Im September wird Krefelds neuer erster Bürger gewählt. Und bereits jetzt haben sich drei Kandidaten herauskristallisiert, die das Erbe Gregor Kathstedes wohl unter sich ausmachen werden: Peter Vermeulen (CDU), Frank Meyer (SPD) und Thorsten Hansen (Grüne). Abseits des obligatorischen Säbelrasselns im Wahlkampf hat die KR-ONE die Krefelder Spitzen-Politiker zu einer gemeinsamen Kochrunde unter Leitung des Küchen-Virtuosen Alain Michelis eingeladen. Neben einem schmackhaften Gericht ist dabei ein Gespräch entstanden, das tiefe Einblicke auf die Persönlichkeiten der Oberbürgermeister-Anwärter gewährt.

KR-ONE kocht – Mit drei Oberbürgermeisterkandidaten

 // KR-ONE: Welche Bedeutung hat das gemeinsame Kochen und anschließende Essen für Sie und Ihre Familien? Hansen: Bei uns ist die Küche der zentrale Raum. Fast das gesamte Familienleben spielt sich hier ab. Weil dem so ist, haben wir nach dem Kauf unseres Hauses auch das alte Wohnzimmer zur Küche gemacht. So ist die Küche nicht nur in ihrer Nutzung, sondern auch architektonisch der absolute Mittelpunkt. Ich schätze besonders das Kochen mit Freunden; oder das Grillen im Garten. Vermeulen: Bei uns ist das Essen ein gemeinsames Ereignis. Das Kochen überlasse ich im Alltag zwar gerne meiner Frau, zu besonderen Anlässen kocht allerdings entweder die ganze Familie gemeinsam oder ich stelle mich auch einmal selbst an den Herd. Besonders wichtig war und ist für uns das Frühstück als Fixpunkt im Familienleben.
Meyer: Ich helfe schon oft in der Küche, obwohl ich sicherlich kein großer Koch bin und eher zu-arbeite. Leider sind solche Momente eher spärlich gesät, da uns dafür oft schlicht die Zeit fehlt. Wenn wir es dann aber doch einrichten können, steht für mich beim gemeinsamen Kochen die Kommunikation im Vordergrund. Es ist einfach eine schöne Gelegenheit, sich über vieles auszutauschen.

// Welchen Stellenwert hat Genuss für Sie? Hansen: Gutes Essen und guter Wein machen das Leben einfach schöner. Genuss ist ja auch immer ein Stück weit an Geselligkeit gekoppelt. Würden diese Dinge im Leben fehlen, wäre doch alles ein wenig trist. Leider lässt sich das in meinem Beruf nicht jeden Tag realisieren, aber wenn wir es dann doch hinbekommen, dann soll es auch gut sein und dafür nehmen wir uns Zeit. Vermeulen: Es ist tatsächlich so, dass im Alltag oft die Zeit und die Muße fehlen, sich das zu gönnen, was man mag. Umso schöner ist es aber, wenn wir dann bei einem guten Essen samt gutem Wein zusammensitzen. Unter der Woche ist das kaum möglich, weil ich nicht selten erst gegen 22 Uhr zuhause bin.
Meyer: Genuss muss ja nicht zwangsläufig immer an ein aufwändig zubereitetes Essen gebunden sein. Ich erlebe Genuss auch dann, wenn ich mich auf den Balkon setze, lese und dabei ein gutes Altbier trinke.

