Ein Leben führen zu müssen mit Glatze: alleine diese Vorstellung ist gerade für Frauen der blanke Horror, gelten Haare doch als Symbol schlechthin für Weiblichkeit. Für Jenny Latz ist der ­Horror real geworden: die Krefelderin erkrankte als junges Mädchen am kreisrunden Haarausfall „Alopecia Areata“.

Jenny Latz: Sie verlor ihre Haare – aber nicht den Kopf

Ein Sonntag im Frühling, die Sonne scheint, vor der Kirche St. Elisabeth an der Viktoriastraße in Krefeld stehen weißgekleidete Jungen und Mädchen, Kinder aus der Gemeinde. Sie feiern gerade ihre Kommunion, sie haben sich aufgereiht für den Fotografen. Unter ihnen ist auch die zehnjährige Jenny Latz. Plötzlich gibt es einen Windstoß – und Jenny verspürt ein seltsames Kältegefühl am Hinterkopf. Irritiert tastet sie mit einer Hand kurz in ihre Haare, bevor sie weiter lächelt für den Fotografen. Als sie wieder zuhause ist, bittet sie ihre Mutter, einen Blick auf ihren Hinterkopf zu werfen. Die Mutter erschrickt: an einer kleinen Stelle auf der Kopfhaut hat ihre Tochter keine Haare mehr.

Die Szene am Tag ihrer Kommunion ereignete sich im Jahr 1965. Heute ist Jenny Latz 60 Jahre alt. Eine Frau mit attraktivem Gesicht, mit Charisma, Persönlichkeit, einem Charakterkopf – auf dem sich keine Haare befinden: Seit 41 Jahren meistert die Krefelderin ein Leben als kahle Frau. „Auf ein solches Leben hat mich niemand vorbereitet“, sagt sie während sie an ihrem Wohnzimmertisch sitzt, einen Zug von ihrer Zigarette nimmt. Unaufgeregt erzählt sie, dass es sie damals nicht groß schreckte, als ihre Mutter die blanke Stelle auf ihrer Kopfhaut entdeckte. „Mit zehn Jahren sieht man fehlende Haare nicht so als den Supergau“, sagt sie lakonisch. Ihre Mutter ging sofort mit ihr zu einem Hautarzt, der Arzt diagnostizierte „Alopecia Areata“: kreisrunder Haarausfall, eine Autoimmunerkrankung, die den Körper die eigenen Haare abstoßen lässt.

„Die schwindende Attraktivität war das eine, was so weh tat. Das andere war, dass ich das Gefühl hatte, mir wird Schutz geraubt.“

Nach heutigem Stand sind davon rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Die Ursache gilt bis heute als unbekannt. „Da könne man nicht viel machen, sagte schon damals der Arzt. Meine Mutter hat dieses Urteil nicht akzeptiert, hat mich mit Kieselerde behandelt“, erzählt Latz. Und tatsächlich: Die kahle Stelle am Hinterkopf wuchs wieder zu, und Latz fielen vorerst keine Haare mehr aus. „Im Februar 1974 erkrankte meine Mutter plötzlich an Krebs, ich steckte gerade mitten im Abitur“, erzählt Latz. „Die Belastung zuhause war groß, trotzdem habe ich das Abi geschafft und mich in Köln um einen Studienplatz für Germanistik, Politologie und Theaterwissenschaften beworben. Im September kam die Zusage aus Köln, kurz darauf ist meine Mutter ins Koma gefallen, zwei Wochen später ist sie gestorben.“ Latz atmet kurz durch, schaut aus dem Fenster ihres Wohnzimmers. Ein Jahr, nachdem ihre Mutter gestorben war „ging es wieder mit dem Haarausfall los“. Anders als früher nahm Latz den Haarausfall jetzt als Bedrohung wahr. Kieselerde half nicht mehr, das Kämmen mit einem Kamm wandelte sich zu einem mit Beklemmung und Übervorsicht besetzten Akt. Das Badezimmer wurde zum Angstraum, der Blick in den Badezimmerspiegel zur Panik-Prozedur, bei der Latz ihren Kopf nach Kahlstellen absuchte. Verzweifelt. Haltlos. Mit dem Gefühl, unendlich alleine zu sein. „Nichts stimmte mehr“, erinnert sich Latz. „Für mich als junges Mädchen mit Anfang 20 war das eine Katastrophe, ich hatte das Gefühl, als würden mir alle Teppiche unter den Füßen weggezogen“, erzählt sie. Innerhalb der nächsten Monate bildeten sich drei große Kahlstellen an ihrem Hinterkopf. Latz versuchte, die verbliebenen Haare zu toupieren, mit Haarklammern zu drapieren, die immer klaffendere Kahlheit zu kaschieren. Ein aussichtsloser Kampf. „Nach einem Jahr hatte ich nur noch drei Strähnen auf dem Oberkopf“, erzählt sie. „Die schwindende Attraktivität war das eine, was so weh tat. Das andere war, dass ich das Gefühl hatte, mir wird Schutz geraubt.“

