Mit kleinen Schritten und großen Sprüngen zu einer lebenswerten Innenstadt

Was macht eine Innenstadt attraktiv und lebenswert?
Antworten auf diese Frage können vielfältig sein: Parks und Grünflächen, kulturelle Angebote aller Art, eine florierende Geschäftslandschaft, attraktiver und bezahlbarer Wohnraum, eine gute Infrastruktur – die Liste der Anforderungen an eine lebenswerte Innenstadt ist lang und dementsprechend anspruchsvoll gestaltet sich ihre Erfüllung. Ebenso lang ist die Liste der Umstände, die als negativ empfunden werden: Brachflächen, Leerstand, zu teurer oder minderwertiger Wohnraum, Verkehrsprobleme und dergleichen mehr lassen eine Innenstadt unattraktiv erscheinen und setzen eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang, die es zu bremsen gilt. Ein politisches Programm, das genau dies versucht, ist der sogenannte Stadtumbau West. Ein Erfolgsmodell für Krefeld?

Zu den zahlreichen Projekten zählte die Sanierung des Stadtgartens inklusive des Musikpavillons

Die Ausgangslage ist in Krefeld nicht anders, als in vielen anderen deutschen Städten:
Der demografische und wirtschaftsstrukturelle Wandel führt zu Stagnation, Nachfragerückgang, Schrumpfung, Funktionsverlusten und Leerstand. Begegnet werden soll diesem Negativtrend mit einem klassischem stadtplanerischen Rezept: Wenn Stadt, Land oder Bund in den öffentlichen Raum investieren und eine positive Veränderung anstoßen, dann folgen auch die Bürger und privaten Investoren – der Abwärtstrend verkehrt sich in einen Aufwärtstrend und die Innenstadt blüht auf. Doch kann das wirklich funktionieren? Lässt sich die Attraktivität einer Innenstadt in ihren vielfältigen Facetten „von oben“ anstoßen? Um dieser Frage nachzuspüren, empfiehlt sich ein Blick auf die bereits umgesetzten Maßnahmen im Rahmen des Programms Stadtumbau West, einem Förderprogramm des Bundes zur nachhaltigen städtebaulichen Entwicklung westdeutscher Kommunen.„2008 gab Krefeld bei einem externen Büro die Erstellung eines städtebaulichen Entwicklungskonzepts in Auftrag, mit dem Ziel, Verbesserungspotenziale und daraus abgeleitete konkrete Maßnahmen zu identifizieren, die eine nachhaltige und positive Entwicklung der innerstädtischen Quartiere anstoßen können“, erläutert Norbert Hudde, Leiter des Fachbereichs Stadtplanung und fährt fort:
„Ein auf diesen wissenschaftlich fundierten Analysen und Bürgerbefragungen fußendes städtebauliches Rahmenkonzept identifizierte letztlich ein benötigtes Gesamtfördervolumen von 45 bis 50 Millionen Euro für Krefeld – eine für den Fördergeber zu hohe Summe für eine einzelne Kommune.“ Es folgten Überarbeitungen und schließlich ein abschließendes Handlungskonzept, das für Krefeld benötigte Fördergelder in Höhe von rund 17 Millionen Euro identifizierte und 2010 positiv beschieden wurde. „Die Maßnahmen im ursprünglichen Handlungskonzept sollten bereits 2018 umgesetzt sein, was aufgrund des zwischenzeitlich herrschenden Nothaushalts und dadurch fehlenden Eigenmitteln der Stadt nicht umsetzbar war. Im Juni 2017 folgte daher eine Überarbeitung des Maßnahmen- und Finanzierungsplans“, erläutert Birgit Causin, die als Quartiersmanagerin federführend an eben dieser Fortschreibung mitwirkte.

„DIE GESTALTUNGS- UND AUFENTHALTSQUALITÄT IM ÖFFENTLICHEN RAUM SOLL GESTEIGERT,
DIE INNENSTADT ALS ZUKUNFTSORIENTIERTER
WOHNSTANDORT GESTÄRKT UND HANDEL UND
GEWERBE ANGEREGT WERDEN.”
-DR. CHRISTIANE GABBERT

 