(Beim Tranchieren des Lammrückens)
// Haben Sie jemals darüber nachgedacht, gänzlich auf Fleisch zu verzichten? Hansen: Zur Zeit der BSE-Krise habe ich tatsächlich eine gewisse Zeit komplett auf Fleisch verzichtet und vornehmlich Pasta gegessen. Aber ganz auf Fleisch zu verzichten, fällt mir schwer. Für uns gilt, wenig Fleisch, gute Qualität, am besten Bio. Trotzdem finde ich die Entwicklung in der veganen und vegetarischen Küche toll. Ich glaube, dieser Trend wird immer weiter fortschreiten. Meyer: Den Fleischverzehr vollständig aufzugeben, kam mir noch nie in den Sinn, allerdings esse ich generell sehr wenig Fleisch, weil mir die derzeitige Massentierhaltung nicht gefällt, und ich denke, dass ich diese Umstände mit meinem eigenen Konsumentenverhalten am besten beeinflussen kann. Da ich schlesische Wurzeln habe, mag ich Wursterzeugnisse natürlich auch sehr gerne, aber sie müssen gut gemacht sein. Neulich hat uns ein Kollege schlesische Currywurst von Kocjan mit selbstgemachter Sauce zubereitet; das war grandios. Grundsätzlich lautet mein Credo bei Fleisch: Wenig, aber dafür gut!
Vermeulen: Ich habe schon einmal darüber nachgedacht, aber nicht ernsthaft (lacht). Meine Tochter hatte mal eine Freundin mit in den Urlaub eingeladen, die Vegetarierin ist und für die ich dann eine Woche lang kochen durfte. Wir haben dabei viele leckere Speisen neu entdeckt, zum Beispiel auf Tofu-Basis, aber ich war froh, als die Woche vorbei war. Ich liebe Fleisch, besonders Wild. Jeden Tag muss ich es allerdings nicht haben. Bei mir gilt auch der Grundsatz: Gut, aber wenig. Und: Die Achtung vor dem Geschöpf!

KR-ONE kocht – Mit drei Oberbürgermeisterkandidaten

„Vertrauen ist die Basis der parlamentarischen Demokratie. Wir gehen treuhänderisch mit der politischen Stimme des Wählers um. Dieses Vertrauen zu bestätigen, gehört zu den wesentlichen Kennzeichen des Verfahrens.“
Frank Meyer

(Während des gemeinsamen Essens)
// Nun sitzen sie hier alle einträchtig, haben gemeinsam gekocht, essen nett und unterhalten sich gepflegt. Wie viel Konkurrenzkampf ist dennoch dabei? Vermeulen: Ich betrachte dies nicht als Konkurrenzkampf. Jeder bewirbt sich mit seinen Stärken und Möglichkeiten und am Ende entscheidet der Wähler. Wir machen ja kein Armdrücken gegeneinander, wobei ein Sieger ermittelt würde. Wir müssen uns nicht gegenseitig ausstechen.

// Trotzdem buhlen Sie auch hier um Wählerstimmen. Hansen: Ich empfinde es schon als Konkurrenz, wenngleich ich Herrn Vermeulen insofern zustimmen muss, als wir alle ein individuelles Angebot an die Wähler machen. Wir alle haben eine Vision davon, was wir anders machen wollen und wie wir eine Stadt führen würden. Ich finde es sehr schön zu sehen, dass wir drei sehr anständig und offen miteinander umgehen. Meyer: Natürlich ist es ein politischer Wettbewerb, an dessen Ende nur einer gewinnt. Jeder von uns möchte gewinnen, weil jeder von uns eine Vorstellung davon hat, warum es gut wäre, Oberbürgermeister dieser Stadt zu sein. Was ich wichtig finde, ist, dass man es nicht persönlich nimmt. Wir gehen auf den Markt, machen ein Angebot und schauen, was am Ende herauskommt. Mit dieser Grundfairness als Basis macht es Spaß, in Podiumsdiskussionen herauszugehen und auf Streitfragen das bessere Argument zu finden. Ich finde es spannend zu sehen, wie unterschiedlich wir drei den Wahlkampf angehen.

// Ist die Tatsache, dass es sich bei dieser Wahl um eine reine Personen-Wahl handelt, nicht konkurrenzsteigernd? Vermeulen: Es ist schlicht so, dass es bei einer Wahl keinen Schiedsrichter gibt, der uns nach festgelegten Leistungs-Kriterien beurteilt. Wir alle können nur mit dem aufwarten, was wir für gut und richtig halten, ohne abschließend zu wissen, was der Wähler für wichtig, gut und richtig erachtet. Wenn wir es wüssten, müssten wir keinen Wahlkampf machen. Wir können uns nur anbieten, die Möglichkeit zum Kennenlernen herstellen und unsere Ziele präsentieren. Untereinander müssen dabei gar nicht die Säbel rasseln.
Hansen: Anders kann man es auch kaum handhaben, weil viele Dinge für uns kaum erfassbar sind. Ich denke schon, dass aufgrund der Entkoppelung von Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl die Parteiangehörigkeit ein wenig in den Hintergrund rückt, ganz unerheblich ist sie trotzdem nicht. Oft sind es auch weltpolitische Ereignisse, die plötzlich eine solche Wahl beeinflussen – wie es zum Beispiel bei Fukushima der Fall war – es können aber auch Dinge sein, die hier in der Stadt passieren, von denen wir jetzt noch gar nichts wissen. Es bleiben viele Variablen.

