Wenn im Angesicht des Todes die Lebensflamme lodert

Thomas Buchta

„Leute, lasst die Finger vom Alkohol! Auch wenn es wie ein schlechter Scherz klingt, aber die Ärzte haben mir grade mein Todesurteil in den nächsten Tagen mitgeteilt. Finger weg vom Alkohol!!!!!“ Dieser facebook-Beitrag lässt das Blut in den Adern gefrieren; die Zeit für einen kurzen Moment still stehen. Hier kündigt jemand seinen bevorstehenden Tod an. Lakonisch, simple – dem Anlass unangemessen, wie nicht wenige finden. Der Künstler Thomas Buchta ist Urheber dieser Zeilen. Er liegt in jenen Tagen im Helios-Krankenhaus. Seine Leber ist hinüber, alle konventionellen Versuche, sein Leben zu retten, sind gescheitert. Mit senfgelbem Gesicht und trüben Augen liegt er da, an sein Bett gefesselt, sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist sein Ipad und facebook. Seit der Registrierung im größten sozialen Netzwerk, zeigt Buchta sein Leben öffentlich. Es ist für ihn seinerzeit völlig folgerichtig, auch das baldige Ende seiner irdischen Existenz dort preiszugeben. Sterben 2.0.

Kaum jemand beherrscht das Mittel der Verstörung besser als der Krefelder Photoshop-Virtuose. Ob in seinen Bildern oder im facebook-Feed, Buchta veranlasst Menschen zum Innehalten. Darf man das? Ist das moralisch und ethisch vertretbar? Diese Fragen wirft er nur zu gerne auf. Das Wandeln auf dem schmalen Grat der Geschmacklosigkeit gehört zu den Paradedisziplinen der Kultglatze mit den stahlblauen Augen. Und so kommt es, wie es kommen musste. Buchta spaltet die Internetgemeinde. Die Kommentare auf die Bekanntgabe seines eigenen Ablebens reichen von wahrer Verzweiflung über Beileidsbekundungen bis hin zu Auswüchsen puren Zynismus‘. „In dieser Phase hat sich vieles neu sortiert“, erzählt Buchta während er seinem Kater durch das britische Kurzhaarfell streicht. „Heute weiß ich, wer meine Freunde sind und wer nicht.“ Im Angesicht des Todes ändert sich eben vieles. Nicht nur in Bezug auf die Wahl der Vertrauten hat das Krefelder Urgestein sein Leben auf Links gedreht. Auch seine Kunst hat nach dem Ereignis, das alles in davor und danach teilt, eine Wandlung erfahren. „Aus dem Schatten ins Licht“ könnte die Überschrift dieses Lebens-Kapitels lauten.

Buchta ist gewiss niemand, dem man den Stempel des braven Spießbürgers aufdrücken kann. Er ist subversiv, launisch, nonkonform; aber eben auch hyperkreativ und blitzgescheit. Als er mit 12 Jahren in ein erzkatholisches Internat gesteckt wird, beginnt seine persönliche Rebellion. „Die Erziehung dort war der pure Drill im Namen des Herrn. Daher rührt bis heute meine Ablehnung gegenüber der Institution Kirche. Gott und Glauben wurden in dieser Zeit nur als Druckmittel eingesetzt“, sagt er mit Blick in seine prepubertäre Phase. Erst sind es die abrasierten Haare und der Irokese, die seine Ablehnung zum Ausdruck bringen sollen, dann sind es die düsteren Inhalte der schwermetallenen Klänge, mit denen er sich von der Masse abgrenzt. Einer von vielen wollte Buchta nie sein. Dieses Ziel hat er mit aller Stringenz verfolgt, auch wenn sich eine bürgerliche Facette wie ein roter Faden durch sein Leben zieht. Über 25 Jahre schuftete er nach der Schule bei Bayer als Betriebsschlosser. Jeden Tag klingelt um 5.30 Uhr in diesem Zeitraum sein Wecker. Eine gottlose Uhrzeit für einen Kreativen.

