„Silberhochzeit ist out, Alublechhochzeit ist in.“ Über den Kaffeekapselhype.

Erfolgreiche Krimihelden zerlegen auf ihrer Verbrecherjagd halbe Großstädte, unbekannte Wasserleichen oder ihre privaten Beziehungen. Am besten gleich alles zusammen. Die richtig guten Cops bekommen zudem Stress mit dem Chef und, wenn ihnen mal wieder das Wasser bis zum Hals steht, von ihrem Partner einen Pott Kaffee in der Halbliterklasse gereicht. Ich glaube, ich hätte mich totgelacht, wenn ein Mel Gibson, ein Schimanski oder der letzte Bulle eine pinkfarbene Kaffeekapsel aus einem Designer Regälchen gefriemelt, mit verklärtem Blick einer kleinen Kaffeemaschine beim Tröpfeln zugeschaut und dann mit spitzen Fingern ein Dreiviertelschluck-Käffchen gekippt hätten. So jedenfalls meine Gedanken, als ich mich auf Rosis und Rolfs Silberhochzeit für eines der bunten Döschen entscheiden soll, die mir Rosi unter die Nase hält. Frei von jeder Ahnung zeige ich spontan auf ein blau schimmerndes Kaffee-Zäpfchen, und Rosi brüllt in Richtung Küche: „Rolfi, machst Du bitte noch einen Tchaqueline Grande Lungo!“ Wie jetzt? Rolf ist an seiner Silberhochzeit auch da? Mir dämmert, warum ich ihn überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Während wir fünfzehn Gäste uns munter unterhalten, muss Rolfi einen gehörigen Teil seines Ehrentages seinem personalisierten, App- und Bluetooth-gesteuerten Brühautomaten opfern, um uns einzeln und im fünf Minuten Takt mit individuellen Kaffee-Kreationen zu versorgen. Sein Rückruf klingt äußerst besorgt: „Tchaqueline Grande Lungo ist gleich alle. Ich hätte noch Fisematenti Totale Lungo oder Primitivo Finito Lungo.“ Rolf tut mir leid, und ich will gerade vorschlagen, ihm zuliebe die Lungo-Runde in die Küche zu verlegen, als er auf dem Weg zur Mülltonne mit einer großen Tüte voller Kaffeekapselkadavern durch das Wohnzimmer stolpert. Bei seinem Anblick konstatiere ich bösartig: „Silberhochzeit ist out, Alublechhochzeit ist in.“

Unweigerlich muss ich an meine Oma denken. Sie wäre sich wohl wie die Prinzessin auf der Erbse vorgekommen, hätte sie nach dem Krieg versucht, statt der üblichen fünf Pfund Kaffee fünfhundert schreiend bunter Aludöschen unter ihren Röcken aus Holland heraus zu schmuggeln. Und ich bin mir sicher, „Die zwei Brüder von Venlo“ wären von ihr gesteinigt worden, hätten sie versucht, ihr einen Kaffeekapsel-Pfund-Preis zwischen 17 und 37 Euro abzuknöpfen. Aber das Bedürfnis nach exklusivem Genuss macht wohl schmerzfrei, und deshalb nehmen viele von uns es neben dem Preis auch hin, dass ihre digitale Kaffeezicke inmitten der Hektik zwischen Morgentoilette und Stullenschmieren erst einmal eine halbstündige Entkalkung anordnet, bevor sie den ersehnten „Dolce Vita Extremo Lungo“ rausrückt. Wahres Leben ist eben nur noch mit einer Ristretto Pfütze im Fingerhut möglich, und unsere Freundesliste bekommt durch ihre Einteilung in die türkis-, flieder- oder sonstwiefarbene Kaffeekapselgruppe endlich Struktur. Es mag ja das koffeinierte Ganzkörpergeschmackserlebnis sein, ich für meinen Teil hätte lieber mit einer Kanne von Omas Filterkaffee, dafür aber mit Rolfi zusammen, gefeiert. Im Übrigen machen mich Berge von Alukapselschrott nervös, und ich kann nur hoffen, dass der Gott der Wiederverwertung ein Einsehen hat und es irgendwann einmal heißt: „Düsenjets aus Kaffeepads.“

 

Ihr Wolfgang Jachtmann