KR-ONE kocht – Mit drei Oberbürgermeisterkandidaten

„Ich bin mir sicher, dass Vertrauen deutlich schwerer wiegt als Sympathie. Niemand wird sagen: ‚Der ist ein netter Kerl, kann aber nix – ich wähl‘ ihn trotzdem.‘ Andersherum ist es schon viel eher möglich.“
Thorsten Hansen

// Inwiefern, glauben sie, wird Sympathie und Antipathie über das Wahlergebnis entscheiden? Vermeulen: Antipathie ist ausgeschlossen, die kann bei uns dreien nun wirklich kein Wähler entwickeln (lacht).
Meyer: Bei all den ausschlaggebenden Faktoren mag der eine ‚Mensch, dat is aber ne nette Kerl‘ auch wahlentscheidend sein. Ich bin altmodisch und hänge an der Programmatik. Ich denke, hier liegt die politische Substanz. Ebenfalls immens wichtig sind die Aspekte Kompetenz, Erfahrung, Bürgernähe. Was alles eine Rolle spielt, ist ziemlich weit erforscht, dummerweise weiß man vor einer Wahl leider nicht genau, welcher Aspekt das größte Gewicht hat. Ich denke, Sympathie ist ein Produkt des anständigen Umgangs mit Menschen und den sollte man immer an den Tag legen, auch wenn man keine Wahl gewinnen möchte. Hansen: Oft geht es doch um konkrete Themen, zu denen eine Person eine bestimmte Meinung hat. Dann kommt es darauf an, ob man diese Meinung bedient. Ich glaube, dass es viele treue Parteien-Wähler gibt, jene, die auf bestimmte Themen anspringen und eben solche, die tatsächlich über Sympathie und Antipathie zu Personen entscheiden. Mir wäre natürlich am liebsten, ich würde wegen der von mir vertretenen Inhalte gewählt werden.

// Wie sähen Ihre Antworten aus, wenn ich Sympathie durch Vertrauen ersetzte? Vermeulen: Vertrauen spielt aus meiner Sicht eine sehr große Rolle. Der Wähler muss Vertrauen in seine Entscheidung haben. Es ist unsere Pflicht, die Wähler zu überzeugen: Von unserer Person, der Authentizität und den Inhalten. Der Wähler muss das Gefühl haben, den Richtigen in dieses Amt zu wählen, jemanden, der den Anforderungen ge­wachsen ist, der diesen Posten ehrlich und sachgerecht ausfüllt und nicht den, der den Oberbürgermeister nur spielt. Ich bin aber der Überzeugung, dass unser Wahlkampf tiefer gehen wird, weil die Aspekte Vertrauen und Sympathie von allen hier sitzenden Kandidaten erfüllt werden. Wir werden herausfinden, was die Krefelder wirklich wollen. Entweder den Programmatiker oder den Manager.

// Welches dieser Attribute würden sie sich selbst zuordnen? Vermeulen: Auf mich treffen beide zu (lacht)Hansen: Ich bin mir sicher, dass Vertrauen deutlich schwerer wiegt als Sympathie. Niemand wird sagen: ‚Der ist ein netter Kerl, kann aber nix – ich wähl‘ ihn trotzdem.‘ Andersherum ist es schon viel eher möglich. Die jetzige Wahl findet unter erschwerten Bedingungen statt, wir befinden uns im Nothaushalt. Ich denke, dass vor diesem Hintergrund die Frage nach dem Vertrauen in die Fähigkeiten der Kandidaten, diese Angelegenheiten zu regeln, immens wichtig ist. Bei schwerer See bedarf es eines hoch qualifizierten Kapitäns. Und Krefeld befindet sich derzeit in einem Sturm!
Meyer: Etliche historische Beispiele belegen, dass Vertrauen viel wichtiger ist als Sympathie. Vertrauen ist die Basis der parlamentarischen Demokratie. Wir gehen treuhänderisch mit der politischen Stimme des Wählers um. Dieses Vertrauen zu bestätigen, gehört zu den wesentlichen Kennzeichen des Verfahrens.

