Wenn Jerzy Chartowski morgens aufwacht, ist er voller Inspiration: Der Kunstmaler aus Düsseldorf, der vor zwei Jahren nach Krefeld-Uerdingen zog, erschafft seine Bilder unter anderem aus seinen eigenen Träumen. Seine ungewöhnlichen Werke gibt es im November in einer kostenfreien Ausstellung  in seinem Atelier zu bestaunen.

 

Der Kopf eines Adlers in Großaufnahme, eine blutrote Träne läuft dem Greifvogel aus einem Auge, auf seinem gefiederten Haupt trägt er eine Dornenkrone. Ein überdimensionaler Schuh, auf dem zwei winzig erscheinende Menschen entlang laufen. Ein Straßenbahn-Waggon, der wie vom Himmel gefallen mitten auf einem freien Acker steht, in dem Waggon schaut eine Frau mit Engelsflügeln aus dem Fenster. Motive wie diese mögen, nur mit Worten beschrieben, erst einmal befremdlich wirken. Sieht man sie jedoch in gemalter Form, kann man nicht mehr genug bekommen davon. Denn es ist der Künstler Jerzy Chartowski der surrealen Szenen wie diesen ein Leinwand-Leben einhaucht: ein Maler, Zeichner, Airbrusher und Art-Designer, der vor zwei Jahren von Düsseldorf nach Krefeld kam – und dessen Bilder eine solch visuelle Kraft entfalten, dass sie auch den bodenständigsten Betrachter magisch in ihren Bann ziehen.

 

Jerzy Chartowski - Traum-Kunst

 

Denn mit Jerzy Chartowski dürfen die Krefelder einen der außergewöhnlichsten Künstler der Gegenwart unter sich wissen. 1948 wurde der heute 67-Jährige in der Stadt Slupsk im polnischen Pommern geboren. Seine musische Ausbildung erhielt er am Kunstgymnasium in Danzig, 1967 machte er sein Diplom als Grafik-Designer und arbeitete als solcher in einer Werbeagentur, bevor er drei Jahre später sein Studium in Danzig an der Hochschule für Bildende Künste, Malerei und Grafik aufnahm. 1976 folgte der Abschluss des Diploms als Magister der Kunst für Malerei und Grafik-Design, danach wirkte Chartowski bis 1980 als Dozent an der Danziger Kunstakademie. 1981, als der damalige Ministerpräsident Wojciech Jaruzelski die vom Staat unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ verbot, um die damit einhergehenden Demokratiebestrebungen im Land zu zerschlagen, befand sich Chartowski gerade in Deutschland, in Hamburg, wo er ausstellte. Nachdem Jaruzelski in Polen am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht hatte ausrufen lassen, um die „Solidarność“ zu brechen und ganz Polen von massivsten Unruhen erfasst wurde, „wurden die Grenzen zu meinem Heimatland geschlossen“, erzählt Chartowski – er konnte nicht wieder zurück. So blieb der Künstler in Deutschland, zog nach Düsseldorf. Dort lernte er in den 90er Jahren seine Frau Dana Chartowski kennen, eine Diplom-Chemikerin, Leiterin des chemischen Labors an der Bergischen Universität Wuppertal, gebürtig aus Krakau in Polen. 2013 verlegten Künstler-Freunde von den Chartowskis, der freischaffende Goldschmied Walter Ziegler und die Malerin Inga Fu ihren Wohnsitz von Meerbusch nach Krefeld – und schwärmten so viel und so lange von der Seidenstadt, das die Chartowskis ihnen noch im gleichen Jahr folgten.

„Ich träume extrem bildhaft, und die Bilder aus meinen Träumen sind immer mit einem Gefühl verbunden“

