch nicht so viel bringen“, findet Nico, „außerdem kann man hier doch genauso gut lernen!“ Eine Option, die Krefelder Eltern mit einem behinderten Kind künftig selbstverständlicher nutzen können als früher.

Für das laufende Schuljahr 2014/2015 hat das Land NRW basierend auf der ­„UN-Behindertenrechtskonvention“ das sogenannte „9. Schulrechtsänderungsgesetz“ beschlossen, das den inklusiven Eintritt in die erste Klasse einer Grundschule und in die fünfte Klasse an einer weiterführenden Schule ab sofort gesetzlich regelt. Demzufolge bieten die zuständigen Schulämter also Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, die in die erste und fünfte Klasse eingeschult werden und anerkannten Förderbedarf haben, seit August 2014 neben einem Platz in einer Förderschule auch immer einen Platz in einer Regelschule an. Auch das Schulamt in Krefeld ­verfährt so. Die Eltern, für die es zuständig ist, können wählen, ob sie sich gegen eine Förder- und für eine Regelschule entscheiden, in der es Inklusionsklassen gibt – die Eltern haben einen Rechtsanspruch auf diese Entscheidung. Ab dem Schuljahr 2015/2016 sollen laut Schulministerium NRW die zweite und die sechste Klasse dazukommen. So will das Land das inklusive Schulsystem nach und nach aufbauen.

Voneinander lernen - Inklusion an der Gesamtschule Uerdingen

„Wir haben uns zu diesem Konzept entschlossen, weil wir hinter diesem Konzept stehen“: Für Brigitte Mensch, 58, Schulleiterin der Gesamtschule Uerdingen, steht der Sinn und Zweck eines inklusive Schulkonzepts außer Frage

Dabei setzt sich die Samt- und Seidenstadt schon länger für dieses Thema ein und trieb Inklusion bereits voran, noch bevor das Land sein Schulgesetz zugunsten von Menschen mit Behinderung angepasst hat. Die Gesamtschule Uerdingen ist ein ­Beispiel dafür. Zwar ist die Schule nicht barrierefrei und kann deshalb keine Schüler, die wegen einer körperlichen Behinderung in einem Rollstuhl sitzen müssen, bei sich aufnehmen. Aber sie nimmt Schüler mit Lernschwächen auf, Schüler, die nicht hören können, Verhaltensstörungen haben oder geistige Behinderungen. „Wir haben uns zu diesem Konzept entschlossen, weil wir hinter diesem Konzept stehen“, unterstreicht Schulleiterin Brigitte Munsch, 58. „Kinder mit Behinderung bremsen Kinder ohne Behinderung nicht aus, sondern bereichern sie sozial und emotional. Außerdem ist der Abbau von Hemmschwellen und mehr Akzeptanz fürs Anderssein für eine Gesellschaft wie die unsere ganz wichtig.“

Selbstlose Gedanken wie diesen haben auch andere Schulleiter. Von den insgesamt 57 allgemeinbildenden Schulen in Krefeld haben 29 ein inklusives Schulkonzept. Laut Schulstatistik, Stand September 2014, haben 1.950 Schüler in der Rheinstadt anerkannten Förderbedarf, 749 besuchen eine Regelschule, also weit mehr als ein Drittel. Dass Krefeld im Vergleich zu anderen Städten weit in Sachen Inklusion ist, bestätigt auch der renommierte Bildungsforscher Professor Klaus Klemm, der bereits zahlreiche Studien zum Thema Inklusion vorgelegt hat. Und auch Krefeld schon in seine Untersuchungen mit einbezog. Die Rheinstadt siedelt Klemm mit Blick auf ihre Anzahl inklusiver Schüler an Regelschulen „oberhalb des Landesdurchschnitts“ an.
Umso wichtiger ist es, dass Inklusion auch bezahlt werden kann. Denn sie kostet. Für die nächsten fünf Jahre hat das Land NRW den Kommunen 35 Millionen Euro pro Jahr zugesagt. Laut Jürgen Maas, Leiter des städtischen „Fachbereichs Schule“, sollen 430.000 Euro davon pro Jahr für Krefeld zum Weiterausbau seines inklusiven Schulsystems abfallen. Eine Summe, die bei Weitem nicht ausreichen wird, so Maas: „Das ist für eine so engagierte Stadt wie Krefeld ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