// Da Sie sich hier so harmonisch miteinander präsentieren, sollte es ihnen nicht schwer fallen, sich gegenseitig zu charakterisieren. Was halten Sie von einander? Meyer: Ich fand es sehr sympathisch, dass Herr Vermeulen sich unmittelbar nach Bekanntgabe seiner Kandidatur mit mir in Verbindung gesetzt hat, um mit mir einen Kaffee trinken zu gehen. Leider war der Umgang der politischen Kräfte innerhalb Krefelds in den letzten Jahren nicht immer so kollegial, wie man es sich wünschen würde. Vor diesem Hintergrund hat mir dieses Verhalten umso mehr gefallen. Herrn Hansen kenne ich bereits einige Zeit aus dem Stadtrat und schätze vor allem seine Sachlichkeit. Er ist ein klar strukturierter Gesprächspartner, der weiß, wovon er spricht und schnell auf den Punkt kommt, was gewiss nicht selbstverständlich ist. Mit solchen Menschen kann ich gut zusammenarbeiten. Hansen: Menschlich, ich denke, dass erlebt man auch hier, finde ich sowohl Herrn Meyer als auch Herrn Vermeulen sehr angenehm. Ich könnte mir gut vorstellen, mit beiden einmal ein Bier trinken zu gehen. Was mich wirklich freut, ist, dass im Gegensatz zu den zurückliegenden Wahlen hier Menschen kandidieren, die weniger polarisieren; selbst im Wahlkampf. Mir machen die Begegnungen mit meinen ‚Konkurrenten’ sogar regelrecht Spaß, weil auch der politische Diskurs spannend ist.
Vermeulen: Zunächst einmal empfinde ich beide (Anm.d.Red.: gemeint sind Herr Meyer und Herr Hansen) sympathisch und authentisch. Der Umgang mit ihnen ist stets fair und respektvoll. An Herrn Meyer schätze ich besonders seine Fähigkeit, druckreif sprechen zu können. Er wählt immer eine kluge Ansprache und vermag so, die Menschen abzuholen und mitzunehmen. Herr Hansen hat aufgrund seiner Wirtschaftserfahrung vielen Menschen gegenüber einen Wissensvorsprung in Bezug auf Prozessoptimierungen in der Verwaltung. Diese jeweiligen Fähigkeiten machen es mir verständlich, warum eben genau diese Herren von ihren Parteien für die Kandidatur ausgewählt wurden. Konsensfähigkeit über die Parteigrenzen hinaus wird in Zukunft unbedingt nötig sein, da die Zeiten klarer Mehrheiten vorbei sind. Wir werden die Angelegenheiten im Stadtrat ausdiskutieren und zu einer Einigung kommen müssen.

KR-ONE kocht – Mit drei Oberbürgermeisterkandidaten

„Es ist unsere Pflicht, die Wähler zu überzeugen: Von unserer Person, der Authentizität und den Inhalten. Der Wähler muss das Gefühl haben, den richtigen in dieses Amt zu heben, jemanden, der den Anforderungen gewachsen ist …“
Peter Vermeulen

// Warum tun sie sich trotz aller negativen Aspekte ein Tortur wie die Oberbürgermeister-Kandidatur eigentlich an? Vermeulen: Welche negativen Aspekte meinen Sie?