Zur Kunst und zur Musik findet Buchta als junger Mann mit Anfang 20. „Ich habe damit angefangen, um meine Kreativität auszuleben; ganz für mich alleine. Damals habe ich noch keine Ambitionen gehabt, einmal in einer Band zu spielen oder meine Bilder auszustellen. Das hat sich mit der Zeit so entwickelt“, erklärt der leidenschaftliche E-Zigaretten-Dampfer über seine Motive. Wirklich Fahrt nimmt seine Karriere als Künstler erst nach der Jahrtausendwende auf, als die Digitalphotographie bezahlbar wird und das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop zum Standard avanciert. „Das war mein Schlüsseltool, Photoshop hat genau die Nische geöffnet, in der ich mich mit meinen Fähigkeiten entfalten konnte. Man hat mich mal den Jan Saudek der Neuzeit genannt. Damit kann ich mich gut identifizieren“, so Buchta weiter. Es ist die Arbeit auf verschiedenen Ebenen, die ihn reizt. Die Metamorphose eines Photos zu einem Gemälde ist sein Antrieb. „Wenn ich es schaffe, dass Menschen meine Bilder anfassen wollen, dann hab ich mein Ziel erreicht“, sagt Buchta lächelnd, ehe er nachdenklich ergänzt: „Über viele Jahre waren es seelische und psychische Abgründe, die die Grundideen meine Werke bildeten. Meine eigenen oder die anderer Menschen. Letztlich habe ich mich sicherlich zu viel mit schlechten Gedanken beschäftigt: Tod, Blut, Suizid und Entartung.“

Die Depression, die ihn über sechs Jahre gefangen hält, setzt schleichend ein und wird anfangs nicht erkannt. „Ich litt unter nervösen Anfallen, Angst und Panikattacken. Mein Arzt wusste diese Anzeichen nicht richtig einzuordnen und versuchte zu beschwichtigen. So nach dem Motto: ‚Herr Buchta, sie sind eben ein kreativer Geist; da ist es völlig normal, dass sie abends nicht abschalten können und mehr nachdenken als andere.‘ In dieser Phase fing ich an, abends Alkohol zu trinken, um einfach ‚mal ein wenig Ruhe zu bekommen. Das war rückblickend sicherlich ein großer Fehler. Welchen Prozess ich damit in Gang setze, war mir damals überhaupt nicht bewusst“, reflektiert Buchta den Anfang der Abwärtsspirale mit Zwischenhochs. Denn: Dass Alkoholiker leistungsunfähig wären, ist ein weitverbreiteter Irrglaube. Viele der Flasche Verfallenen bekleiden renommierte Posten in der Gesellschaft und wissen ihren Arbeitsalltag auch mit Dauerkater zu bewältigen. Buchta ist nach eigenem Bekunden immer dann am besten gewesen, wenn es ihm am schlechtesten ging. „Mein Arzt wusste später immer sehr genau, wann ich die nächste Spritze brauche. Er hat es an meinen Bildern gesehen; immer dann, wenn sie besonders ausdrucksstark waren“, erklärt er und lacht in einer Mixtur aus Abscheu vor und Stolz auf sich selbst.

2008 ist ein Jahr, das in Buchtas persönlicher Vita mit einem Sternchen versehen ist. Künstlerisch befindet er sich damals auf dem Zenit, psychisch am Abgrund. Strukturänderungen schaffen auf seiner Arbeit bei Bayer ein Klima des Mobbings, dem er nicht gewachsen ist. Er sieht in jenen Tagen keinen anderen Ausweg, als zu kündigen. Finanziell kann er sich diesen Schritt erlauben, denn seine Kunst geht völlig durch die Decke. Buchta ist gefragt, stellt aus und verkauft. Zudem wird er immer wieder für Auftragsarbeiten gebucht; besonders im Motorsport sind seine Werke heißbegehrt. Zeitweise arbeitet er exklusiv für Porsche. Aber auch in der Musikindustrie bleibt er kein Unbekannter. Gangster-Rapper Bushido nimmt die Dienste des ambivalenten Genies für das Artwork seines Albums „Eristguterjunge“ in Anspruch; lässt sich martialisch mit Kettensäge -und hemd ablichten. „Damals wurde noch richtig Geld bezahlt“, erinnert sich Buchta wehmütig. Die derzeit rückläufige Auftragslage schreibt er der Inflation in der Photographie zu. „Heute hat jeder eine Digitalkamera und es gibt immer wieder Leute, die jemanden kennen, der wiederum jemanden kennt, der gerne dies oder das umsonst macht. Ich habe aber keine Lust für einen Appel und ein Ei zu arbeiten. Gute Arbeit muss auch gut bezahlt werden“, sagt er ebenso beharrlich wie er verneint, dass die berufliche Situation ein Grund für die Schlussetappe des Alkoholismus gewesen sei. „Die Gründe für mein einjähriges exzessives Trinken kann ich nicht genau benennen. So wie ich hier sitze; ich weiß es nicht“, sagt er achselzuckend.

