Die Schulglocke ertönt schrill. Nur Augenblicke später werden die Klassentüren der St. Michaelschule in Krefeld-Lindental aufgerissen, und ein bunter Pulk an Grundschülern spurtet lauthals den Flur entlang in Richtung Schulschluss. Marcel hingegen bleibt heute länger, denn seine Lesementorin Dorit Grießer wartet schon im Computerraum auf ihn. Im Gepäck der Rentnerin: ein Abenteuerbuch über Dinosaurier und eine bemerkenswerte Portion Engagement. Zunächst etwas zögerlich mustert der Neunjährige das bunte Büchlein, während die Mentorin mit ruhiger Stimme zu lesen beginnt: „Bist du bereit, eine vergessene Welt zu betreten? Du liest so lange, bis du wählen kannst. Dann entscheidest du, wie die Geschichte weitergeht.“ Marcels Augen leuchten auf, er nimmt all seinen Mut zusammen und beginnt ebenfalls zu lesen – erst sehr holprig und später immer sicherer.

Marcel, Dorit Grießer, Lesementorin

Lese-Patenkind Marcel mit seiner Lesementorin Dorit Grießer

„Lesekompetenz ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Schulbildung“, weiß Karl-Heinz Kolbe, Schatzmeister und Gründungsmitglied der Krefelder Lesementoren, der an der heutigen Lesestunde von Marcel und seiner Mentorin teilnimmt. „Leider beobachten wir in den letzten Jahren einen dramatischen Einbruch der Lesekompetenz zahlreicher Kinder, insbesondere, aber nicht nur aus bildungsfernen Milieus. Viele Kinder werden einfach vor dem Fernseher, Computer oder Smartphone geparkt und haben keine Chance, einen gesunden Bezug zu Büchern und Sprache zu entwickeln“, klagt der Krefelder mit besorgter Miene. Die ehrenamtlichen Leselernhelfer des Vereins „Mentor“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese eklatanten Lücken zu schließen und leseschwachen Kindern einen erfolgreichen Start in die Zukunft zu ermöglichen.

Dorit Grießer, Lesementorin„Unser Verein agiert als Vermittler zwischen Schulen, Mentoren und Eltern. Lehrer benennen förderungswürdige Kinder, wir werben, schulen und vermitteln Mentoren, und sofern die Eltern einverstanden sind, treffen sich die Lesepaare dann ein bis zwei Mal wöchentlich zum gemeinsamen Sprechen, Lesen und Schreiben“, skizziert Kolbe das Prinzip des erst im Sommer 2016 initiierten Krefelder Vereins, der binnen kurzer Zeit bereits mit zehn Grundschulen sowie je einer Real- und Gesamtschule kooperiert und dabei 45 Mentoren an etwa 55 Kinder vermitteln konnte. Mentor versteht sich dabei keinesfalls als Nachhilfe-Verein oder Ersatz für den Deutschunterricht, wie der 68-Jährige betont: „Mittlerweile hat sich eine ganze Nachhilfe-Industrie entwickelt, und Angebote sind mitunter sehr teuer und gerade für finanziell schwächer aufgestellte Elternhäuser unbezahlbar. Zudem gibt es bei uns keinen Leistungsdruck wie etwa in der Schule. Im Fokus steht die Förderung des Spaßes am Lesen.“

Damit der Verein dieses Ziel erreichen kann, setzt er auf ein Eins-zu-Eins-Prinzip, bei dem sich in der Regel je ein Mentor um ein Kind kümmert, denn Bildungsmotivation wächst besonders nachhaltig über emotionale Verbindungen. „In den ersten gemeinsamen Stunden wird zumeist noch gar nicht gelesen. Es geht zunächst darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und den Leistungsstand sowie die Interessen des Kindes zu erkennen“, erläutert Kolbe und blickt zufrieden auf Dorit Grießer und Marcel, der sich in seinem Abenteuerbuch inzwischen tief in den von gefräßigen Dinosauriern bevölkerten Dschungel gekämpft hat.

