„Kopfbedeckung ist out, Kopfgrippe ist in“ Über die Hutlosigkeit der Männer.

Es ist Winter, und meine Freundin und ich machen einen Einkaufsbummel durch die nasskalte Innenstadt von Linz. Deia ist Brasilianerin und bester Laune, denn sie hat sich zum Schutz vor der für sie lebensfeindlichen Umgebung eingemummelt wie ein Eskimo. Ich hingegen habe schon bald die Lust auf Shop and Go verloren. Die kahlen Stellen auf meinem Kopf fühlen sich an wie teilvereiste Gehwegplatten, und meine Ohren sind steif wie tiefgekühlte Lammkoteletts. 

Ich schaue mich danach um, wie es andere Männer machen und konstatiere: „Kopfbedeckung ist out, Kopfgrippe ist in.“ Die Shoppingmeile ist zwar so voll, so kalt und so feucht wie eine Heringstonne, aber Hut- oder Mützenträger sind so selten zu sehen wie ein tasmanischer Teufel. Während die Damen Hüte als modisches Accessoire schätzen, treiben wir Herren uns zumeist barhäuptig in der Öffentlichkeit herum und nehmen dabei in Kauf, dass unsere Frisuren in solch einem Sauwetter aussehen wie ein triefendes Dreizehenfaultier. Indes hat mich Deia aus Sorge vor einer Gehirnfrostbeule in ein Herrenhutgeschäft bugsiert. Irgendwann habe ich ihr gestanden, dass Hüte eine Leidenschaft von mir sind und dass meine Hutlosigkeit nur aus einer Mutlosigkeit resultiert, die ich mit manch anderem Mann teile. In den frühen Sechzigern begann der Niedergang der männlichen Kopfbedeckung, und der Anblick des 50er-Jahre-Fotos meines Vaters und seiner sechs Brüder mit ihren Homburger Hüten würde heute vielleicht manch einen Mafia-Paten und jedes SEK ins Grübeln bringen. Wer sich vor Sonne und Wind schützen will, tut es jetzt mit einer Baseballcap, denn die ist gesellschaftlich legitimiert. Alles andere erfordert großes Selbstbewusstsein, und Männer, die Hüte tragen, gelten bestenfalls als couragiert, eher aber als seltsam. Noch Anfang der Siebziger sah ich meine Chance, ein behutetes Leben zu führen, als Bob Dylan-Imitator, und so kreuzte ich eines Tages mit Gitarre, Mundharmonika und Stetson an Dieters Lagerfeuer auf. Was für ein Rückschlag für mein pubertäres Selbstfindungsprojekt, als mir meine Cannabis-Combo endgradig high versicherte, soviel Gras könne sie gar nicht rauchen, um mich als Singer-Songwriter zu akzeptieren und dass ich meinen Cowboyhut anstelle von „the Answer“ in den Wind „blowen“ sollte. Gänzlich den Mut zum Hut verlor ich, als mein Ausbilder bei der Bundeswehr mich psychologisch einfühlsam darüber aufklärte, dass meine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer kein Problem gewesen wäre, wenn mich die Prüfungskommission unter meiner Schirmmütze gesehen hätte. Aber was danach selbst Vorbilder wie Udo Lindenberg oder Marius Müller-Westernhagen nicht mehr geschafft haben, das erreicht nun südamerikanisches Überredungstemperament. Ich verlasse das Linzer Hutmodengeschäft mit einem Fedora und spüre die wohltuende Wirkung, die meine Neuerwerbung auf meine sieben Haare in elf Reihen ausübt. Ich fühle aber auch die unterschiedlichen Blicke, die ich mit meinem Eyecatcher auf mich ziehe. Dem Einen mag ein Hut unpraktisch erscheinen, und ein Anderer soll denken, ein Hut sei der misslungene Versuch, aus der grauen Masse hervorzustechen – ich jedenfalls bin stolz auf das Teil und erhalte zudem am selben Abend die offene Anerkennung einer Gruppe junger Kunststudenten. Jeder Kopf findet einen Deckel, und bald ist Weihnachten. Also warum es nicht einfach mal versuchen?

Ihr Wolfgang Jachtmann

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