Welcher Mann hat eine ähnliche Erfahrung nicht schon einmal gemacht? Auf einer Party, einem Ball oder in einem Club erzählst du voller Stolz deiner Ehefrau, deiner Freundin oder einer unbekannten Schönheit die Geschichte von deinem Zweikampf mit dem Yeti, deiner Mondlandung oder deiner Wahl zum Aufsichtsratsvorsitzenden. Sie wird sich wenig gerührt von dir abwenden, wenn gerade dein Freund Willi mit dem Bericht über sein goldenes Tanzsportabzeichen daherkommt oder Carlos, der  kubanische Casanova, in seinen Nueva Epoca Belgrano Tanzschuhen vorbeischwebt. Die tänzerische Leichtigkeit des lasziven Latinos macht bei den Damen Eindruck und bei dir Blutdruck, denn du spürst, dass weder deine mitteleuropäische Manneskraft, noch der Besitz eines Staubsaugerroboters und eines Aufsitzrasenmähers ausreichen, um sie von der schlanken Nonchalance des karibischen Caballeros abzulenken. In solchen Augenblicken wird dir schmerzlich bewusst, dass es vielen Frauen eben nicht genügt, dass du sie ab und zu wie Pinoccio im Atemlos-Mit-muss-Rhythmus mit seinen minimalinvasiven Belastungen für deine Sperrholzgelenke über das Parkett treibst, und du verfluchst den Moment, an dem du damals wegen der pickeligen Birgit aus dem Tanzkurs ausgestiegen bist. Aber das Leben hält für jeden eine zweite Chance bereit, und meine kommt genau jetzt. Sabine liebt Salsa Cubana und ich Mojito und gute Havannas. Beste Voraussetzungen also für einen Tanzkurs. Bereits nach wenigen Schritten erweckt unser Auftritt wohl den Eindruck „Tollwut meets Anmut“, und Tanzlehrerin Juanita schreitet ein. „Wolfgang, die Herren sollen führen, nicht demolieren!“ Dieser Spruch macht mich stutzig und ich denke bei mir, dass mir das mal einer erklären soll. Uneingeschränkter Führungsanspruch für Männer – und das im Jahrhundert der Frau? Ich will gerade loströten, ob es hier nicht auch eine Frauenquote oder zumindest eine Gleichstellungsbeauftragte gibt, da kommt das Kommando: „Partnerwechsel!“ Vor mir steht nun Carla, gut und gerne einen halben Kopf größer als ich, Eins-Nuller-Abiturientin und selbstständige Strafverteidigerin. Diese Frau führen…wer jetzt…etwa ich? Sie knurrt mir zwar entgegen, dass ich genau das zu tun habe, aber ihre Gangart spricht eine andere Sprache: „Jetzt geht’s hier ab durch die Wand!“ Sie scheint mir einer der Gründe dafür zu sein, dass Männer trotz verbesserter Lebensbedingungen immer noch eine kürzere Lebenserwartung als Frauen haben, und ich konstatiere: „Wer geführt werden will, der sollte sich auch führen lassen!“ Der Fluchtreflex in mir schreit gerade: “Rumpelstilzchen go home!“, da lande ich zum Glück wieder in den weichen Armen meiner Sabine. Hüftschwung- und Schulterrollen-Üben ist jetzt angesagt, und das sind scheinbar affektierte Bewegungsmuster, über die wir uns als Jugendliche und echte Kerle lustig gemacht haben. Das wirkt nach und scheint zumindest in meinem Fall der Grund für eine Rotationsblockade meiner großen Gelenke zu sein. In meinem Kopf bin ich eben immer noch dem preußischen „Sitz, steh‘ und geh‘ gerade!“ und nicht dem „un, dos, tres!“ verhaftet. Es kostet Überwindung, aber ich beginne zu spüren: Wenn ich hier und anderswo vorankommen will, dann sollte ich zu allen Seiten hin beweglich sein, denn das bedeutet wahre Eleganz.

 

Wolfgang Jachtmann

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