Marcel, Kind„Willst du lieber alleine zu den Sauriern? Dann lies weiter auf Seite 60“, liest Grießer vor, und noch bevor er die zweite Option hört, beschließt Marcel mutig: „Ja, ich gehe alleine zu den Dinos!“ Die anfängliche Unsicherheit des Drittklässlers hat sich Satz für Satz in ein gutes Stück mehr Selbstbewusstsein gewandelt, und das Lesen macht ihm sichtlich Spaß. Wenn er dann doch einmal an einem schwierigen Wort hängen bleibt, schreibt es seine Mentorin auf eine Karteikarte, um es auch in künftigen Stunden wieder üben zu können. Leseförderung ist mitunter ein mühsamer Weg, aber einer, der sich für beide Seiten auszahlt.

„Einerseits war ich schon immer eine Leseratte, und andererseits fürchtete ich mich beim Übergang in den Ruhestand davor, keine Aufgabe mehr zu haben“, sagt die 75-jährige Ehrenamtlerin Grießer, die selbst mehrere Kinder und Enkel hat und sich darüber hinaus Zeit für ihr Lese-Patenkind nimmt. „Als ich im vergangenen November von der Gründung des Vereins in Krefeld hörte, war ich sofort begeistert und meldete mich als Mentorin“, ergänzt die engagierte Krefelderin. Es folgte eine Einführungsveranstaltung, in der sie auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet wurde, denn obwohl pädagogische Vorkenntnisse nicht zwingend erforderlich sind, um Mentor zu werden, ist ein gewisses Maß an Vorbereitung auf die für alle Beteiligten neue Situation unerlässlich. Das aus den über 270 deutschlandweiten Mentor-Vereinen erprobte System aus Schulungen, Feedbackgesprächen und Lesestunden zahlt sich aus, denn „bereits nach einem Jahr sind signifikante Verbesserungen der Lesekompetenz zu erkennen“, berichtet Kolbe vom Erfolgskonzept, das im Jahr 2003 als Antwort auf die erste Pisa-Studie vom Buchhändler Otto Stender in Hannover erdacht wurde.

Damit der vergleichsweise junge Krefelder Verein seine erfolgreiche Arbeit fortführen und ausweiten kann, werden sowohl weitere Mentoren als auch Sponsoren gesucht.

Damit der vergleichsweise junge Krefelder Verein seine erfolgreiche Arbeit fortführen und ausweiten kann, werden sowohl weitere Mentoren als auch Sponsoren gesucht. „Wir haben derzeit sehr viele Anfragen von Krefelder Schulen, die ebenfalls Kinder an Lesementoren vermitteln möchten. Wir freuen uns daher über jede Form von Unterstützung. Um Mentor zu werden, muss man lediglich Spaß am Lesen haben, zeitlich flexibel sein und eine gewisse Geduld mitbringen“, sagt Kolbe und schaut nochmals freudig auf Marcel, der sich dem Ende seines literarischen Abenteuers nähert.

Karl-Heinz Kolbe, Schatzmeister, Gründungsmitglied

Schatzmeister und Gründungsmitglied Karl-Heinz Kolbe

Marcels Pfad im Buch hat ihn zu einem Happy End geführt, denn bevor ihn die gefräßigen Meeressaurier erwischen konnten, wurde er per Rettungshubschrauber aus dem Wasser gezogen. Schaut man nach dem Lese-Abenteuer in die begeisterten Augen des Schülers, so stehen die Chancen gut, dass auch seine schulische Laufbahn dank Frau Grießer und dem Verein Mentor ein Happy End haben wird.

MENTOR – Die Leselernhelfer Krefeld e.V., Bismarckstraße 2a, 47799 Krefeld,
info@mentor-krefeld.de, www.mentor-krefeld.de