„Schaut euch einmal eine Körper-Zelle an. Wie klein sie ist und was dennoch in ihr steckt und was alles in ihr passiert. Wer das wohl gemacht hat?“ Mit dieser geschickt konstruierten Gegenfrage konterte die jüngst zur Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums berufene Dr. Tagrid Yousef bereits zu Lehrzeiten die Versuche der Schüler, sie in einen persönlichen Zwiespalt zu locken. Yousef ist gläubige Muslima und promovierte Neurobiologin. Sie erkennt in der Lehre des Korans und der Evolutionstheorie keinen Widerspruch. Genauso wenig wie in der Auslebung islamischer Werte und der Integration in eine westliche Gesellschaft. Die aus dem Westjordanland stammende 47-Jährige lässt sich mit ihrer Biografie in kein stramm geschnürtes Korsett stereotyper Migranten-Vorurteile pressen. Sie ist der fleischgewordene Antagonist für all‘ jene PEGIDA-Fahnen schwenkenden Möchtegern-Abendlandbewahrer, die Angst vor Migranten haben, anstatt in ihnen Möglichkeiten, Chancen und eine Bereicherung für unsere Gesellschaft zu sehen. Die Menschen dafür zu sensibilisieren, hat Yousef ganz oben auf die Agenda ihrer Arbeit in der städtischen Behörde gesetzt. Denn Integration sei schließlich keine Einbahnstraße. 

Ein neuer Job, eine neue Stadt, doch leider immer noch dieselbe Zeitrechnung. Gerne hätte Yousef einen Arbeitstag mit 48 Stunden oder eine Woche mit 14 Tagen. „Es ist wirklich eine Herausforderung“, schnauft die Berufs-Krefelderin, „wir haben so viele Pläne und Aufgaben. Es ist gar nicht so leicht, das alles unter einen Hut zu bekommen.“ Neben den aktuellen Projekten, wie der Koordinierung der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit und der Eingliederung neuer Flüchtlingskinder in den Schulbetrieb, möchte Yousef die Stadt kennenlernen und sich mit den hier lebenden Menschen austauschen. Um das Denken dieser zu verändern, muss man eben ganz nah dran sein und eine Beziehung aufbauen. Das weiß die Palästinenserin spätestens seit ihrem Studium und der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Gehirn. Eine Erkenntnis, aus der sie auch als Lehrerin an einem Duisburger Berufskolleg Kapital schlagen konnte. Vielleicht hat ihr auch dieses Wissen dabei geholfen, gleich zweimal den „Lehrer-Oskar“ für den besten Unterricht einzuheimsen. Eine Auszeichnung, auf die sie auch heute noch sehr stolz ist. Den von ihr so heißgeliebten Pauker-Beruf an den Nagel zu hängen, kam für Yousef nur infrage, weil sie in Krefeld auf einer ganz anderen Weise gestalten und noch mehr bewirken könne. An ihrer alten Wirkungsstätte hat ihr Weggang indes zu einem sprunghaften Mehrverbrauch von Taschentüchern geführt.

Integration: 
Im Allerkleinsten liegt der größte gemeinsame Nenner - 
Dr. Tagrid Yousef