Unglücklich begann sie, Perücken zu tragen. 1976 wechselte sie die Uni von Köln nach Düsseldorf, wo sie Germanistik, Philosophie, Pädagogik auf Lehramt weiter studierte, das Thema Haarausfall ständig im Hinterkopf: Parallel zu den Vorlesungen rannte Latz „von Pontius zu Pilatus“, lief von Arzt zu Arzt, nahm als Versuchskaninchen an Haarstudien teil, ließ sich beim Zahnarzt alle Amalgamfüllungen ­entfernen, nachdem sie gelesen hatte, Amalgamfüllungen könnten Haarausfall bewirken, reiste gar bis nach Afrika, wo sie die Hilfe einer Medizinfrau suchte. Alle Versuche ohne Erfolg. In Düsseldorf lernte sie einen Studenten kennen, der sich in sie verliebte, der ihr auch gefiel. Sie küssten sich im Auto, er griff ihr zärtlich in die Haare, „da habe ich ihn von mir geschoben“, erinnert sich Latz. Sie erklärte ihm, dass sie eine Perücke auf dem Kopf trug. „Er glaubte mir nicht, also haben wir uns bei ihm in seiner Wohnung getroffen“, erzählt sie rückblickend. Jenny weiß noch, wie sie allen Mut zusammen nahm, ihren Körper anspannte, einatmete – und sich die Perücke vom Kopf zog. Die Reaktion ihres damaligen Freundes haute sie um: „Er umarmte mich, sagte, ,Mädchen, du siehst klasse aus‘.“ Es war der Auftakt zu einem neuen Doppelleben. Latz: „Ab da wussten in meinem Freundeskreis immer mehr Bescheid, ab da habe ich, wenn ich unter Freunden war, meine Perücke immer öfter auch abgenommen – unter Fremden und in aller Öffentlichkeit traute ich mich das aber nicht.“ Nach der Uni arbeitete sie unter anderem als Sprachtrainerin, wechselte in der Öffentlichkeit zwischen Tüchern und Perücken.

Im Prinzip musste sie lernen, mit jeder Situation neu umzugehen, immer wieder stieß sie in ihrem „kahlen Leben“ auf neue Herausforderungen. „Wenn zum Beispiel der Postbote an der Tür klingelte, ich mir hastig ein Handtuch um den Kopf geschlungen habe und erklärte, ich käme gerade aus der Dusche“, beschreibt sie. Zu sagen, wann und wie genau sie bei sich angekommen ist, die Kahlköpfigkeit akzeptiert hat, fällt ihr schwer. Zwei Schritte vor, einen zurück, in diesem Tempo habe sie sich nach und nach sich selbst angenähert. Sie erinnert sich an einen Tag, irgendwann Mitte der 90er, sie war Anfang 40, an dem sie ohne Perücke mit einer Freundin zu einer Party unterwegs war. Es war windig an dem Tag, ihre Freundin fragte sie ohne nachzudenken nach einem Kamm, Latz wühlte ohne nachzudenken in ihrer Tasche, fand keinen Kamm – bis sie inne hielt. Beide Frauen guckten sich an. Und lachten los. „Vielleicht war das der Tag, an dem ich merkte: ,Okay, es ist nicht mehr soviel Schmerz da, wenn ich mir ernsthaft die Frage stellen kann, warum ich eigentlich keinen Kamm dabei habe“, sagt sie. Latz machte aus der Not auch mit Selbstironie eine Tugend, posierte in den 90ern etwa für die Marke Jägermeister auf einem Plakat mit dem Spruch „Ich trinke Jägermeister, weil man bei mir kein Haar in der Suppe findet“.

Jenny Latz: Sie verlor ihre Haare – aber nicht den Kopf

1995 trat sie der Selbsthilfeorganisation Alopecia Areata Deutschland e.V. bei, gründete eine eigene Ortsgruppe in Krefeld, wurde 1996 sogar zur Bundesvorsitzenden gewählt, ein Amt, das sie bis 2002 bekleidete. 2003 gründete die inzwischen selbständige Unternehmensberaterin in Krefeld das Projekt „Haircoaching“. Seitdem steht sie Menschen, die an kreisrunden Haarausfall erkrankt sind, zur Seite, veranstaltet Workshops und Tagesseminare für die Hilfe zur Selbsthilfe, schreibt Bücher, bietet auf ihrer Webseite eine Datenbank mit Adressen von Psychologen, Dermatologen, Zweithaarstudios an. Einmal in der Woche, donnerstags von 17 bis 18 Uhr, ist sie für eine kostenlose telefonische Haarsprechstunde zu erreichen, 70 Prozent der Anrufer sind Frauen, 30 Prozent sind Männer. Jenny Latz hat heute das erreicht, was manche Menschen, die den Kopf voller Haare haben, nie erreichen: Sie mag sich, wie sie ist. Und nicht nur das: Sie lässt andere an dem Schatz, den sie in sich entdeckt hat, teilhaben, wissend, wie schwer es war, diesen Schatz zu heben, wissend um seinen Wert, der sich in ihren Hilfsangeboten spiegelt. Vergangenes Jahr hat Latz ihren Partner geheiratet, mit dem sie seit 15 Jahren eine glückliche Beziehung führt, ständig denkt sie darüber nach, welche Projekte rund um „Alopecia Areata“ sie neu anstoßen könnte. Seit Neuestem engagiert sie sich auch für Flüchtlingskinder, denen sie Deutschkurse gibt, sie sprüht voller Tatendrang, Ideen. Sie hat alle ihre Haare verloren. Ja. Aber deswegen nicht den Kopf.

Mehr Informationen zu Jenny Latz: www.haircoaching.de.