Fakt ist aber: Aus dem kreativen Genius wird im Januar 2013 ein Funktionspegeltrinker, dessen erster Gedanke nach dem Aufstehen dem Alkohol gilt.

„Mir war alles egal: Meine Kunst, mein Umfeld und meine Gesundheit. Mein Leben wurde total unbeständig. Ich schlief, trank, schaute fern, schlief und trank wieder. So ging es ein Jahr“, erzählt Buchta kopfschüttelnd, fassungslos über sein eigenes Verhalten.“

Natürlich sei Freunden aufgefallen, dass er sich verändert habe, aber lange Zeit hätte ihn niemand direkt damit konfrontiert. Erst Weihnachten 2013 kommt es zu einer Art Intervention. „Jedes Jahr lade ich zu Weihnachten ein und tafle groß auf. Aber am Weihnachtsmorgen vor einem Jahr saß ich wenige Stunden, bevor die Gäste kommen sollten, betrunken auf der Couch und hatte nichts vorbereitet. Meine Bude sah aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Als meine Freunde mich so vorfanden, haben sie mir den Kopf gewaschen. Das Fest war gelaufen und ich wusste, dass ich etwas ändern muss. Ich konnte aber nicht, mir war alles egal; sogar, dass ich nur noch Galle spuckte und nichts mehr essen konnte“, erzählt Buchta sichtlich bewegt.

Kurze Zeit später geht alles ganz schnell. Schwer angeschlagen muss Buchta zum Arzt, der erkennt die Lage und schickt ihn ins Helios. „Ich wollte auch damals nur nach Hause zu meinem Kater. Da sagte der Arzt: ‚Wenn sie nicht hier bleiben sind sie in wenigen Tagen tot.‘ Die Worte werde ich nie vergessen“, erinnert er sich. Zwei Wochen tun die Ärzte alles, um seine Leber zu retten, doch alle Versuche scheitern. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich den facebook-Post abgesetzt. Ich dachte, ich würde sterben“, sagt Buchta mit in Falten gelegter Stirn. Derweil wird in der Uni-Klinik in Köln das Mittel für den letzten Versuch vorbereitet; ein Medikament, das genau auf Buchtas Bedürfnisse abgestimmt wurde. „Ich habe es nicht für möglich gehalten, aber es schlug wirklich an, von Tag zu Tag ging es mit besser. Man hat mir ein zweites Leben geschenkt“, sagt er während sich sein Blick aufklart. Es ist ein zweites Leben mit vielen Veränderungen. Wer sich in dieser Zeit als treuer Gefährte entpuppte, erhielt einen festen Platz in seinem Herzen. Andere, die nur an seinem Erbe interessiert waren, wurden weggestrichen. „Viele Nummern sind aus meinem Handy geflogen“, so Buchta schmunzelnd.

Wer Thomas Buchta heute sieht, nimmt einen völlig anderen Menschen wahr. Sein Blick ist klar, die senfgelbe Haut hat sich in einen sanften Beigeton verwandelt und sein Geist ist präsent und schnell. Clean eben. „Ich habe alles aufgeräumt: Meine Wohnung, mein Kunstarchiv, meinen Lebensrhythmus und meinen Freundeskreis“, sagt er mit steifem Blick in die Zukunft. Und auch seine kreatives Arbeiten soll in ein neues Kapitel eintauchen. „Ich habe einen großen Kehraus gemacht und mich von vielem getrennt, das mit negativen Erinnerungen behaftet war“, so Buchta weiter. Dieser Schritt sei nötig gewesen, um das wichtigstes Zukunftsziel zu erreichen: Ein Leben ohne Alkohol und mit einem positiven kreativen Antrieb!