Der große Wurf - Oder: Warum die Kurve manchmal besser ans Ziel führt Wer im Bowling erfolgreich sein will, muss die richtige Wurftechnik entwickeln. Wenn der Ball die Hand verlässt, sollte er mit so viel Rotation versehen sein, dass er auf dem letzten Bahndrittel kurvenartig in die Gasse der vorderen Pins stößt. Olaf Stiller beherrscht diesen Stil aus dem Effeff. Kein Wunder, möchte man meinen, ist Stiller doch Eigentümer der Bowlingarena in Moers. Wirft man einen Blick in seine Vita, erscheint die Aneignung der Bowlingtechnik seine kleinste Leistung zu sein. Sein Lebensweg gleicht dennoch einem Bowlingwurf: Er ist eine Kurve; stets mit dem richtigen Spin an wichtiger Stelle.

Stiller ist nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen. Schon in Jugendjahren musste er einen metaphorischen Sieben-Zehner-Split bewältigen. Viele würden hier die sichere Variante wählen und nur einen Pin abräumen. Nicht so Stiller. Der Gründer der IDS Verwaltungsgesellschaft ist schon immer aufs Ganze gegangen; mit Mut und Risikobereitschaft. Eigenschaften, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben ziehen.

Im Kamphof auf der Heyenbaumstraße hat sich Stiller ein Kleinod für seine Familie und sein Unternehmen geschaffen. Mit viel Mühe und Leidenschaft hat der Vater dreier Kinder das unter Denkmalschutz stehende Ensemble aus Schweinestall und Scheune zu einer repräsentativen Firmenzentrale samt Wohnhaus umgebaut. Manchmal, das gibt er schmunzelnd zu, müsse er sich selbst einmal kneifen, um zu begreifen, wie das alles so klappen konnte. „Eigentlich bin ich ein Gas-Wasser-Installateur aus dem Osten“, sagt er und lacht. Stiller straft mit seiner Biographie all diejenigen Lügen, die frustriert auf dem Sofa sitzen und einen schlechten Start ins Leben und ungünstige äußere Einflüsse für ihre Situation verantwortlich machen. Als Stiller seinerzeit, 1989, aus Ost-Berlin floh, hatte er nichts. Jetzt ist er ein erfolgreicher Unternehmer mit 25 Angestellten und – nicht zu vergessen – Eigentümer eines Bowlingcenters.

„Ich komme aus einer sportverrückten Familie“, beginnt Stiller zu erzählen. „Mein Vater war Sportlehrer und begeisterter Tennisspieler, meine Mutter war Lehrerin. Schon als kleiner Junge machte ich Wasserspringen. Lernte dort Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen und eine gewisse Frustrationstoleranz.“ Rückblickend bezeichnet der Mann mit dem Gardemaß und den breiten Schultern dieses Kapitel als Charakterschule, obwohl er diesem Sport nach einigen Jahren den Rücken kehrt und den Tennissport für sich entdeckt. „Tennis ist bis heute meine große Leidenschaft. In der DDR war ich bei den Junioren sogar einmal die Nummer eins“, berichtet er. Wenn Stiller über das Leben im damals sozialistischen Teil Deutschlands spricht, stimmt er kein Klagelied an. Eigentlich, so sagt er, sei es der Familie immer gut gegangen. Stiller selbst lernte ein Handwerk und verdingte sich als Dressman für Modenschauen, die sein Vater selbst koordinierte. „Damals habe ich für Ostverhältnisse schon sehr viel Geld verdient“, erinnert er sich. Trotzdem bleibt das Bewusstsein, begrenzt zu sein. „Wo ist meine Perspektive?“, fragt er sich und fasst mit Anfang zwanzig den Entschluss zur Flucht; nicht ahnend, dass seine Eltern dasselbe planten. Während seine Eltern nach einem Westbesuch nicht wiederkommen, flieht Stiller in jenen Tagen über Ungarn nach Österreich. Von dort aus nach Bayern in ein Auffanglager, um letztlich nach Westberlin zu gelangen.