„Die Kinder hier, die können mehr, und dann können die mir was beibringen.“

Auch die Uerdinger Gesamtschule sieht die Finanzierung mit Sorge. „Wir brauchen dringend mehr Fachpersonal“, bekräftigt Schulleiterin Munsch. Im Moment hat die Gesamtschule, auf die insgesamt 280 Schüler gehen, drei Sonderpädagogen und zwei Integrationshelfer, die den Regelschullehrern in Doppelbesetzung in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch bei der Betreuung von Inklusionskindern zur Seite stehen. In den restlichen Fächern sind die Regelschullehrer damit alleine. Eine Herausforderung. Der sich die Lehrer mutig stellen. Teils aus persönlicher Überzeugung. „Meine gesunde Tochter besucht die inklusive Südschule in Fischeln, und sie profitiert nur davon“, unterstreicht Sigrid Diener, 50, Regelschullehrerin für die Fächer Biologie und Gesellschaftslehre an der Gesamtschule Uerdingen. Deshalb lernt Diener gerne von ihren sonderpädagogischen Kollegen, wie man Kinder mit Behinderung richtig betreut. Aber schöner wäre es, es könnte für alle Beteiligten einfacher sein: mit verstärkter Manpower, möglich gemacht durch verstärkte Zuschüsse. Denn dass Inklusion eine lohnende Sache ist, sieht man an der Schülerin Karla.

Voneinander lernen - Inklusion an der Gesamtschule Uerdingen

Karla hochkonzentriert: Die Zwölfjährige wirkt auf dem Bild scheinbar in sich versunken, aber erlebt man sie live, kriegt man mit, wie dicht das Mädchen um Unterrichtsgeschehen dran ist. Neben ihr die 14-jährige Mitschülerin Miriam (rechts), ebenfalls Förderkind mit Lernschwäche

Karla geht in die 6a, ist zwölf Jahre alt, hat auch das Morbus-Down-Syndrom, und ist, sagt ihre Lehrerin Diener, „ein leistungsstarkes Kind und der Inbegriff an Motivation“. Ein Vorbild für gelingende Inklusion. Inzwischen ist es zwanzig vor eins, gerade hat die 6a Gesellschaftslehre. Auch hier sitzen die Schüler in kleinen Lerngruppen an mehreren Tischen, unterrichtet von Klassenlehrerin Diener.

Während die Kinder ohne Behinderung einen Fließtext über das Mittelalter in einem Buch studieren, liegt vor Karla ein gemaltes Bild auf dem Tisch, das ein mittelalterliches Dorf zeigt. „Erzählt mithilfe des Bildes vom Leben der Menschen in einem mittelalterlichen Dorf“, steht als Aufgabe unter dem Bild. Karla soll aufschreiben, was sie sieht. Ein Haus. Ein Schaf. Eine Scheune. Einen Angler. Das Mädchen mit den halblangen blonden Haaren arbeitet hochkonzentriert, die Zunge in den Mundwinkel geklemmt, schreibt die Schülerin alle Begriffe nacheinander auf das Bild. Fragt man sie nach einem Begriff, weiß sie nicht nur, was er bedeutet, sondern buchstabiert das Wort einmal komplett unaufgefordert durch. Welches Fach macht Dir am meisten Spaß, Karla? „Deutsch“. Was möchtest Du später mal werden? „Tierpflegerin“. Gehst Du gerne hier zur Schule? „Ja. Weil, die Kinder hier, die können mehr, und dann können die mir was beibringen.“

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