Doch was wurde in den bisherigen sieben Jahren konkret umgesetzt?
Die aktuelle Fortschreibung gibt Auskunft darüber, was geschafft wurde und was nun bis 2023 noch umgesetzt werden soll.Die Liste der bereits abgeschlossenen und noch anstehenden Projekte ist lang und vielfältig:
Von der einheitlichen Gestaltung von Blumenkübeln über die Sanierung von innerstädtischen Spielplätzen bis hin zur Umnutzung ganzer Gebäudekomplexe fließen die Fördergelder seit 2010 in unterschiedlichste Töpfe. „Kleine Schritte und große Projekte sind gleichermaßen interessant und wertvoll“, erläutert Dr. Christiane Gabbert, City-Innenstadtmanagerin und ergänzt: „Alle Maßnahmen eint die gleiche Zielsetzung: Die Gestaltungs- und Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum soll gesteigert, die Innenstadt als zukunftsorientierter Wohnstandort gestärkt und Handel und Gewerbe angeregt werden.
“ Wer die lokale Presse verfolgt, oder einfach mit offenen Augen durch die Innenstadt läuft, wird einige der erfolgreich abgeschlossenen Projekte bereits kennen. „Vorzeigeprojekte gibt es viele, zum Beispiel die Umgestaltung des Blumenplatzes einschließlich eines neuausgerichteten Spielplatzes oder die wunderbar mit Landschaftsarchitekten und Bürgerbefragungen entwickelte Sanierung des Stadtgartens“, freut sich Quartiersmanagerin Causin und nennt weitere öffentlich als Erfolg rezipierte Maßnahmen:
„Zur Aufwertung des Blumenviertels als lebenswertes Wohnquartier wurden bereits 2010 Pflanzbeete angelegt und Bäume verpflanzt, die heute eine deutliche optische Verbesserung des Viertels bewirken.
Das wohl herausragendste aller Projekte ist die Umnutzung des Innenbereichs der alten Samtweberei.
Die dortige Shedhalle steht den Bewohnern der „Alten Samtweberei“ und den Bürgern der Südstadt fortan als Begegnungs- und Freizeitstätte zur Verfügung.“

 

Doch nicht nur von der Stadt direkt umgesetzte Bau- und Gestaltungsprojekte erzielten bereits spürbare Erfolge.
Sondern auch Maßnahmen, die konkret bürgerschaftliches Engagement und private Investitionen anregen und unterstützen sollen, wurden bereits gut angenommen. Denn sowohl die städtischen Initialprojekte mit ihrer Strahlkraft, als auch direkte finanzielle und beraterische Hilfeleistungen sollen privaten Invest in der Innenstadt aktivieren. „Als greifbares Beispiel ist hier das Hof- und Fassadenprogramm zu nennen. Private Immobilien prägen mit ihren zum Teil historischen Fassaden und Innenhöfen aus der Gründerzeit entscheidend das Stadtbild.
Als Anreiz für private Aufwertungs- und Sanierungsmaßnahmen können im Stadtumbaugebiet Fördergelder vergeben werden, sofern die Maßnahmen den erarbeiteten Gestaltungsrichtlinien entsprechen. Bisher wurden so bereits 87 Fassaden saniert“, freut sich Stadtplaner Hudde.
Karl Kronenberg, Eigentümer von zwei gründerzeitlichen Immobilien mit renovierungsbedürftigen Fassaden nahm das Programm dankend an. „Der Ablauf mit der Stadt war reibungslos und nach Absprache der Gestaltung wurde der Stuck erneuert, schadhafte Elemente restauriert und die Fassade neu gestrichen. Dabei wurden 25 Prozent der Kosten aus Fördermitteln des Stadtumbau West-Programms zugeschossen. 2016 sanierte ich dann nach Beendigung des Nothaushaltes und nach der Neuauflage des Programms noch eine weitere Fassade am Westwall. Eine Immobilie schaffte es nach der Sanierung sogar in die Broschüre ‚Das Krefelder Haus‘ des Stadtmarketings“, schwärmt der Eigentümer. Ebenfalls auf private Investitionen abzielend sind die Beratungsangebote im Stadtumbaubüro an der Friedrichstraße.
„Eigentümer können sich hier einmal in der Woche beraten lassen. Dabei geht es nicht nur um das Hof- und Fassadenprogramm, sondern um eine unverbindliche Erstberatung bezüglich aller Gestaltungs- und Fördermöglichkeiten von Immobilien“, erläutert Birgit Causin das offene Beratungsangebot, wofür eigens zwei Architekten beauftragt wurden. Eher an Geschäftsleute richtet sich hingegen ein Verfügungsfonds, der innerstädtischen Interessengemeinschaften aus Gewerbetreibenden, Eigentümern und engagierten Bürgern zur Verfügung steht, die die Attraktivität der Innenstadt erhöhen wollen. „Handel und Eigentümer haben die Möglichkeit, Gelder zu bekommen, um die Geschäftslagen zu profilieren. Wir haben so seit 2014 eine viertel Millionen Euro umgesetzt, um zum Beispiel Fassaden anzustrahlen, Verweilinseln in der Innenstadt zu installieren, das Glockenspiel instandzusetzen oder Schaufenster zu gestalten“, erklärt City-Innenstadtmanagerin Dr. Gabbert. Norbert Hudde ergänzt: „Es gibt vielfältige Förderungsmöglichkeiten für private Investitionen. Engagierte Bürger sind herzlich eingeladen, mit ihren Ideen auf uns zuzukommen. Gemeinsam entwickeln wir sie bei Eignung dann weiter, um sie möglichst in die Tat umzusetzen.“

