// KR-ONE: Herr Schmid, ihr Fachgebiet umfasst „das fachliche Selbstverständnis von Design im Verhältnis zu anderen Disziplinen und die Rolle des Designers in Prozessen, Handlungen und Darstellungen im politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontext.“ So steht es auf der Homepage der Hochschule Niederrhein geschrieben. Bitte erklären Sie noch einmal ihre Arbeit in der Design-Theorie für einen Laien.
Prof. Dr. Erik Schmid: Ich vermittle Studierenden das Wissen und das Denken als Werkzeug für Design. Dazu gehört systematisches und historisches Wissen: Wie verhält sich Design zur Kunst? Wie verhält sich Design zur Industrie, zur Geschichte und zur Gesellschaft? Welche Auffassungen von Design gibt es? Design ist durch viele Bereiche erschließbar. Durch Marketing, Handwerk, Kunst, Technik, … – und eben auch durch Geschichte und Denkweisen. Kopf und Hand müssen im Design zusammenarbeiten. Durch Wissen und Denken öffnet man auch neue Gestaltungsräume. Design ist im Leben zuhause und deswegen muss man alle Lebensformen und das Wissen und Denken dazu befragen.

„Schönheit zählt mehr als Wahrheit“

Professor für Theorien zum Design am Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein, Dr. Erik Schmid, über Samt und Ballonseide, Kooperationen zwischen Hochschule und Stadt sowie das grundlegende Verständnis von Design

// Sind Sie wegen der Professur nach Krefeld gekommen?
 Ja.

 // Was wussten Sie im Vorfeld über die Stadt?
Ich war zuvor schon mal hier, ich kannte Krefeld über Joseph Beuys, als Samt- und Seidenstadt, die sie einmal war, über die Pinguine, das Wunder von der Grotenburg, das 7:3 gegen Dynamo Dresden 1986, und den Krefelder Appell 1984, und natürlich waren mir die Museen geläufig.

 // Sie haben im Zuge Ihrer Karriere zahlreiche Stationen durchlaufen: Mainz, Weimar, Heidelberg, Bayreuth und Paris zählen dazu. Welchen ersten Eindruck hatten sie nach diesen Städten anfänglich von Krefeld?
Ich bin der Stadt mit Wohlwollen begegnet. Schon allein deshalb, weil ich ahnte, dass sie mittelfristig mein Wirkungsfeld sein würde. Daraus sind inzwischen zehn Jahre geworden. Ich lerne eine Stadt immer als Fußgänger kennen. Ich habe dabei eine Stadt kennengelernt, die keine erschlagenden Bauten oder Fassaden aufweist, was mir gefiel. Ich konnte ebenfalls feststellen, dass Krefeld eine ärmere Stadt ist, in der viele Menschen nicht viel Geld haben. Gleichzeitig erkannte ich auch, dass das damalige Image der Samt- und Seidenstadt mit dem gegenwärtigen Stadtbild wenig zu tun hat. Ich dachte dann eher an Samt- und Ballonseide. Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Menschen nicht richtig stolz sind auf ihre Stadt, was ich sehr schade finde, weil Menschen das können sollten. Ich würde mir wünschen, dass die Krefelder den aktuellen Zustand als Potential begriffen. Denn Leerstände bieten Raum, etwas Neues zu schaffen, Studenten wohnen hier günstig, man kann hier wirklich was tun. In Städten wie Heidelberg, wo ich herkomme, nehmen sich Initiativen gegenseitig die Luft zum Atmen. Der Raum, der hier vorhanden ist, und die Luft nach oben sollten mehr genutzt werden. Ich habe zu meinem zehnjährigen Jubiläum in Krefeld übrigens eine Krefeldsonate für Klavier komponiert.

 // Wie haben sich Krefeld und ihr eigenes Leben innerhalb einer Dekade entwickelt? Nachdem ich mich auf die Stadt eingelassen hatte, bin ich warm mit ihr geworden; ich fühle mich wohl und zuhause. Ich schätze die Mentalität der Krefelder. Sie sind direkt. Hier kann man viel unkomplizierter miteinander umgehen und schließt schnell Bekanntschaften.
Beruflich hat es großen Spaß gemacht, den Fachbereich mitzugestalten und eine Verbindung zur Stadt aufzubauen, die vorher so nicht existierte. Inzwischen arbeiten wir eng mit dem Kulturbüro zusammen, die Etablierung der „Design Discussion“ und die Mitarbeit an der Fotogalerie machen mir große Freude. Ich begrüße auch die vielseitige Zusammenarbeit vieler Kollegen mit dem Stadtmarketing, Krefelder Vereinen, Verbänden und Unternehmen. Unter diesen Gesichtspunkten bin ich zufrieden, da auch mein Bemühen, den Fachbereich Design näher an die Stadt zu bringen, Früchte trägt. Wir haben Ideen. Und ich glaube, Krefeld hat weniger durch Verwaltung als durch Gestaltung ein riesiges Potenzial. Dafür sollte sich die Stadt mehr auf das Ideenpotenzial besinnen. Denn die Stadt braucht mehr Selbstbewusstsein! Ich schlage daher der Stadt eine große Konferenz vor: Ideen für Krefeld! Denn das Samt- und Seidenimage ist definitiv vorbei.

