„Teenager lassen es gerne mal krachen“

Im Banne des Verkehrsübungsplatzes

Es ist ein sonniger Samstagmorgen und ich stehe mit meinem PKW und meinem jüngsten Sohn dort, wo du als engagierter Vater unbedingt hinwillst – aber eigentlich auch nicht. Dieser Ort heißt Verkehrsübungsplatz und ist eine Offenbarung für lausige Katholiken wie mich, denn hier lernst du im Hand- und Zündschlüsselumdrehen wieder das Beten. Meine Lebensgefährtin wusste, dass ich mich in diesem ADAC Boot Camp für Fahrzeugtechnik und Nervenkostüme der dunklen Macht eines pubertären Steuermanns auf Jungfernfahrt anvertrauen muss und hat deshalb für uns beide vorsorglich eine Kerze angezündet. Ich selbst habe auf dem Weg hierher sicherheitshalber mit einer Friedensbotschaft vom „Urbi et Orbi“-Kaliber an unser gegenseitiges Vertrauen und Verständnis appelliert. Die werden auch gebraucht, denn wenn sich Vater und Sohn schon bei den ersten Anfahrversuchen die Poren durchschwitzen, kondensiert pures Adrenalin an der Windschutzscheibe und den Innenwänden ihrer Herzkranzgefäße. Teenager lassen es halt gerne mal krachen, und das betrifft sowohl die Beziehung zu ihren Eltern als auch die Beziehung zum Getriebe der Familienkutsche. Aber schon nach wenigen markerschütternden Rumplern der Erdbebenstufe 6 auf der nach oben offenen Richterskala ist die Beziehung zwischen meinem Sohn und der Gangschaltung geklärt, und so biegen wir in die große Elefantenrunde ein, während sich in der Boxengasse noch zwei Kleiderschränke von Vater und Sohn gegenseitig aus dem Seitenfenster ihres SUV schupsen. Fahranfänger würgen nun einmal den Motor ab, und wenn es allzu oft passiert, dann trifft sie bei einem temperamentvollen Papa unter Umständen das gleiche Schicksal. Auf der nun folgenden Schleichfahrt wird mir die Herkunft einiger Begrifflichkeiten vor Augen geführt. Du bist „auf dem Holzweg“, wenn dein Sohn das Fahrzeug schnurgerade auf ein Birkenwäldchen zusteuert, und „Ablenkungsmanöver“ bedeutet, dass der Beifahrer einer dir entgegenschlingernden S-Klasse sein Statussymbol samt Steuerfrau durch einen beherzten Griff ins Lenkrad im Morast neben der Fahrbahn versenkt. Mein Sohn hat das Duell Mercedes versus Honda Jazz ohne sein Zutun für sich entschieden, und deshalb fährt er vor Begeisterung bei der nun folgenden Rückwärtseinparknummer auch gleich noch drei rot-weiße Pylonen über den Haufen. „Yippie Ya Yeah“, das ist die korrekte Einstellung. Angstfrei und ungebremst in die Kreuzung, auch wenn dir von links ein heranhoppelnder Mutter-Tochter-Kangoo fast die Vorfahrt nimmt. Im Übungskreisverkehr und der legendären Rübenacker-Südkurve gelingt ihm sogar fast ein Drift bei 12,5 km/h. Jedenfalls quietschen die Reifen wie ein Eichhörnchen mit Nasennebenhöhlenentzündung. Erst das Manöver „Anfahren am Berg“ wirft unseren
Ferrari-roten Zwergboliden und unsere Stimmung mehrere Male um Meter zurück, wodurch bei mir diverse Bandscheiben und die Einsicht herausspringen, dass ich vielleicht doch keinen zweiten Sebastian Vettel ausbilde. Egal. Die Stunde in der Anfängerhölle von Kaarst, die für manch einen der Höhepunkt der pubertären Eltern-Kind-Krise sein mag, hat uns beiden einen Riesenspaß gemacht. Da stört auch wenig meine spontane Schnappatmung bei der abschließenden Frage: „Papa, was machst Du nächstes Wochenende?“

Ihr Wolfgang Jachtmann

Kolumnist Wolfgang Jachtmann ist promovierter Mediziner, Komponist, Musiker, Liedtexter und seit Neuestem auch Autor. Er schreibt in der KR-ONE über alle Themen, die ihn bewegen.