// Drohungen, verbale Angriffe, öffentlich Diffamierungen, um nur einige zu nennen. Vermeulen: Na ja, wenn man im Feuer steht, dann brennt es halt. Das gilt für andere Berufe, zum Beispiel für Firmenchefs, genauso. Damit muss man einfach zurechtkommen. Führungspositionen bedingen Konfrontation. Natürlich gehört eine gewisse Leidensfähigkeit dazu. Aber wenn man die Einstellung hat, wirklich etwas für diese Stadt zu tun, dann nimmt man die Schattenseiten des Amtes bereitwillig in Kauf. Und genau das sehe ich als meine Mission. Um viel Geld zu verdienen, strebt man dieses Amt gewiss nicht an, da gibt es – je nach Qualifikation – einfachere und bessere Wege. Meyer: Da muss man natürlich die Frage stellen, was viel Geld ist. Aus der Perspektive der meisten Menschen ist das Amt des Oberbürgermeisters ein sehr gut bezahltes. (Anm.d.Red.: Der Oberbürgermeister verdient rund 120.000 Euro brutto im Jahr.) Für mich steht bei meiner Entscheidung die Möglichkeit zur Mit-Gestaltung im Vordergrund. Diese Neigung habe ich bereits zu Schulzeiten entwickelt. Seit ich 25 Jahre alt bin, sitze ich im Stadtrat. Ich konnte recht früh erkennen, was es bedeutet, etwas für ein besseres Leben der Menschen zu tun. Wenn ich mir anschaue, welche Möglichkeiten zur Gestaltung der Posten des Oberbürgermeisters bietet, dann ist das bereichernd und reizvoll. Es ist eine wundervolle Aufgabe, für die es sich lohnt, Abstriche zu machen und sich voll reinzuhängen.
Hansen: Dem kann ich nur zustimmen. Der Wille zur Veränderung setzt – wenn man ein politischer Mensch ist – so viel Kraft frei, dass vieles deutlich leichter und besser zu tragen ist. Und es sind tatsächlich erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten, die das Amt des Oberbürgermeisters bietet. Ein Stück weit ist schon auf dem Weg dorthin erkennbar, welche Dinge in Zusammenarbeit mit gestaltungswilligen Menschen bewegt werden können. Diese Aussichten treiben viel mehr an, als negative Aspekte hemmen könnten.

// Inwiefern spielt die eigene Eitelkeit eine Rolle, wenn man sich dazu entschließt, das Amt des Oberbürgermeister anzustreben? Hansen: In gewisser Weise spielt Eitelkeit immer eine Rolle, aber Eitelkeit darf keine Triebfeder sein. Wir sind ja keine Pop-Stars. Aber in der Öffentlichkeit zu stehen, von den Menschen erkannt und anders wahrgenommen zu werden, sich kritischen Fragen zu stellen, all das muss man mögen und damit zurechtkommen.
Vermeulen: Natürlich ist man nie davor gefeit, in diesem Amt Eitelkeit zu entwickeln, aber für mich ist das Rampenlicht kein Grund für meine Kandidatur. Ich sehe keine Veranlassung, eitel zu werden. Für mich zählt einzig und allein die Verantwortung. Der Öffentlichkeitsaspekt ist dabei eine zwangsläufige Begleiterscheinung. Wahre Eitelkeit führt dazu, von jedem geliebt werden zu wollen, und diese Eigenschaft verträgt das Amt des Oberbürgermeisters gar nicht. Man muss sich positionieren, unliebsame Entscheidungen treffen und anecken. Wer aus reiner Eitelkeit ein politisches Amt bekleiden will, wird schnell entlarvt werden, wenngleich ich nicht bestreite, dass es viele eitle Politiker gibt. Nur wir drei gehören eben nicht dazu.
Meyer: Wer mich kennt, weiß, dass mir Eitelkeit sehr fremd ist. Ich habe früher in einer Band Bass gespielt; dieses Instrument eignet sich sicher nicht dafür, die eigene Eitelkeit zu bedienen. Das alleine zeugt schon davon. Aber: Natürlich gibt es einem ein gutes Gefühl, Dinge gestalten zu können und auf Menschen zu treffen, denen man unter Umständen geholfen hat. Wir haben in der letzten Periode aus einer Minderheitensituation heraus durchgesetzt, dass es zusätzliche städtische Mittel zur Förderung des Baus von Kindertagestätten gibt. Wenn man dann in einer dieser Einrichtungen steht und weiß, dass dies ohne das eigne Zutun nicht möglich gewesen wäre und dann auch noch in die glücklichen Gesichter der Eltern blickt, dann macht das etwas mit einem. Das hat aber weniger mit Eitelkeit zu tun. Es geht für mich wirklich darum, Verantwortung zu übernehmen. Auch mit dem Wissen, dass es Menschen gibt, die mit den getroffenen Entscheidungen nicht einverstanden sind.

