„Morgenstund’ hat Gold im Mund!“

Müssen wir wirklich so früh aufstehen?

Ich kann mich noch gut an die viel zu frühe chirurgische Morgenbesprechung in meinem Bundeswehrkrankenhaus erinnern. Was sich da um sieben Uhr in den Konferenzraum schleppte,
war weniger eine tatendurstige Sanitätstruppe, als mehr eine schlaftrunkene Elefantenpatrouille.
Die Kollegen, die sich eine Stunde später akribisch kreuz und quer durch die menschliche Anatomie operierten, erinnerten mich zu diesem Zeitpunkt mit ihren Gipsgesichtern stets an meinen ersten Zombie-Film „Die Nacht der lebenden Leichen.“ Lediglich Stabsarzt Schubert verbreitete regelmäßig ein Trommelfeuer bösartig guter Laune, was wohl auf eine unbeherrschbare Schilddrüsenüberfunktion zurückzuführen war und ihm irgendwann die Androhung einer Strafnarkose durch Anästhesiearzt Dr. Kunze einbrachte.

Die allmorgendliche Kolonne der leblosen Halbschläfer machte mir damals klar, Disziplin scheitert am Melatonin, denn dieses Schlafhormon wollte uns zu dieser Tageszeit einfach noch nicht hergeben. Selbst unser damaliges Feindbild vom bösen Russen bekam seine ordnungsgemäß abschreckende Struktur erst nach einen Pott Kaffee. Den Klagen zwangserweckter Menschen in der Aufwachphase begegnen wir in aller Herrgottsfrühe auf Schritt und Tritt. Wer zum Beispiel den ersten Schulbus nimmt, der kann sich schwer vorstellen, dass das lethargische Kollektiv knurrender Halbwüchsiger auf Schlafentzug schon beim ersten Schulgong zu einer wissenshungrigen Meute von potentiellen Nobelpreisträgern mutiert. Angesichts meiner ins Bad torkelnden Kinder habe ich mich jedenfalls immer gefragt, wenn man schlafende Hunde nicht wecken soll, warum tut man es dann mit schlafenden Sechsjährigen? Der Hahn kräht erst beim Morgengrauen, weil er den neuen Tag begrüßen und nicht verfluchen will. Genau diese Flüche brummelten mir aber jahrelang beim Weckruf aus der dunklen Höhle meiner Löwen entgegen.

Sind wir doch mal ehrlich. Wer ein Schulkind hat, das sich am Wochenende oder in den Ferien um halb sieben Uhr morgens ein Nutella-Brötchen schmiert und dann freiwillig und munter pfeifend die Kellertreppe schrubbert, der kann seinen Sprössling entweder in das Guinnessbuch der Rekorde eintragen lassen oder sollte schleunigst die Note seiner letzten Mathearbeit checken. Sicher gibt es viele frühleistungsfähige Adrenalinprotze, deren erster Augenaufschlag schon die Welt rettet. Was aber den Tag-Nacht-Rhythmus angeht, so unterscheidet die Wissenschaft nun mal zwischen den Eulen, die morgens nicht aus den Federn kommen und den Lerchen, die anscheinend die ersten beiden Schulstunden und den Arbeitsbeginn im deutschen Handwerk erfunden haben. Langschläfer gelten als Faulpelze, und dem Stahlbetonbauer, der in der winterlichen Dunkelheit um sieben Uhr noch keine Lust hat, eine Kellerdecke zu gießen, unterstellt manch ein Chef gleich mangelndes Pflicht- und Schuldgefühl gegenüber unserer überfrühten Stressgesellschaft. Was für ein Quatsch.

Ich muss an einen Grundschulfreund denken, dessen Mutter ihn quasi aus der Schubkarre auf den Schulhof kippte, der heute noch gerne bis in den späten Vormittag schläft, und trotzdem ein stadtbekannter Krefelder Unternehmer geworden ist. Wann wir unsere besten Leistungen erbringen, das entscheidet nicht der Wecker, sondern unsere innere Uhr, und die richtet sich nun mal nach dem Tagesanbruch und nicht nach dem Schlafabbruch. Sicher, Morgenstund hat Gold im Mund, aber welche, das hat uns der Dichter nicht verraten,
und der späte Wurm hat schließlich Glück, denn er verpennt den frühen Vogel.

Ihr Wolfgang Jachtmann

 

Kolumnist Wolfgang Jachtmann ist promovierter Mediziner, Komponist, Musiker, Liedtexter und seit Neuestem auch Autor. Er schreibt in der KR-ONE über alle Themen, die ihn bewegen.