Hier sitzt Jerzy Chartowski nun in einer hellen Jugendstil-Wohnung mit Stuck verzierten Decken und Wänden in Uerdingen, wo er aktuell lebt und arbeitet. Ein Mann, der im Laufe seiner vielen Schaffensjahre immer wieder ausgezeichnet wurde für seine Kunst, zuletzt 2011 die „Grand Prix Statuette ,Die Adler des Polnischen Business in Deutschland’“ am Lech Walensa-Institut in Danzig erhielt. Ein Typ, der in sich gekehrt wirkt, zugleich offen für die Welt ist, den Menschen freundlich zugewandt, eine seltene Kombination. „In Krefeld habe ich eine Ruhe gefunden, die ich vorher in Düsseldorf nicht hatte, wo immer so viele Menschen sind, so viel Verkehr, so viel Hektik“, erzählt der Künstler mit leiser Stimme. Seine blauen Augen haben einen verletzlichen Blick, sein feines Gesicht umrahmen kinnlange schneeweiße Haare, die er sich immer zu einem Zopf nach hinten bindet, wenn er an einem Bild arbeitet. Er arbeitet eigentlich ständig. Kann Inspiration „jeden Tag aus jedem Augenblick schöpfen: aus einem Herbstspaziergang, auf dem ich ein herab fallendes buntes Blatt sehe, das von einem Bein segelt, aus aktuellen Nachrichten, die ich abends im Fernsehen verfolge. Und vor allem: aus meinen Träumen. Ich träume extrem bildhaft, und die Bilder meiner Träume sind immer mit einem Gefühl verbunden. Und dieses Gefühl transportiere ich dann über Airbrush, Acrylfarben, Pastellkreide, Aquarell auf die Leinwand“.

„Ich träume extrem bildhaft, und die Bilder aus meinen Träumen sind immer mit einem Gefühl verbunden“

Ungewöhnliche, unwirkliche, verspielte, auch kraftvolle und effektvolle Bilder entstehen dort. Mit Fabelwesen ähnlichen Gestalten, halb Mensch, halb Tier, mit frei schwebenden Augen oder mit kopflosen Menschen, mit Bäumen, die kunstvoll verästelt die Körper von Adam und Eva nachzeichnen, mit weinenden Pferden, mit menschlichen Händen, die aus dem Himmel greifen. Ebenso schafft Chartowski mystische Objekte aus Bronze, Silber, Gips; die Fachwelt ordnet ihn der „Fantastischen Kunst“ zu. Er selbst sieht sich und seine Werke in einer „symbolistischen Welt, in der ich meinen ganz eigenen Weg beschreite, um meine Gefühle und Gedanken zu versinnbildlichen und ihnen neue Dimensionen zu verleihen“. In einer Mischtechnik auf Leinwand aus dem Jahr 2008 malt er zum Beispiel eine Frau, halb Mensch mit nacktem weiblichen Körper, halb Tier mit dem Kopf eines Vogels; „weil ich Frauen als Wesen empfinde, die schön und frei zugleich sein wollen“, erklärt Chartowski seine Art der Darstellung. „Mein Ziel ist es, die Menschen mit meinen Bildern innerlich reich zu machen“, sagt er. Und dieses Ziel rücke in greifbare Nähe wenn die Betrachter zu den gemalten Gefühlen Chartowskis ihre eigenen Emotionen und Interpretationen entwickeln, sprich: wenn sie die Fantasie spielen lassen. Purzelbäume schlagen lassen. Indem sie ein Bild nicht nur bestaunen, sondern etwas Eigenes damit machen, versuchen, persönliche Stimmungen zu erspüren, die sich aus den gemalten ableiten. Wer sich traut, sich in seiner Fantasie zu verlieren, „vergisst seine Sorgen, Probleme, sein ganzes eigenes Drama“, sagt Chartowski, „weshalb meine Kunst aber nichts mit dem Ausblenden der Realität zu tun hat. Vielmehr ist es eine Therapie, um Wirklichkeiten besser auszuhalten, auch für mich“.

Wie sich das anfühlt, kann man an gleich zwei Wochenenden im November herausfinden: am Samstag, 21. November, und am Sonntag, 22. November, sowie Samstag, 28. und Sonntag, 29. November, veranstaltet Chartowski in seinem Atelier eine Ausstellung mit dem Titel „Herbstmusik“. Die Ausstellung ist an den beiden Samstagen jeweils von 15 bis 20 Uhr geöffnet, an den beiden Sonntagen jeweils von 12 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist nicht nur frei, sondern ein gutes Mittel gegen das Novembergrau – das äußere und das innere.

 

Selbstverständlich kann das Atelier nicht nur zur Ausstellung im November, sondern nach telefonischer Absprache auch jederzeit zu einem anderen Termin besucht werden. Kontakt: Atelier „Chartowski Art“, Burgstr. 21, 47829 Krefeld, Tel.: 02151-45 40 986, www.chartowski-art.de