Peter Kaczmarek

Ihm gelang, was vor ihm noch keiner schaffte: Als erster Jugendtrainer überhaupt ist Peter Kaczmarek Anfang März dieses Jahres in die Hall of Fame des Deutschen Eishockeys aufgenommen worden. Es ist die Krönung eines Lebenswerks, das nicht nur zahlreiche Profis hervorbrachte, sondern das Krefelder Jugendeishockey zu einer bundesweit verehrten und gefürchteten Instanz werden ließ. Etliche Deutsche Meisterschaften und Saisons ganz ohne Niederlagen kennzeichnen Kaczmareks Engagement dabei ebenso wie Härte und Disziplin auf dem Eis. Noch heute erinnert sich der inzwischen 65-Jährige schmunzelnd an die hängenden Schultern und resignativen Blicke der gegnerischen Teams, wenn eine seiner Mannschaften die Halle betrat. Um diesen Status zu erreichen, vermachte er sein Leben dem Kufensport.

Peter Kaczmarek

Peter Kaczmarek

“Menschen etwas beizubringen, zu lehren und zu fördern, hat schon immer einen großen Reiz auf mich ausgeübt.”

Manche Menschen umgibt eine Aura, eine charismatische Energie, die das Wesen einer Person noch vor dem ersten gesprochenen Wort nach außen trägt. Peter Kaczmarek hat so eine Aura; irgendwo zwischen Feldwebel und autoritärer Vaterfigur. Viele seiner ehemaligen Schützlinge geben unumwunden zu, dass sie ihn im Knabenalter fürchteten. Doch wenn er sie lobte, verlieh er ihnen Flügel. Dass Spaß nur auf dem Fundament der Disziplin entstehen kann, lernte Kazcmarek selbst bereits in Kindertagen, als er in seiner Geburtsstadt Bydgoszcz zum ersten Mal den Schläger zum Bully kreuzte. Als jüngster dreier Brüder musste und wollte er sich schon immer besonders beweisen. Er investierte, was immer nötig war. Bei einem Jugendturnier in Bromberg schließlich als besonderes Talent entdeckt, legte der ambitionierte Stürmer anschließend eine glanzvolle aktive Karriere hin. Über 400 Mal streifte er sich in der ersten polnischen Liga das Trikot des Traditionsvereins aus Danzig über, parallel dazu ließ er sich zum Diplom-Sportlehrer an der dortigen Sporthochschule ausbilden. „Menschen etwas beizubringen, zu lehren und zu fördern, hat schon immer einen großen Reiz auf mich ausgeübt. Ich fand es sogar interessanter, als selbst zu spielen“, erzählt Kaczmarek rückblickend.

Als er 1978 nach einem Jahr als Spielertrainer vor die Wahl gestellt wurde, entweder zu spielen oder zu trainieren, musste der seinerzeit 27-Jährige nicht lange nachdenken und hing die aktiven Schlittschuhe an den Nagel, um später die Junioren der polnischen Kaderschmiede zu leiten. Doch während seine noch junge Trainer-Laufbahn immer mehr Fahrt aufnahm, verfinsterte sich die politische Situation seines osteuropäischen Heimatlandes Anfang der Achtzigerjahre zunehmend. Noch bevor das Kriegsrecht zur Zerschlagung der aufkommenden demokratischen Bewegung ausgerufen wurde, gelang Kaczmarek die Flucht nach Deutschland. „Ich habe mich damals ganz bewusst für Nordrhein-Westfalen entschieden, weil hier die meisten Eishallen und Eishockeyvereine angesiedelt sind. Zudem wohnte bereits mein Cousin in Krefeld, der mir am Anfang tatkräftig geholfen hat“, erinnert er sich.