Zu gestalten und zu verändern, bildet den roten Faden in Yousefs Leben. Angefangen hat sie damit sehr früh; bei sich selbst und ihrem direkten Umfeld. „Wir sind seinerzeit aus Palästina geflohen, als der Sechs-Tage-Krieg ausbrach. Ich war damals eineinhalb Jahre alt. Mein Vater war bereits als Gastarbeiter hier gewesen und holte uns dann nach“, erinnert sich die Älteste von fünf Geschwistern. „Mein Vater war anfänglich sehr darauf bedacht, uns in die deutsche Gesellschaft einzugliedern. Wir feierten Karneval, gingen auf Fackelumzüge und bekamen sogar zu Weihnachten Geschenke. In der ersten Zeit bin ich wirklich sehr ,deutsch‘ groß geworden.“ Erst durch die 1978 einsetzende Arbeitslosigkeit und die Angst vor einer für ihn weitestgehend fremden Gesellschaft habe sich ihr zuvor als Metallarbeiter tätiger Vater zunehmend dem Islam zugewandt und zusammen mit anderen Gläubigen den Bau einer Moschee in ihrem Heimatort Essen-Alten-Essen initiiert. Das Leben des Patriarchen war in Abgrenzung zur Biographie seiner Tochter ein eher typisches für Gastarbeiter jener Tage. „Eigentlich war mein Vater ein Leben lang auf dem Sprung“, sagt Yousef schmunzelnd. „Wie viele andere auch plante er, nicht ewig in Deutschland zu bleiben. Er wollte nur so viel Geld verdienen, dass er sich in unserem Heimatland etwas aufbauen kann. 1977 hatte er meine Mutter, meine Geschwister und mich sogar für ein halbes Jahr wieder zurückgeschickt. Weil er es hier aber ohne uns nicht aushalten konnte, sind wir wieder gekommen.“ Dieser Ausdruck von Liebe für seine Familie zog sich auch durch die steten Auseinandersetzungen mit seiner forschen Tochter, die schon als junges Mädchen einen eigenen Kopf hatte und alles hinterfragte. „Als ich ein Kopftuch tragen sollte, sagte ich zu ihm: ,Wenn du willst, dass ich dich belüge, mache ich das, aber ich lege es ab, sobald ich beim Aldi um die Ecke abbiege’“, erzählt Yousef mit Blick in ihre frühpubertäre Phase. „Mein Vater ließ mich gewähren, obwohl es ihm schwer gefallen ist.“ Die kleine Tagrid veränderte; sich und Stück für Stück auch ihr Umfeld. Doch in einem hierarchischen Verhältnis bedarf es auch immer einer Person, die diese Veränderung zulässt. Das hat sie bis heute nicht vergessen.

Ebenfalls zugelassen – obwohl nicht befürwortet – hat der Vater den Wunsch nach einer akademischen Karriere. „Er hat es einfach nicht für nötig gehalten“, erklärt sie. „In seinen Augen hätte eine Ausbildung genügt. Als Mädchen sollte ich heiraten und die Familie unterstützen. Dass mein Lehrer, der in arabischen Kreisen noch mehr Autorität genießt als hier, mir nach der Grundschule eine Hauptschulempfehlung aussprach, spielte ihm natürlich auch noch in die Karten. Erst als er sah, dass ich nur Einsen schrieb und ein befreundeter irakischer Arzt ihm dazu riet, mich aufs Gymnasium zu schicken, wurde er nachgiebiger.“ Den letzten und wohl wichtigsten Baustein zur Überzeugung lieferte Yousef allerdings selbst. „In Palästina machen alle Mädchen Abitur. Also fragte ich ihn, wie es denn aussähe, wenn wir zurück nach Palästina kämen und ich die einzige ohne Abitur wäre. Das hatte ihm die Augen geöffnet“, sagt sie lachend, verweist aber anschließend darauf, dass es trotz dieser Etappenziele auch klare No-Gos gab. „Als wir Mädchen in die Pubertät kamen, gab es strikte Grenzen. Wir durften uns nicht nach der Schule auswärts mit Freunden treffen oder gar auf Klassenfahrten mitfahren. Natürlich war ich in diesem Zeitraum neidisch auf meine deutschen Freunde, die das alles durften. Aber sich gegen diese Vorgaben meines Vater aufzulehnen, hätte die Ehre meines Vaters und der Familie gefährdet. Dagegen habe ich mich niemals aufgelehnt.“ Trotzdem spricht sie sich bis heute für einen modernen Islam aus, der sich verändern und seiner Umgebung anpassen darf. Kopftücher bei Lehrerinnen missbilligt sie gar kategorisch. Religion, das sagt sie heute, sei Privatsache.