 // Sie haben Kunstgeschichte, Musikwissenschaften, Psychologie und Philosophie studiert. Heute sind Sie Professor für Design-Theorie. War dieser Werdegang geplant? Nein: Ich leide unter einem selbst diagnostizierten Multidilettantismus, auch Multiabilitose genannt, was heißt, dass ich viel ein bisschen und nichts richtig gut kann, was aber gut zum Design passt. Ich war lange Zeit Journalist, habe zuvor als Hochschuldozent, als Grabredner, Theatermusiker, Klavierlehrer, Pianist, Lehrer und Reiseleiter gearbeitet. Ich hatte nie Interesse an nur einem Fach. Mich hat schon immer der erkenntnistheoretische Hintergrund gereizt: Wie gelangt man zu Wissen und Bildung und wie vermittelt man das? An der Hochschule Mainz habe ich zuerst Kunstgeschichte unterrichtet und war damit eigentlich nicht besonders glücklich, deswegen habe ich dort ein Curriculum zur Design-Theorie entwickelt. Anschließend habe ich mich in Krefeld für die Professur in diesem Fachbereich beworben.

// Was macht diesen Fachbereich für Sie so interessant?
Mir geht es um Komplexität und Designfragen sind komplex. Nur so kommt man an die Lebenswelten heran. Denn das Leben ist fraglos sehr komplex. Es geht im Design darum, festgefahrene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen. Ich versuche das mit einer konstruktiven Verunsicherung der Zustände. Design darf nicht zu einer Hilfsdisziplin der Ökonomie verkommen. Design soll zuerst Handlungen Sinn und Sinnlichkeit verleihen. Welchen Sinn es allerdings einer Handlung verleiht, das müssen die Designer jeweils selbst entscheiden. Ich versuche den Studierenden zu vermitteln, dass sie eine Haltung haben müssen. Ein Design kann unter gewissen Gesichtspunkten unsinnig erscheinen, aber total erfolgreich werden. Wer erfindet zum Beispiel einen Kronkorken, um danach ein Gerät zu entwickeln, mit dem man den Kronkorken öffnen muss? Der Plöpp-Verschluss beim Flensburger zum Beispiel ist teurer und sperrig und trotzdem erfolgreich, weil Menschen das sinnliche Erlebnis des Öffnens dieser Flaschen schätzen. Warum kaufen alle Apple? Ist mit nichts kompatibel, teurer als Konkurrenzprodukte und ständig brauchen Sie neue Adapter. Ist das nett? Sicher nicht, aber die Menschen lieben das – wider alle Vernunft, denn Apple-Produkte sind schön – und: Schönheit zählt mehr als Wahrheit. Das scheint widersprüchlich und ist dennoch leicht zu beobachten, weshalb Klarheit zuerst ein kapitaler Irrtum ist und eine diskursive Verunsicherung braucht. Design verdinglicht diesen Diskurs. Deshalb irrt Design nicht selten lust- und stilvoll. Das liegt in der Natur einer Disziplin, die nicht nur Teilaspekte des Lebens, sondern ganze Lebenswelten bespielen muss. Irren ist menschlich und Design sollte unbedingt menschlich sein, finden Sie nicht?

 // Warum wird Design von Nicht-Fachleuten eine gewisse Oberflächlichkeit ­unterstellt? Das liegt nicht zuletzt an einer inflationären Verwendung des Wortes: Vom Mode-, Nagel- bis Hairdesigner, weil der Begriff nicht geschützt ist. In Wahrheit ist Design eine tiefe strukturelle Durchdringung von Lebenswelten und deren Gestaltung. Es geht dabei nicht um Verkleidung, Styling ist nicht Design. Klebe ich auf eine Flasche ein neues Etikett, macht es im Verkauf vielleicht Sinn; es ändert aber nichts an der Flasche. Der Glaube, dass hinter einem Designer ein Aufhübscher steht, ist leider weit verbreitet. Dagegen müssen wir angehen. Echte Designer sind auf der steten Suche nach mehr Sinn und Sinnlichkeit im Leben und geben dem eine Gestalt.

„Schönheit zählt mehr als Wahrheit“

Prof. Dr. Erik Schmid hat die Design Discussion in Krefeld etabliert. Bereits 45 Mal hat sie in der Fabrik Heeder stattgefunden

 // Es gibt nicht Wenige, die sich gänzlich von einer Designbeeinflussung freisprechen. Die mag es geben, aber dieser Einstellung liegt eine völlige Ignoranz zugrunde. Unsere gesamte Umwelt ist durch die Hände von Designern gegangen. Schauen Sie sich um! Designer sind die, die unsere geschmackliche und ästhetische Erziehung prägen wie nichts sonst und damit auch unsere Vorstellung von Werten. Darin ist Design auch politisch; eine große und oft verkannte Bedeutung!

 // Wie würden Sie die Hochschule Niederrhein im bundesdeutschen Kontext bewerten? Sie ist vorbildlich aufgestellt und in der Region gut verankert. Sie steht im nationalen Ranking außerordentlich gut da. Ich wünsche mir allerdings für Krefeld und ­Mönchengladbach, dass die Hochschule und ihre Folgen noch sichtbarer in den Städten werden. Tausende Menschen werden Jahr für Jahr zum Studieren hierher geschleust, fast eine ganze Generation. Die sind voller Kraft, Elan und Ideen. Die Bemühungen, diese Menschen zu halten, sollten viel größer werden. Diese Menschen sollten größere Anreize und Entwicklungsmöglichkeiten hier erhalten. Da sind alle hier gefragt.

 // KR-ONE: Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: David Kordes