// Ein ehemaliger französischer Außenminister hat einmal gesagt, dass Politiker und Schauspieler eigentlich das Gleiche machen würden; nur mit dem Unterschied, dass Politiker ihren eigenen Text sprächen. Würden Sie dem zustimmen? Meyer: Das sehe ich sehr kritisch. Obwohl ich auch nicht gänzlich bestreiten will, dass es Ausnahmen gibt. Aber ein Schauspieler hat in seiner Rolle keine innere Botschaft, keine eigene Haltung. Und genau darin liegt die Basis: Aus der eigenen Haltung heraus ein politisches Konzept zu entwickeln. Wer das macht, läuft meiner Meinung nach nicht Gefahr, in die Schauspielerfalle zu tappen. Aber klar: Wenn jemand wie Ronald Reagan US-Präsident wird, dann ist die Unterstellung natürlich naheliegend. Wichtig ist bei vielen politischen Ämtern, das Oberbürgermeisteramt eingeschlossen, Gegebenheiten und Sachverhalte, die für das Zusammenleben in der Stadt wichtig sind, zu erkennen. Man muss sich dann auf Dinge einlassen, die einem zuvor vielleicht eher fremd waren. Bei mir was es der Karneval. Hätte ich nur eine Amtsbeziehung zu den Menschen, die sich dort engagieren, gehabt, hätte das nicht funktioniert. Man muss sich darauf einlassen und mitmachen, um als Politiker einen echten Zugang zu finden. Vermeulen: Ich kann mit dem Bild durchaus etwas anfangen. Dabei muss man sagen, dass ein Schauspieler, der ein Selbstdarsteller ist, kein guter Schauspieler sein kann, weil er nur eine Rolle zu spielen in der Lage ist. Ein wirklich guter Schauspieler kann viele Rollen, ein herausragender Schauspieler überzeugt auch noch darin. Ein Stück weit braucht man diese Fähigkeit. Deswegen nutzen so viele Politiker das Angebot der Rhetorik-Weiterbildung. Ich selbst habe das aber nie getan.

// Haben Sie das getan, Herr Meyer? Immerhin wird ihnen von allen Seiten ein derart großes rhetorisches Vermögen attestiert. Meyer: Ja, habe ich. Ich habe schon immer nach Möglichkeiten der Weiterbildung gesucht und das ist eine davon. Unter vielen weiteren ist das ein Handwerkszeug, das man beherrschen sollte. Vermeulen: Um den Gedanken abzuschließen: Es geht im Amt des Oberbürgermeisters um die Repräsentanz einer gesamten Stadt. In gewisser Weise fungiert man als Sprachrohr und beeinflusst damit Wahrnehmung und Image. Deswegen gehört immer die Rollenbilderfüllung dazu. Ob man das nun Schauspielerei nennen kann, steht auf einem anderen Blatt. Hansen: Egal, was sie machen, sie werden dabei immer zu einem bestimmten Teil eine Rolle spielen müssen. Nicht zuletzt deswegen wurde der Begriff der Rollenbilderfüllung in unserer Gesellschaft geprägt. Ich denke aber, dass es immens wichtig ist, innerhalb dieser Rollenbilder authentisch zu bleiben, den Blick zum Inneren nicht zu verlieren. Die Privatperson muss bei der Repräsentanz einer ganzen Stadt natürlich in den Hintergrund rücken. Wenn ich mich privat gerne im Hintergrund aufhalte und Entscheidungen auch einmal gerne anderen überlasse, so muss ich doch im Amt des ersten Bürgers vorweg gehen und wider meiner privaten Handlungsmuster agieren. Trotzdem muss immer der Mensch erkennbar bleiben, sonst wird man unglaubwürdig.

