Innovationen mit Luft und Liebe

Messer Group GmbH

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele „Hidden Champions“ sich hinter Krefelder Fabrikmauern verbergen. Einen davon haben wir Mitte August besucht – die Krefelder Niederlassung der Messer Group, den „Think Tank“ eines deutschen Traditionsunternehmens. Messer Group? Nein, das hat nichts mit Klingen und Bestecken zu tun. Das 1898 von Adolf Messer als „Frankfurter Acetylen Gesellschaft“ gegründete Unternehmen beschäftigt sich mit der Produktion von Industriegasen. Und nicht nur das, für seine weltweite Kundschaft entwickelt die Messer Group vielfältige Anwendungen für deren Einsatz. Ein großer Teil der Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird am Gahlingspfad – unweit der Krefelder City – geleistet.

Dr. Friedhelm Herzog, Forschungsmanager bei der Messer Group

Dr. Friedhelm Herzog, Forschungsmanager bei der Messer Group

Industriegase? Was heißt das denn, das ist doch bestimmt etwas Hochgiftiges! Nein, im Gegenteil!
Die von der Messer Group produzierten Gase werden überwiegend für den Umweltschutz und die Haltbarmachung von Lebensmitteln eingesetzt. „Genau deswegen hat sich das Unternehmen vor einigen Jahren den Wahlspruch ‚Gases for Life‘ zugelegt“, erklärt uns Diana Buss, die als Leiterin Unternehmenskommunikation ihren Sitz ebenfalls in Krefeld hat. Sie führt weiter aus: „In der Öffentlichkeit tauchen wir wenig auf, da wir kaum etwas für den Endkunden produzieren, aber unsere Produkte stecken direkt oder indirekt in fast allen Konsumgütern, die auch die Krefelder täglich konsumieren oder benutzen.“
Es geht vor allem um Stickstoff und Sauerstoff, Kohlendioxid, Argon und Wasserstoff. Wobei Stickstoff, Sauerstoff und Argon Bestandteile der Luft sind, die uns jeden Tag umgibt. Messer betreibt weltweit etwa 60 Luftzerlegungsanlagen, in denen die ganz normale Atemluft in ihre Bestandteile zerlegt wird. Ein Unternehmen mit über 5.000 Beschäftigten auf Luft gebaut. Ja, auf Luft und die Leidenschaft, immer neue, innovative Anwendungen für die produzierten Gase zu finden. Das ist die Aufgabe der Messer Entwicklungsabteilung, die ihre grauen Zellen vor allem am Gahlingspfad bemüht. In Krefeld wird ein großer Teil der Entwicklungen erdacht, die die Messer Group in aller Welt anwendet. Einer dieser Forscher ist Dr. Friedhelm Herzog, der sich bereits seit über einem Vierteljahrhundert mit „Lufttechnologien“ beschäftigt.

Messer Group GmbH Gebäude
Er erklärt: „Unsere Hauptprodukte Stickstoff, Sauerstoff, Argon und Kohlendioxid stecken in fast allen Gütern des täglichen Bedarfs. Ohne Kohlendioxid, auch als Kohlensäure bekannt, würden viele Getränke fad schmecken. Argon wird vielfach beim Schweißen und Sauerstoff unter anderem zur Abwasserreinigung verwendet. Stickstoff wird beispielsweise für Haltbarmachung, Brandschutz und Kühlung eingesetzt. Lebensmittelhersteller geben ihn als Schutzgas in Käseverpackungen und Chipstüten, und selbst in Getränkedosen stecken ein paar Tropfen Stickstoff, wodurch sie prall und stapelbar werden.“
Stickstoff macht etwa 78 Prozent unserer Atemluft aus und ist als Industriegas ein wahrer Tausendsassa. Grundlage seiner vielfältigen Möglichkeiten ist dabei seine Reaktionsträgheit. Stickstoff ist ein sogenanntes inertes Gas, das kaum mit anderen Stoffen reagiert. Es ist farb- und geschmacklos, kaum löslich und nicht brennbar. Will man unerwünschte Reaktionen, wie das Feuerfangen brennbarer Stoffe oder das Verderben von Lebensmitteln verhindern, pumpt man Stickstoff in den Raum. Der verdrängt den in der Luft befindlichen Sauerstoff und alles ist gut.