Stadtumbau West “EINE STADT KANN NIEMALS FERTIG SEIN. WIR WERDEN IMMER WIEDER IN DIE STADTGESTALTUNG EINSTEIGEN MÜSSEN, NACHARBEITEN, WEITERARBEITEN UND NEUE KONZEPTE ENTWICKELN. AUCH NACH DEM STADTUMBAU WESTWIRD ES WEITEREN BEDARF DAFÜR GEBEN.”

 

Bei allen erfolgreichen Projekten gibt es jedoch auch Maßnahmen, die weniger gut verliefen, nicht fertig gestellt werden konnten oder in der Öffentlichkeit eher negativ rezipiert wurden.„Obwohl wir uns bemühen, stets die Bürger so gut es geht mit in Entscheidungsprozesse einzubinden, knirscht es manchmal“, gibt Norbert Hudde zu. „Die Diskussion um den Verkehrsfluss am Karlsplatz war ein solcher Fall. Und auch der Gestaltungswettbewerb für den Dionysiusplatz verlief nicht zur Zufriedenheit aller Bürger. Wir bemühen uns stets um größtmögliche Transparenz. Der Bürger selbst ist letztlich aber nicht der Entscheider, sondern die politischen Gremien. Da gibt es manchmal auch strategische Entscheidungen, die nicht jedem schmecken.“ Auch gibt es fraglos noch viele offensichtliche Baustellen und Fragezeichen in der Krefelder Innenstadt. Sei es das Seidenweberhaus oder das ehemalige Stadtbad: Viele stadtbildprägende Gebäude befinden sich schon lange ohne Ergebnis in Diskussionsprozessen.

 

 

 

Ist der Stadtumbau West in Krefeld also ein Erfolgsprojekt oder nur der sinnbildliche Tropfen auf den heißen Stein?
Glaubt man den Stadtplanern, so ist es bisher ein voller Erfolg. „Wir sind auf einem guten Weg. Wir werden auch nach Abschluss der Fortschreibung im Jahr 2023 immer noch Probleme haben, aber auch deutliche Effekte sehen. Auch heute steht es um Krefeld nicht so schlecht, wie man oft denkt, insbesondere im Vergleich zu anderen Kommunen in NRW mit deutlich schwerwiegenderen Problemlagen“, stellt Norbert Hudde in Aussicht. „Ich hoffe, dass sich bis 2023 noch mehr verändert hat und dass möglichst viele Innenstadtakteure erkennen, dass man auf Projekte wie den Stadtumbau West setzen kann und zum Beispiel weitere Interessengemeinschaften gründen, um mit ihnen in die Förderprogramme einsteigen“, ergänzt Dr.  Gabbert während Quartiersmanagerin Causin zu bedenken gibt: „Eine Stadt kann niemals fertig sein. Wir werden immer wieder in die Stadtgestaltung einsteigen müssen, nacharbeiten, weiterarbeiten und neue Konzepte entwickeln. Auch nach dem Stadtumbau West wird es weiteren Bedarf dafür geben.“

 

Fest steht, dass sich in Krefeld derzeit viel bewegt.
Seien es die kleinen und großen Maßnahmen der Stadt oder private Investitionen – in jedem Fall kann derzeit nicht von Stillstand die Rede sein. Inwieweit die vielen privaten Bauprojekte in der Innenstadt tatsächlich von den Initialprojekten der Stadt inspiriert wurden, lässt sich letztlich wohl nicht mit Gewissheit sagen. Verhindert wurden sie von ihnen aber sicher nicht.