// Treibt Sie die Doppelbelastung aus Wahl-Kampf und normaler Berufsausübung an ihre Grenzen? Hansen: Ja, absolut. Das brauche ich sicherlich nicht ständig oder gar durchgehend in meinem Leben. Ich bin zwar gewöhnt, sehr viel zu arbeiten, aber derzeit ist das Limit erreicht: 70-Stunden-Wochen, unzählige Termine, keine Freizeit. Ich habe zwar das Glück, bei meinen Ratskollegen, innerhalb der Firma und auch der Familie auf viel Verständnis und Entgegenkommen zu stoßen, ohne zeitliche Begrenzung würde sich das allerdings schnell abnutzen. Ich wusste im Vorfeld meiner Kandidatur, was auf mich zukommen würde, deswegen klage ich nicht über den derzeitigen Zustand. Vermeulen: Meine Situation ist insofern besonders, als ich eine Verpflichtung denjenigen in Mülheim gegenüber habe, die mich in mein aktuelles Amt gewählt haben. Dort setze ich mich ohne Abstriche ein. Am sozialen Leben nehme ich in Mühlheim nicht mehr Teil. Das hat sich komplett nach Krefeld verlagert. Ja, die Belastung ist enorm. Aber: Wer für eine Sache brennt, nimmt das in Kauf. Und: ich glaube, dass das Amt des Oberbürgermeisters mitnichten weniger anstrengend sein wird. Ein Oberbürgermeister muss in der Verwaltung arbeiten und von morgens bis abends ein Vorbild für seine Mitarbeiter sein.
Meyer: Wir sind ja noch nicht einmal wirklich im Wahlkampf (Anm.d.Red.: Stand 17. Mai). Ich sehe bei mir insgesamt keine Veränderung zu den letzten Jahren. Seit ich zum ersten Bürgermeister gewählt wurde, hat sich mein Terminkalender ohnehin verdichtet, freie Wochenenden gibt es so eh kaum. Was sich verändert hat, ist das Aufgabenportfolio. Einige Aufgaben kann ich an meine engagierten Mitarbeiter delegieren, dafür sind andere hinzugekommen. Der größte für mich spürbare Unterschied von jetzt zu sonst ist, dass man unter einen deutlichen höheren Beobachtung steht und sich noch genauer Gedanken darüber machen muss, was man sagt. Der Druck ist größer, aber die Arbeitsbelastung nicht. Geringer wird sie als Oberbürgermeister sowieso nicht.

KR-ONE kocht – Mit drei Oberbürgermeisterkandidaten

// Warum haben Sie drei sich für die Lokalpolitik und nicht für die Landes- oder Bundespolitik entschieden? Meyer: Wenn man aus unmittelbarer Nähe miterlebt, was ein Bundestagsabgeordneter leisten muss – ständiges Pendeln zwischen Berlin und dem Wahlkreis, die Vielfliegerei, internationale Arbeit – und dem entgegenstellt, welch geringe Veränderungen dieser herbeiführen kann, dann ist dieses Amt deutlich weniger attraktiv. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind innerhalb einer Stadt im Amt des Oberbürgermeisters deutlich ausgeprägter als bei einem Bundestagsmandat.
Hansen: Politik auf kommunaler Eben ist sehr nah am Menschen. Ob das die Probleme um die Abschiebung eines Bürgers sind, des Tierheims oder der Pinguine, man spürt die Auswirkungen der eigenen Politik unmittelbar. Sie haben den direkten Kontakt zu den Betroffenen und spüren das Feedback der Bürger sofort. Als Teil dieser Stadt, in der ich lebe und mit der ich mich identifiziere, fasziniert mich die Möglichkeit, hier etwas mitzubewegen am meisten. Vermeulen: Mein Antrieb war es immer, die Eigenschaften und Fähigkeiten, die ich als Geschäftsführer in verschiedenen Unternehmen erworben und angewendet habe, auf meine Arbeit als Beigeordneter und Dezernent zu übertragen. Dann musste ich aber feststellen, dass in einer Stadtverwaltung vieles in verschiedene Verantwortungsbereiche gegliedert ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass es einem Oberbürgermeister auch in einer Stadtverwaltung möglich ist, die Belegschaft zu einer Mannschaft unter einer Führung zu formen. Das wäre auf Landes- oder Bundesebene kaum oder sogar gar nicht möglich. Deswegen habe ich mir die Frage so nie gestellt.

// Was würden Sie gerne am Ende der nun kommenden Legislaturperiode über sich lesen?
Vermeulen: ‚Vermeulen wurde mit überzeugender Mehrheit wiedergewählt!’
Hansen: ‚Der Hansen hat die Stadt nach vorne gebracht!’
Meyer: ‚Vielen Menschen in Krefeld geht es heute besser als vor fünf Jahren!’

// KR-ONE: Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: David Kordes