Urig, gemütlich und ohne jedes Chi-Chi. Im Hotel-Restaurant Benger in Krefeld-Bockum trifft sich, wer es ehrlich und bodenständig mag. Eine Delegation englischer Textil-Händler genießt original „german food“ mit Schnitzel und Pommes. Daneben sitzt der alteingesessene Stammtisch, der schon seit Jahren hierhin kommt, um Skat zu kloppen und Bierchen zu trinken. Eichenvertäfelte Wände treffen hier auf hölzerne Sitzbänke und schaffen in Kombination mit den übrigen Accessoires ein rustikales Brauhaus-Ambiente. Kaum jemand würde erahnen, dass hinter der pink getünchten Fassade des stadtteilprägenden Gebäudes ein Mann die Strippen zieht, der früher Schulter an Schulter mit den Größten seiner Zunft gekocht hat. Doch eines Tages hat sich Alain Michelis gegen die Sterne-Gastronomie und für sein Seelenheil entschieden. Bereut hat er diesen Schritt nie.

KR-ONE Kocht - mit Alain Michelis - Sterne-Know-how im rustikalen Gewand

Alain Michelis hat sein Glück in Bockum gefunden

Der gebürtige Luxemburger und Wahl-Krefelder hat sich herausgeputzt. Schick sieht er aus in seiner alten Kochjacke, deren Kragen die drei Farben seines Heimatlandes zieren. Michelis hat ein einladend fröhliches Naturell und offene Gesichtszüge. Er lacht viel und verfällt beim Erzählen in eine Art Sing-Sang mit charmantem Akzent. Drei Gänge hat er in seiner Küche vorbereitet. Nichts Großes, wie er selber sagt; aber lecker. Auf Brokkoli-Suppe folgt ein Simmenthaler Rind an Pesto-Nudeln. Als Nachspeise serviert er einen Früchteauflauf. An die Grenzen seiner Kochkunst stößt Michelis damit wahrlich nicht, aber lecker müsse nicht immer kompliziert sein, findet der leidenschaftliche Radfahrer.

Vor allem im jungen Erwachsenen-Alter ist Michelis Biographie vom steten Aufstieg geprägt. Bereits mit 16 lernt er das Koch-Handwerk im Zwergenstaat östlich der Bundesrepublik. „Ich hatte einen Küchenchef, der nur Französisch gesprochen hat, das war schon hart“, erinnert sich der überzeugte Junggeselle an seine Anfangsjahre. „Wir haben zu zweit jeden Abend 70 Gerichte herausgeschickt. Da lernt man sehr schnell, was es bedeutet, in der Küche zu stehen.“ Doch Michelis lässt sich von diesen Erfahrungen nicht abschrecken; ganz im Gegenteil. „Ich war damals hungrig“, erzählt er weiter, „ich wollte mich immer verbessern. Ich habe nicht für Geld, sondern für Zeugnisse gearbeitet.“ Es dauert nicht lange, bis sich diese Einstellung bezahlt macht. Bereits als Lehrling kocht er auf Weltmeisterschaften und trifft dort unter anderem auf die wohl größte Ikone zwischen Topf und Pfanne, Paul Bocuse. Angetrieben von solchen Begegnungen folgt Michelis dem Stechschritt des von ihm gewählten Mikrokosmos. Mit 18 Jahren beendet er die Lehre, mit 23 wird er Küchenchef. Dazwischen tut er alles, um seine Karriere zu fördern. „Ich bin sogar so weit gegangen, Rezepte meiner alten Lehrmeister zu klauen“, sagt er und lacht. „Das ist das wirkliche Gold.“ Die Jahre an der Seite von Sterne-Größen wie Jürgen Weller, Franz Keller und Thorsten Ambrosius prägen den damals jungen Mann. „Ich habe alles gesehen: Ausschweifende Partys, harten Drill, Alkoholabstürze und kulinarische Meisterwerke. Köche sind eine ganz eigene Spezies. Du musst den Druck ertragen können. Gerade in der SterneGastronomie wird mit den Ellbogen gekämpft. Ich war dafür zu jung und zu gut für mein Alter. Damals konnte ich mich nicht wehren“, sagt er nachdenklich.

