„Nicht winterhart“

Über die Gartenarbeit als Charakterleistung

 

Meine hervorragende Fähigkeit ist wohl die Einbildung. Alle Nase lang bilde ich mir nämlich ein, etwas Neues anfangen zu müssen, an dem ich meist früher als später das Interesse verliere. Ich besitze immer noch die Begeisterungsfähigkeit eines Dreijährigen, aber die Zahnfee hat wohl versäumt, mir neben den Milchzähnen auch Ausdauer und Konsequenz ins Kinderbettchen zu legen. So wollte ich im Laufe der Jahre ein Hobby-Modellbauer, ein Briefmarkensammler, ein Yoga-Schüler, ein Segler, ein Bonsai-Züchter, ein Harley-Davidson- oder Rennradfahrer sein. Und nun rosten und faulen in meinem Keller mit einem Heimtrainer, diversen Tennisschlägern, Inline-Skates, einer Malerstaffelei und einem Aquarium die Standard e-bay Artikel falscher Selbsteinschätzung um die Wette. Auch mein Hund musste sich damit abfinden, dass ich keine Lust hatte, ihm wie andere, leidenschaftliche Hundebesitzer beizubringen, bis zehn zu zählen oder eigenverantwortlich ein Sixpack Bier von der Tanke zu holen. Wenn ich „Sitz!“ sage, geht er lieber fernsehen und da, wo er besser „Platz!“ machen sollte, würde er sich freundlich wedelnd selbst einem tschetschenischen Infanteriebataillon in den Weg stellen. Früher war Gartenarbeit für mich so reizvoll wie Sandkörner stapeln in einer Kiesgrube. Im Mai dieses Jahres aber besuchten meine Lebensgefährtin und ich den berühmten Garten des Malers Claude Monet, und in Anbetracht der riesigen Blütenvielfalt kam es, wie es kommen musste. Mein Strohfeuerhirn bildete sich ein, unser reichlich verwildertes Hinterhausdickicht zu einer blühenden Oase inmitten der Krefelder Trübsal machen zu können. Wir googelten allerlei spektakuläres Grünzeug, aber unsere Illusionen wurden zumeist durch die Bemerkung „nicht winterhart“ zerstört. Wir waren derartig frustriert, dass Dea, meine Partnerin, kurzfristig sogar einen Umzug in den tropischen Regenwald vorschlug. Für einen Menschen, der aus einem Land kommt, in welchem ein Teil seiner Mitbürger das Abendessen noch mit dem Blasrohr von den Bäumen schießt, ist die hiesige Flora einfach zu sehr überschaubar. Zunehmend hektisch wurde es, als wir uns eingestehen mussten, dass gegenüber den 180.000 Monet‘schen Pflanzen gerade mal 180 fusselige Stauden, Sträuchlein und Bodendecker in unserem Kleinstparadies Platz finden würden. Am Ende jedoch war unser Garten prächtig voll und mein Konto mächtig leer. Dann holte uns die Kleingärtner-Realität ein. Unsere Koi Karpfen Armada mähte die frisch eingesetzten Seerosen nieder und ein Regiment spanischer Nacktschnecken die unschuldigen Clematis, Chrysanthemen und Mädchenaugen. Wir mussten einen abendlichen Schneckensammeldienst und ein Düngemittel- und Biowaffenarsenal gegen Läuse und Unkraut in der Garage einrichten. Zudem blicken wir nervös in die Wetter-App: Wird es bald wieder wärmer? Zertrümmert uns der Starkregen die Rosenblüten? Oder wird es zu trocken und die mühsam eingesetzten Pflänzchen verschmoren in der Sommerhitze? Ob ich meinen Garten besser asphaltiert hätte? Seltsamerweise nein. Ich habe eine Beziehung zu meinem tiefblauen Rittersporn oder dem gelbblühenden Johannis- und Fünffingerkraut entwickelt und kann das kommende Frühjahr mit seinen rot- und weißblühenden Kräutern und Bodendeckern kaum abwarten. Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder hat einmal gesagt: „Gartenarbeit – das ist ein ununterbrochener Kampf gegen die Natur, die dem Menschen ihren Willen aufzuzwingen versucht. Jeder, der einen Garten pflegt, verdient eigentlich eine Tapferkeitsmedaille.“ Was Leidenschaft und Konsequenz angeht, wäre es jedenfalls meine erste.

Ihr Wolfgang Jachtmann