Kaczmarek scheute sich zunächst, bei einem der großen NRW-Clubs anzuklopfen, weil er nach seinem Dafürhalten über zu geringe Sprachkenntnisse verfügte. Doch seine Zweifel zerschlugen sich rasch. Sowohl in Grefrath als auch in Neuss erkannten die Verantwortlichen seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und warben um seine Dienste. Aber auch in Krefeld blieb seine Arbeit nicht unbemerkt. Innerhalb von nur fünf Monaten nach seiner Ankunft wechselte er so dreimal den Verein. Danach nie wieder. In Krefeld hatte er gefunden, wonach er suchte: ein Umfeld, das ihm vertraute und die nötigen Freiheiten ließ. In den ersten Jahren verdingte sich Kaczmarek als Co-Trainer der ersten Mannschaft, danach übernahm er die Ausbildung der Bambini, Kleinschüler und Knaben. „Ich habe mich ganz bewusst für die Arbeit mit den Allerkleinsten entschieden, weil in diesem Alter die Basis geschaffen wird. Nur so kann ein Verein auf lange Sicht stabil wachsen“, erklärt der Vater eines erwachsenen Sohnes seine Motive.
Gleich in den ersten Jahren zeigte Kaczmarek den Vereinsbossen, dass sie mit ihm die richtige Personalentscheidung getroffen hatten, indem er zahlreiche kreative Wege fand, dem Mitgliederschwund im Jugendbereich entgegenzuwirken. Er ließ Flyer zu Karneval verteilen, knüpfte Kontakt zu örtlichen Schulen und nutzte die Sommermonate, in denen er als Bademeister arbeitete, um motorisch talentierte Kinder zu einem Probetraining an die Westparkstraße zu lotsen. Manchmal ging er sogar zu Fußballplätzen, um Kinder zu fragen, ob sie nicht lieber Eishockey spielen würden. „Talente muss man suchen“, lautete bereits damals seine Devise, und er hatte recht. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihm nicht nur, die Anzahl der Mitglieder zu verdoppeln, sondern auch Talente zu finden, die später eine Profi-Karriere einschlugen. „Die Generation ’81, ’82, ’83 war wirklich eine goldene. Selten hatten wir so viel Qualität in nur drei Jahrgängen“, erzählt Kaczmarek fast so bescheiden, als wären sie vom Himmel gefallen. Tatsächlich liest sich die Liste seiner Zöglinge wie das Who-is-Who des deutschen Eishockeys, darunter Pascal Zerressen, Daniel Pietta, Marcel Noebels und Christian Kretschmann, um nur einige zu nennen.

Peter Kaczmarek“Die Generation ’81, ’82, ’83 war wirklich eine goldene. Selten hatten wir so viel Qualität in nur drei Jahrgängen.”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fragt man diese Spieler, was das Training des smarten Glatzkopfes mit der rauen Stimme so besonders macht, erhält man immer die gleiche Antwort: Konsequenz und Akribie. Kaczmarek ist erst zufrieden, wenn eine Übung genau nach seinen Vorstellungen ausgeführt wird. Er korrigiert, mahnt und lässt wiederholen. Besonders das Läuferische und die Technik liegen ihm dabei am Herzen. „Ich habe sogar von ein paar Jungs erfahren, dass sie bei anderen Vereinen gefragt wurden, ob ich ihr Trainer war. Offenbar hat sich mein Stil zu trainieren in ihrer Art, Eishockey zu spielen, widergespiegelt.Das macht mich natürlich ein bisschen stolz“, sagt Kaczmarek und lacht.

Auch wenn zahlreiche Spieler mit größten Qualitäten wie Knete in den Händen des polnischen Meister-Trainers geformt wurden, ist ein Name doch untrennbar mit seiner Ausbildung verwoben: Christian Ehrhoff. „Christian war nicht talentierter als die anderen. Wir hatten wirklich viele hochtalentierte Kinder, aber er war ambitionierter, fokussierter und fleißiger. Schon als Kind formulierte er das Ziel, einmal in der NHL spielen zu wollen. Er träumte nicht davon, er lebte dafür. Deswegen hat er es auch erreicht“, sagt Kaczmarek über seinen prominentesten Spieler jener Tage. Heute ist aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis eine Männerfreundschaft geworden. „Wir sehen uns zwar nur selten, aber wenn wir uns begegnen, freuen wir uns beide sehr. Es ist schon sehr interessant zu beobachten, was aus den Kindern wird und wie sich die Beziehung zueinander über die Jahrzehnte entwickelt“, so Kaczmarek weiter.
Und so war es die Krönung der Krönung, dass eben jener Christian Ehrhoff Peter Kaczmareks Laudatio zur Aufnahme in die Hall of Fame verlies. Für beide ein äußert emotionaler Augenblick. Es war nicht nur die späte Würdigung eines Mannes, der seine Kraft in den Dienst der deutschen Jugendausbildung steckte, sondern auch für eine Berufsgruppe, die sonst eher im Hintergrund steht, während andere die Lorbeeren einheimsen. Für Peter Kaczmarek war es nichts Geringeres als der wichtigste Moment seiner sportlichen Laufbahn, die 2015 aus gesundheitlichen Gründen ein Ende neben musste. Ein Ende, das mit der Aufnahme in die Hall of Fame widerspiegelt, was er Zeit seiner Karriere leistete. Denn: Ihm gelang, was vorher keiner schaffte!