Es ist kalt in Krefeld. Hatice Coruk hält mit ihrem „Twizy“ am Straßenrand. Gladbacher Straße 302. Hier ist der Startpunkt für ihr Einsatzgebiet – oder „Segment“, wie es korrekterweise heißt. Die 31-Jährige steckt in einer leuchtenden orange-weiß gestreiften Warnweste. Ihr Fahrzeug – ein zweisitziges Renault Elektro-Quad – ist ebenso auffällig lackiert und trägt dazu ein dickes Bündel Blinklichter auf dem Dach. Auf diese Weise sollte selbst der verschlafenste Autofahrer verstehen, dass er hier vorsichtig fahren muss. Die junge Frau übt schließlich wichtige Dienstpflichten aus.


Mit dem Twizy auf Müllpatrouille

Hatice Coruk sammelt alle Daten in ihrem PDA

Hatice Coruk ist Mitarbeiterin der GSAK, der Gesellschaft für Stadtreinigung und Abfallwirtschaft Krefeld. Allerdings leert sie keine Mülltonnen: Sie prüft, ob die Straßen der Samt- und Seidenstadt gut gereinigt worden sind, und dazu nutzt sie modernste Technik. Seit November 2014 bedient sich auch die GSAK einer speziell für die Qualitätssicherung in der Straßenreinigung konzipierten Software: INFA-DSQS heißt das Datenbanksystem, dass vom Institut für Abfall, Abwasser und Infrastrukturmanagement aus Ahlen entwickelt wurde und bereits in einigen deutschen Städten im Einsatz ist. Und das funktioniert so: Vor jedem Einsatz wählt die INFA-Datenbank per Zufall einige Straßenabschnitte – in der Fachsprache auch „Segmente“ genannt – aus. Der zuständige Mitarbeiter bekommt eine entsprechende Liste und eine Karte ausgedruckt. Parallel werden die Informationen auf einen digitalen Assistenten geladen. So kann der Qualitätsprüfer die vor Ort festgestellten Ergebnisse entsprechend der vorgegebenen Kategorien direkt erfassen.

Genauso passiert es auch an diesem nasskalten 11. Februar im Krefelder Süden. Morgens um acht Uhr hatte die GSAK-Mitarbeiterin sich ihre Tour aus dem Rechner gezogen. Jetzt empfängt sie uns charmant lächelnd am Rande ihres Stichprobensegments. „Zuerst muss ich feststellen, welche Art von ,Objekten’ es hier gibt“, erklärt sie uns, die zunächst nur „Bahnhof“ verstehen. „Als ,Objekte’ bezeichnen wir die unterschiedlichen Bereiche der zu prüfenden Straße, also hier zum Beispiel Bäume und die umgebenden Freiflächen, Papierkörbe, Parkbuchten, eine Busstation und die Gehwege. Für deren Zustand vergeben wir Schulnoten von Eins bis Sechs. Dem Papierkorb hier zum Beispiel gebe ich eine Eins. Er ist außen sauber, quillt nicht über, und es liegt nichts daneben.“ Ihr Urteil tippt Hatice Coruk mit einem kleinen Metallstift in ihr signalgelbes PDA und macht sich auf den Weg – tiefer hinein in ihr Segment.

„Damit wir ein aussagekräftiges Bild bekommen, besuchen wir jedes Segment mehrmals im Jahr. So sehen wir, wo eventuell ein höherer Reinigungsbedarfbedarf besteht und wir die Abläufe anpassen müssen.“

Bis jetzt haben wir Glück. Der Himmel ist zwar ziemlich bewölkt, aber noch fällt kein Regen. Hatices langes dunkles Haar steckt unter einer warmen Strickmütze. Um den Hals hat sie einen dicken Wollschal geschlungen. „Meine Kollegen nennen mich schon ‚Schneemann’, weil ich immer in Skihosen herumlaufe“, erklärt sie und lächelt verschmitzt. Wir können ihre Vermummung gut nachvollziehen. Schon nach ein paar Minuten merkt man, wie die Kälte in die Knochen kriecht. So tummelt sich die junge GSAK-Mitarbeiterin zurzeit fast täglich auf Krefelds Straßen. Um die 30 Straßenabschnitte besucht sie im Durchschnitt pro Arbeitstag und tippt hunderte Bewertungen in ihren PDA. Dabei geht es um wilde Müllablagerungen und einzelne Papierschnipsel, Kaugummis, Hundekot und Wildwuchs zwischen den Pflastersteinen. Die Gladbacher Straße ist heute durchschnittlich sauber: ein paar Schokoladenpapiere auf der Straße, ein paar Kippen und Vierbeiner-Hinterlassenschaften rund um die Bäume. Alles im üblichen Rahmen.

„Damit wir ein aussagekräftiges Bild bekommen, besuchen wir jedes Segment mehrmals im Jahr. So sehen wir, wo eventuell ein höherer Reinigungsbedarf besteht und wir die Abläufe anpassen müssen. Das Projekt ist auf Dauer angelegt. Andere Städte, wie zum Beispiel Duisburg, arbeiten schon seit Jahren erfolgreich mit INFA, mit denen tauschen wir regelmäßig Erfahrungen aus“, so Hatice Coruk. „Die ersten Tendenzen über die Sauberkeit in Stadtbezirken und Straßen lassen sich bereits nach einigen Wochen ablesen. Fundierte Aussagen als Basis für die Planung der Stadtreinigung liefert das System nach einem Jahr. Dann ziehen wir eine erste Bilanz und steuern auf eine Zertifizierung hin.“ Bis zum Ende des Pilotprojekts wird Hatice wohl weiter Krefelds Straßen entlanggehen und nach Müll Ausschau halten, aber das ist für sie kein Problem: „Meine Arbeit macht mir Spaß, und die GSAK ist ein guter Arbeitgeber“, freut sie sich. „Manchmal kommt es vor, dass mich jemand fragt, ob die GSAK jetzt auch schon Knöllchen verteilt. Das Gerät, mit dem ich arbeite, lässt die Leute an Politessen denken. Probleme gibt es aber keine. Und mit dem ,Twizy’ bin ich sehr beweglich, kann überall halten und in jede Lücke fahren.“


Mit dem Twizy auf Müllpatrouille

Für eine optimierte Planung und Organisation der Krefelder Straßenreinigung dürften die gewonnenen Einblicke sehr wertvoll sein. Falls die studierte Betriebswirtin sich nach Projektabschluss weiter für die GSAK engagieren sollte, wird sie das sicher nutzen können – und vielleicht auch aus ihrer Heimatstadt Duisburg nach Krefeld umziehen. Nach dem Studium war Hatice Coruk – von New York bis zur Türkei – viel in der Welt herumgekommen. Inzwischen fühlt sie sich in der Stadt am Niederrhein nicht nur aus beruflichen Gründen wohl. Wenn der Umzug dann tatsächlich anstehen sollte, hat sie bei der Wohnungswahl einen entscheidenden Vorteil: Sie weiß genau, welche Krefelder Straßen am saubersten sind.