Unter Umweltaspekten besonders spannend sind die Einsatzmöglichkeiten von flüssigem Stickstoff als Kältemedium. „Kühltransporte sind oft problematisch. Kühlplatten können nur relativ wenig Kälte speichern, und mit Diesel betriebene Kühlaggregate erzeugen Lärm und Abgase. Aber wir haben eine Möglichkeit entwickelt, das zu vermeiden“, erzählt Dr. Herzog mit einem Lächeln im Gesicht und erklärt: „Mit einem Stickstofftank und einem System von Kühlrohren macht man den gesamten Transportraum eines LKWs zur Kühlbox. Vor der Fahrt wird der Tank mit tiefkaltem Stickstoff befüllt. So braucht der LKW keine lärmerzeugenden Kompressoren. Über ein Jahr können rund 20 Tonnen CO2 eingespart werden.“ Bei einem anderen Projekt des Krefelder Think Tanks wird der Materialwiderstand von Stromkabeln mithilfe von auf -196 Grad kaltem flüssigem Stickstoff auf Null reduziert. „Durch die Kühlung werden die Materialien zu Supraleitern. Auf diese Weise gibt es überhaupt keine Stromverluste mehr, und die Kabel brauchen einen wesentlich geringeren Durchmesser. Eine zukunftsweisende Technologie, die wir gerade in Essen mit dem RWE testen“,  so der Forscher.

Alle diese Ideen werden hinter der historischen Ziegelfassade der ehemaligen Samtweberei, seit 2004 Sitz von Messer in Krefeld, ersonnen. Wobei man hier zur zurzeit keine Labore oder Versuchsanlagen, sondern bloß Schreibtische und Computer, findet. „Ausprobiert werden unsere Technologien direkt bei den Kunden, wo wir auch unsere Produktionsanlagen stehen haben. Das kann irgendwo in Europa oder häufig auch in China oder Südostasien sein“, weiß Dr. Herzog und ergänzt: „Gas kann man wirtschaftlich nicht weiter als 200 Kilometer transportieren. Das schließt zentrale Produktionsanlagen aus.“ Zwar errichtete das Unternehmen im Jahr 1938 am Fütingsweg Krefelds erstes Gasabfüllwerk. Eine Rückkehr der Produktion nach Krefeld ist für die Zukunft aber nicht zu erwarten. Dafür wird es in der Seidenstadt bald ein echtes Messer-Entwicklungsslabor geben. „Wir erweitern2018 unser neues Technikum auf dem Kleinewefers-Gelände, in dem wir bereits heute ein Schweißtechnikum betreiben“, freut sich der Messer-Anwendungstechnologie-Manager, wirft aber ein: „Dank meiner langjährigen Erfahrung, kann ich mir vieles an meinem Schreibtisch ausdenken. Meinen jungen Kollegen werden die Labore aber sehr helfen.“ Ambitionierte Maschinenbau-, Physik- oder Verfahrenstechnikstudenten, die ihre Karriere gerne auf nichts als Luft aufbauen möchten, sollten sich das Messer-Technikum auf jeden Fall vormerken. Hier wird es sicher die eine oder andere Möglichkeit geben, in ein spannendes Arbeitsgebiet einzusteigen. Dass die Messer Group darüber hinaus ein Unternehmen mit einem hervorragenden Betriebsklima ist, erklärt uns Diana Buss mit einem Strahlen im Gesicht: „Wir sind hier wirklich alle wie eine große Familie, angefangen von unserem Chef, Stefan Messer, über meinen Lieblingsforscher Friedhelm Herzog bis zu allen meinen anderen Kolleginnen und Kollegen hier am Standort. Wer einmal bei Messer anfängt, bleibt bis zur Rente. Ich bin auch schon 23 Jahre hier und immer noch froh über meine damalige Wahl.“

 

Messer Group GmbH Diana Buss,
Gahlingspfad 31, 47803 Krefeld
Telefon 02151-7811-251,
www.messergroup.com