„Mir wurde damals die Verwaltung von Immobilien in Plauen und Dresden angeboten. Sie waren der Grundstein meiner Selbstständigkeit.“

„Nach Krefeld  bin ich anschließend über alte Tennisverbindungen gekommen. Zu DDR-Zeiten pflegte unser Tennisverein in Berlin gute Kontakte zum Tennisverein aus Traar. Zwei engagierte Traarer Tennisspieler holten zuerst meine Eltern hierhin, danach bin ich gefolgt“, erklärt Stiller die Mixtur aus schicksalhafter Fügung und Zufall, die ihm später einige weitere Türen öffnen sollte. „Viele spätere Kontakte sind über den Sport entstanden.“ Es sprach sich eben schnell in der Seidenstadt herum, dass eine tennisverrückte Familie aus Ost-Berlin da war, und so dauerte es nicht lange, bis die ersten Angebote bei Stiller eingingen. „Ich habe mich damals für TC Schiefbahn entschieden. Dort traf ich auf Paul Berben, der mir einen Job bei Thyssen besorgte. Es war keine schöne Arbeit, aber es war Arbeit“, erzählt Stiller rückblickend. Tennis als Knotenpunkt für berufliche Weiterentwicklungen sollte auch in den kommenden Jahren eine große Rolle spielen. So erhält Stiller von einem Vereinsmitglied das Angebot für eine Ausbildung in einem Ingenieurbetrieb für Haustechnik, die er beginnt, aber nicht abschließt, ehe er die von seinem Vater aufgebaute Tennisschule in St. Hubert übernimmt und erfolgreich für fast vier Jahre führt. Es ist ein damaliger Tennisschüler mit einer Immobilengesellschaft, der ihm seinerzeit, den Eintritt in das Leben ermöglicht, das ihn heute so glücklich macht. 1994 gibt er den gutbezahlten Job als Tenniscoach auf und begibt sich selbst mit 27 Jahren wieder in den Azubistatus; zwei Jahre braucht er zum Kaufmann der Gründstücks- und Wohnungswirtschaft. „Edelazubi“ nennen ihn seine Kollegen in dieser Phase, weil er einen 7er BMW fährt und auch sonst finanziell gut ausgestattet ist. Leisten konnte er sich das alles nur deswegen, weil er den Mut besaß, das damals zum Verkauf stehende „Old Inn“ zu pachten und für mehrere Jahre zu führen. „Das war eine richtig anstrengende, aber auch tolle Zeit“, sagt Stiller mit leuchtenden Augen.

Der große Wurf - Oder: Warum die Kurve manchmal besser ans Ziel führt

Es vergehen einige Jahre, ehe Stiller zum großen Wurf seines Lebens ausholt und sich selbstständig macht. „Mir wurde damals die Verwaltung von Immobilien in Plauen und Dresden angeboten. Sie waren der Grundstein meiner Selbstständigkeit“, erklärt der Mann, der sein Unternehmen heute an Standorten wie München, Erlangen, Halle, Leipzig, und natürlich Krefeld führt. Ein mutiger Entschluss zum richtigen Zeitpunkt. Und er zahlt sich aus: Zu seinem Kerngeschäft zählt inzwischen die Immobilienverwaltung genauso wie die Zwangsverwaltung, bei der Immobilien im Auftrag von Gerichten treuhänderisch in die Obhut des Zwangsverwalters gelegt werden. „So bin ich damals auch an das Bowlingcenter gekommen“, erklärt er den Gang der Dinge, „erst habe ich es als Zwangsverwalter geführt, später konnte ich es bei der Zwangsversteigerung erstehen.“ Unter seiner Führung ist das Bowlingcenter zu einem vielfrequentierten Anlaufpunkt für ambitionierte Bowler und ein Treffpunkt netter Menschen vom Niederrhein geworden. Diese Facette ist nur eine Randgeschichte in Stillers Biographie, aber sie zeigt beispielhaft, worauf es im Leben ankommt: Den Mut und die Risikobereitschaft zu besitzen, eine Entscheidung zu treffen. Wer beim nächsten Bowlingabend mit seiner Wurftechnik hadert, sollte sich daran erinnern und etwas verändern – auch wenn am Ende ein Sieben-Zehner-Split stehen bleibt.

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