Es ist sieben Uhr an diesem Sonntagmorgen. Während sich meine Nachbarn noch traumverloren in ihren Betten räkeln, sitze ich tränenüberströmt auf dem Gäste-WC. Mein schwitzender Körper nimmt Abschied von der Pizza Vesuvio des gestrigen Abends, und das tut weh. So weh, dass ich behaupte, ein Stich in das Herz ist nichts gegen einen Stich in den Sterz, den mir nun jeder einzelne Peperoncino bereitet. Ich starre auf den tropfenden Wasserhahn meines Waschbeckens und verspreche dem Allmächtigen, den verkalkten Perlator umgehend zu reinigen, wenn er nur alsbald das Fegefeuer in meinem Gesäß löscht. Neidvoll denke ich an meine schlafende Partnerin, deren Innereien sich in der sanften Dünung einer harmlosen Pizza Frutti di Mare wiegen, derweil ich ein Gefühl habe, als würden sich Ströme von Lava an meinem Blinddarm vorbei zum Ausgang wälzen. Männer brauchen die Herausforderung der roten Schoten und den anerkennenden Blick ihres Lieblingsitalieners beim Servieren einer extrascharfen Pizza Diavolo; Frauen nicht, denn sie scheinen zu wissen, was ihnen glüht. Aber mit den Jahren ist Alessandros bewunderndes Augenzwinkern zuerst einem hämischen Grinsen und gestern Abend einem mitfühlenden Seufzer gewichen. Er weiß mittlerweile aus eigener Erfahrung, dass das gewaltbereite Zeug eine Terrorwelle am Enddarm auslöst und dass wahrscheinlich die Hälfte seiner älteren Gäste unter dem „Es“ leidet. Das Es ist das Unaussprechliche, über das sich kaum jemand zu reden traut. Krankheiten sind die Trumpfkarten präseniler Gespräche, aber wer würde seinem Nachbarn schon über die Hecke zurufen: „Na wie sieht Es aus, hängt Es Dir auch zum Hintern raus?“ oder „Lebst Du schon oder kratzt Du noch?“ Das Es juckt und treibt dich beim Einkaufsbummel in den nächsten Hauseingang, wo du dir mit einem beherzten Griff in den Schritt Erlösung zu verschaffen suchst. Das Es ist buchstäblich der wunde Punkt auf dem Recaro-Sitz des genervten Porsche-Greises auf der Überholspur, und das Es zieht den braunen Schlussstrich unter die Leidenschaft deiner Frau beim Einräumen deiner Unterhosen in die Waschmaschine. Das Es weckt Schuldgefühle und deshalb suchst du dein Heil in ultimativer Aggro-Hygiene. Dein täglicher Duschgang wird zur Seifenoper und deine brennende Po-Falte zum Crematorium für Hämorrhoiden-Frieden versprechende Cremes. Du schmirgelst dir einen Wolf mit modernster Feuchttuchtechnik, und schlussendlich fällt dein hilfesuchender Blick auf den Hochdruckreiniger in deiner Garage. Deiner besorgten Frau gegenüber behauptest du mit gespieltem Stolz: „My Darm is my Castle“, in Wirklichkeit aber stehst du vor lauter Angst und Scham auf dem Schlauch, den du dir endlich in den Enddarm schieben lassen solltest. Ich für meinen Teil weiß, wenn mir mein Allerwertester das Allerwerteste wäre, dann sollte ich ihn an mich ranlassen, den Proktologen, den Seher und schmerzlosen Stecher, der mein Leid mit einigen Injektionen oder einem einzigen Gummiring unterbinden könnte. Aber nicht im Hier und Jetzt und nicht mit mir. Meine heutige Sitzung auf dem Feuerstuhl ist beendet, und ich mache mich leer und ausgebrannt auf den Weg in die Küche. Mit dem Wunsch nach einem kalten Mineralwasser öffne ich den Kühlschrank, und mich trifft der Schlag: da stehen sie, die Zutaten für das heutige Abendessen. Es gibt… Chili con Carne.

 

Wolfgang Jachtmann

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