Über das Anglogermanische Virus

 Es ist Samstagmorgen und ich stehe an der Fleischtheke meines Supermarkts inmitten einer Prozession von Aufschnittbedürftigen. Während wir an den Rinder- und Schweinereliquien vorbei pilgern spricht mich eine gereizt wirkende ältere Dame an: „Dat is ja hier ein Stop and Jo wie inne Rush Hour auffe Autobahn und da sollse cool bei bleiben.“ Mein lieber Scholli – gleich drei neudeutsche Begriffe in einem Satz aus dem Mund einer Endsiebzigerin, das haut mich aus den Socken. Ich lasse mich zu einem: „Sie können aber jut Englisch“ hinreißen, worauf sie verschmitzt lächelnd antwortet: „Kann ich jar nich, aber ich guck ja Fernsehen und außerdem hab‘ ich Kids und Enkelkids und von denen hab‘ ich dat.“ Ihr fantasievolles Enkelkids entlockt mir ein anerkennendes Grinsen, aber es macht mir auch die anglophile Herabwürdigung unserer Muttersprache zur Stiefmuttersprache bewusst.

„Und wenn wir genug gebiked, gejogged oder geworked out haben, bahren wir unsere Bodies zum Chillen auf dem Stressless-Sofa auf.“

So wie es aussieht, werden selbst schon gutmeinende Rentner in den Sog einer Entwicklung gezogen, an deren Ende wir nicht mehr in Deutschland, sondern in Germanysnexttopmodelland leben werden. Sicher, das anglogermanische Virus hat auch mich befallen, aber irgendwo hört es auf und ich finde, es klingt einfach albern, wenn ein seriös gekleideter Nachrichtensprecher neuerdings seine Sendung mit dem Satz: „Hier ist N-24 mit den News“ beginnt. Würde im Gegenzug ein New Yorker Redakteur seine Neuigkeiten mit der Floskel: „This is ABC with the Nachrichten“ einleiten, er würde wohl umgehend in den East River geworfen werden. Man kann sich die Globalisierung herbeiwünschen, aber ich finde es blamabel, wenn Amerikanern und Engländern vor Lachen über unsere unterwürfigen denglischen Wortkreationen und falsch verstandenen Begrifflichkeiten die Mundwinkel am Ohrenschmalz kleben bleiben. Lehrer benutzen Beamer, in Amerika eine Bezeichnung für einen BMW und nicht etwa für einen Projektor, Sozialarbeiter sehen sich selbst als Streetworker, also genau genommen als Prostituierte und den größten Spaß haben wir beim Public Viewing, eine Formulierung, bei der ein Amerikaner in erster Linie an die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen denkt. Wir sehen uns Casting Shows an, die im englischsprachigen Raum eigentlich Talent Shows heißen und die nur in Deutschland von Showmastern moderiert werden, eine pseudoenglische Berufsbezeichnung, die in den Siebzigern von Rudi Carrell erfunden wurde. Und wenn wir genug gebiked, gejogged oder geworked out haben, bahren wir unsere Bodies zum Chillen auf dem Stressless-Sofa auf. Ja geht’s noch Leute? Nun gut.

Anglizismen sind dort berechtigt, wo sie eine Sprachlücke schließen, wie zum Beispiel die Wörter Jeans, Fair oder Trend oder seit langem im deutschen Sprachraum verwendet werden, wie im Falle von Team, Design oder Lift. Überflüssig scheinen sie mir aber dort zu sein, wo sie ein gebräuchliches deutsches Wort aus Gründen falsch verstandener Weltoffenheit verdrängen. Einem Amerikaner ist es völlig schnuppe, ob wir mitten in einem deutschen Satz irgendwas von Wellness, Sale, Event oder Statement faseln, den Zusammenhang versteht er sowieso nicht. Ich habe auch etwas gegen die mondäne Überheblichkeit derer, die ihre saublöden Argumentationen mit derlei Begriffen aufzuhübschen versuchen. Und es wird noch eine Ewigkeit dauern, bis wir die englischsprachige Welt davon überzeugt haben, dass Handy der englische Begriff für ein Mobiltelefon ist.

 

Ihr Wolfgang Jachtmann