„Wir haben zu zweit jeden Abend 70 Gerichte herausgeschickt. Da lernt man sehr schnell, was es bedeutet, in der Küche zu stehen.“

Im Geiste verändert durch diese Erfahrungen, verschieben sich seine Prioritäten. Michelis will mit Mitte 20 nicht mehr unbedingt in den besten Häusern wie dem Colombi-Hotel in Freiburg arbeiten, denn es winkt ihm viel Geld bei Saison-Beschäftigungen auf Sylt oder großen Kreuzfahrtschiffen. „Der Stress wurde da sicherlich nicht weniger“, berichtet er über diese Etappe, „aber zu dieser Zeit wurden Köche dort gehandelt wie Diamanten. Das „Seepferdchen“ auf Sylt hat damals regelrecht um mich gepokert. Denn in den Küchen der Urlaubsregionen herrschte damals eine riesige Fluktuation. Nur wenige konnten dem unglaublichen Druck in den vier Saisonmonaten standhalten. Unter den Köchen herrschte damals eine Art Goldgräberstimmung.“ So vergehen viele Jahre, in denen Michelis zwischen den Küchen der Szene-Restaurants der Millionärsinsel und der Kombüse der MS Europa hin und her wechselt. Erst gesundheitliche Probleme bewegen ihn zum Umdenken. „Ich hatte irgendwann so starke Rückenschmerzen, dass ich kaum noch laufen konnte“, erzählt er und deutet mit dem Finger auf die Stelle, wo die Bandscheibe inzwischen durch ist: „Ich dachte, wenn ich so weiter mache, dann werde ich keine 40 mehr.“

Als ein wesentliches Kennzeichen seiner Persönlichkeit bezeichnet Michelis eine besondere Entschlussfreudigkeit. Er kenne nur Schwarz oder Rot und setze alles immer auf eine Karte. „Viele überlegen bei wichtigen Entscheidungen so lange, bis sie gar keine Entscheidung mehr treffen können. Das ist bei mir anders“, erklärt er. So hat er auch nicht lange gezögert, als man ihm nach seiner Etappe in der Rheydter Residenz, wo er für die Borussia samt Stefan Effenberg kochte, ein Hotel-Restaurant in Niederkrüchten anbot. „Ich habe direkt zugeschlagen und in den ersten Jahren große Erfolge erzielt. Als allerdings die dort stationierten englischen Soldaten abberufen wurden, brach das Geschäft ein“, so Michelis weiter. Nie um eine Alternative verlegen, verdingte sich der Küchen-Vagabund anschließend als Mietkoch und half unter anderem dabei, das Schloss Wegberg mit aufzubauen. „Dann erzählte mir der Bierleitungsreiniger, dass das Objekt hier in Bockum frei ist; auch dieses Mal habe ich nicht lange gezögert. Das ist inzwischen acht Jahre her.“

KR-ONE Kocht - mit Alain Michelis - Sterne-Know-how im rustikalen Gewand

Wer Michelis heute in seinem Betrieb am Knotenpunkt der Krefelder Vorstadt beobachtet, erkennt einen glücklichen Mann, der mit sich und seinem Leben im Reinen ist. Liebevoll hat er die 20 Zimmer in seinem Hotel renoviert, die gerade zu Messezeiten in Düsseldorf regelmäßig ausgebucht sind. Die Hotelgäste und Besucher seines Restaurants erhalten neben einem Frühstücksbuffet am Morgen eine ausgewählte Speisekarte mit deutschen Klassikern am Abend. Manchmal, das räumt Michelis ein, werde er schon vom kulinarischen Hafer gestochen und träume von „haute cuisine“. Doch wenn er sich seine Zeit in der Spitzengastronomie dann noch einmal vor Augen führt, fällt ihm auf, wie gut er es hat. Außerdem lässt er sich doch hin und wieder noch herausfordern. „Wenn jemand etwas Besonderes von mir möchte, dann muss er mich nur ansprechen. Dafür bin ich immer noch zu haben“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Hotel-Restaurant Benger, Uerdingerstr. 620, 47800 Krefeld-Bockum, 
02151 – 955444, reservierung@hotel-benger.de