„Wenn man Wissen vermitteln möchte, muss man einen Menschen dort abholen, wo er steht. Schaffe ich keine Bindung und Vertrauen, hört mir niemand zu“

Mit viel Fingerspitzengefühl vollzieht die heutige Mutter zweier Töchter während des Erwachsenwerdens den Balanceakt zwischen zwei Welten. Zuhause wird in Kindertagen Arabisch gesprochen. Sie betet, geht zur Moschee und lebt die Traditionen ihres Heimatlandes. An den deutschen Bildungsinstituten avanciert Yousef derweil zur Überfliegerin: Abitur mit Bestnoten, Studium, Promotion – lückenlos, obwohl zwischendurch ihre erste Tochter das Licht der Welt erblickt. Ihren Mann, einen sechs Jahre älteren Ingenieur, lernt sie während der Abiturzeit kennen. „Das ist schon eine witzige Geschichte“, erzählt sie lachend, „denn er kommt aus demselben Dorf wie ich im Westjordanland. Er hielt mich sogar schon als Säugling auf seinem Arm. Heute erzählt er immer scherzhaft, er habe schon damals gewusst, dass er mich einmal heiraten würde.“ Mit ihm an ihrer Seite erwirbt Yousef die höchsten akademischen Grade. Beinahe wäre sie gar Professorin geworden, doch sie entscheidet sich dagegen, weil die Aussicht auf eine Stelle in mittelbarer Nähe zu ihrer zweiten Heimat im Ruhrgebiet gering ist. Alternativ wählt sie die Hirn-Forschung und doziert am Lehrstuhl. Schon damals ist ihr die Förderung des interkulturellen Zusammenlebens wichtig. Yousef leitet Seminare und hilft ausländischen Studenten, sich auf dem internationalen Campus der Universität Bochum zurecht zu finden. Dazu unterrichtet sie in der angrenzenden Moschee Kinder in Deutsch. Gleichzeitig richtet sie Informationsveranstaltungen zum Islam für Schüler und Eltern der naheliegenden Grundschule aus. Rasch erkennt sie in dieser Phase, dass sie Lehre und Forschung gleichermaßen begeistern. Den Wechsel zum Berufskolleg im Jahre 2002 begründet sie mit der unsicheren Jobsituation durch die Jahresverträge an der Akademie. Außerdem habe sie früh erkannt, dass sie ein Talent für Didaktik, also für die Wissensvermittlung, habe.

Am Berufskolleg im Herzen Duisburgs fungiert sie neben ihrer Lehrtätigkeit als Bindeglied zwischen den Kulturen. Bereitwillig stellt sie sich kritischen Fragen der Schülerschaft. „Wenn man Wissen vermitteln möchte, muss man einen Menschen dort abholen, wo er steht. Schaffe ich keine Bindung und Vertrauen, hört mir niemand zu“, erklärt sie. Die Schüler erkennen in ihrer Lehrerin eine Sachverständige beider Welten; sie ist eine Schnittstelle, eine Integrationsfigur. Es geht ihr um gegenseitiges Verständnis, Nähe und Toleranz. Sie hat ein ehrliches Interesse an ihren Zöglingen, die sie dafür zum Dank für den Lehrer-Award nominieren. „Das ist für mich auch heute noch eine große Ehre“, sagt Yousef mit leuchtenden Augen.

Alle diese biographischen Fäden laufen nun bei ihrer Beschäftigung als Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums in Krefeld zusammen. Yousef muss nicht erst ein paar Schritte in den Schuhen derjenigen gehen, die heute im Mittelpunkt ihrer Bemühungen stehen, denn sie ist sie längst gegangen. Und sie weiß, welches Rüstzeug man braucht, um eine tragende Säule der deutschen Gesellschaft zu werden. „Wer die nötige Portion Hartnäckigkeit und Beständigkeit mitbringt, kann in Deutschland alles erreichen“, lautet ihr Credo. Doch sie sagt auch einschränkend, dass es an vielen Stellen noch versteckten Rassismus gebe: „Das habe ich selbst bei Bewerbungen erlebt.“ Deswegen geht es bei ihrer Arbeit nicht nur um die eine Seite, also um jene, die neu nach Deutschland kommen. „Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft mehr auf Migranten zuginge. Menschen müssen mit allen Facetten und biographischen Eigenheiten wahrgenommen und vor allem aufgenommen werden“, findet sie. Sie wirbt für einen unpolitischen, emphatischen Austausch; um Menschlichkeit. Denn der, der diese kleine Zelle gemacht hat, in der so viel passiert, schert sich auch nicht um Religion, Nationalität oder Hautfarben.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen