Krefeld, das war für mich als kleiner Junge weniger ein Ort als ein Ordner, und auf dem stand groß und fett unterstrichen STADT. In diesem Ordner durfte ich all die „Stadt Krefeld“ Briefe abheften, bei deren Durchsicht meine Oma sich verhielt wie ein explodierender Wellensittich und mein Vater den Gesichtsausdruck eines weißen Hais auf Low Fat Diät bekam. Solch eine Erfahrung prägt und so erwische ich mich manchmal auch heute noch dabei, dass ich für typisch Uerdingen die Rheinbrücke, für typisch Linn die Burg und für typisch Krefeld die Stromrechnung halte. Für einen Hülser, der täglich mit dem Kettcar zum Hülser Bruch, aber nur zweimal im Jahr mit der Bahn zum Wienerwald fuhr, ist die Stadt nun mal bei all ihren schönen Seiten in erster Linie das klecksige KR-Logo für Krise, Kredit und Kritik. Und überhaupt-Hüls, das könnte das kleine gallische Dorf unter den Stadtteilen sein, denn Hüls hat Wildschweine, mit seinem Breetlook ein identitäts- und Eigensinn stiftendes Zaubermittel und mit dem Bottermaat ein Symbol der Hülser Eigenart, das sich selbst mit einer ganzen Legion von Fashionworld-Mannequins noch nie niedermodeln ließ. Und würden die Krefelder Stadtväter für die Berechtigung zum Einzug der Grund- und Gewerbesteuer einen Vaterschaftstest benötigen, so wären die Hülser sowieso aus dem Schneider. Man stammt vielleicht von einem gemeinsamen Affen ab, aber über die Jahrhunderte hinweg entwickelten viele Hülser das KK-Gen, mit dem sie sich einem Tönisberger Schützenkönig näher fühlen als einem Bockumer OB-Kandidaten. Das ist geografisch und sprachlich auch im Jahre 40 nach feindlicher Übernahme immer noch spürbar. Wer die Krefelder Innenstadt in Richtung Norden verlässt, wird nämlich feststellen, dass das Häuserband entlang der Hülser Straße immer dünner wird und irgendwann sogar abreißt. Was folgt, ist ein zweihundert Meter breiter Streifen Niemandsland, der Hüls und Inrath trennt wie der Rhein das wahre Köln von seiner ungeliebten Schäl Sick. Hier herrscht eine kräftige Brise, die dem städtischen Wind in die Quere kommt, weil sie von Kempen herüber zum Hülser Bruch weht. Sie sorgt für klare Luft und das immerwährende Bedürfnis der  Hülser nach einer klaren Aussage zu ihren Problemen. Mir scheint sie wie ein unsichtbarer Hinweis auf die in dieser Gegend verlaufende Uerdinger Linie, die die ick-Mundarten des norddeutschen Sprachraums von den ich-Mundarten des süddeutschen Sprachraums trennt. Man ist schneller in Venlo als in Fischeln und wer sich nicht auskennt und eine alte Hülserin schwadronieren hört, der könnte meinen, hier wird gerade eine Frikandel bestellt und nicht etwa über die städtische Friedhofsgebühr gemeckert. Wer sich auch immer als Stadtoberhaupt in den nächsten Jahren auf den Weg macht, die Herzen der Hülser zu erobern, der darf sich nicht wie die Straßenbahnlinie 44 verhalten, die ihre Fahrt weit vor der Hülser Ortsmitte in einer trotzigen Linkskurve beschließt, als wolle sie sagen: „Wer Krefeld nicht akzeptiert – marschiert!“ Und er sollte behutsam auftreten, damit seine Hoffnung  auf Anerkennung nicht auf dem vernachlässigten städtischen Kopfsteinpflaster am Hülser Markt ins Stolpern gerät.

 

Ihr Wolfgang Jachtmann