Der unglaubliche Lebensweg des ehemaligen Heimkindes Gefri Bethel

Für unsere Redaktion war es die Nachricht des Jahres: ein damals schwer traumatisierter Waisenjunge aus dem Kinderheim Kastanienhof tritt seine erste Stelle als staatlich anerkannter Erzieher Jahre später genau dort an, wo er 2004 nach einer kräftezehrenden Flucht vor Peinigern aus seinem Heimatdorf in Angola eine liebevolle Betreuung und Förderung erfahren und neuen Lebensmut gewonnen hat.

Der unglaubliche Lebensweg des ehemaligen Heimkindes Gefri Bethel

„Mir ist es wichtig, dass mich die Jugendlichen nicht als Erzieher ansehen, der alles besser weiß, sondern als ein Individuum, das auch bereit ist, von ihnen zu lernen.“

Fast drei Jahre nach unserer ersten Reportage über Gefri Bethel (KR-ONE/Februar 2015) treffen wir den zum jungen Mann gereiften 23-Jährigen wieder. Seine Augen leuchten wie damals, sein von einem dichten Bart umrahmter Mund lächelt noch breiter als damals, und sein Faible für ausgefallene Mode scheint noch ausgeprägter zu sein: Statt Basecap trägt Gefri nun einen breitkrempigen Filzhut und statt cooler Lederjacke ein derb-gewebtes Oberteil mit Applikationen von Totenköpfen, Sternen, Blitzen, Tigerköpfen, Rosen, Peace-Händen und Würfeln. Die Symbole wirken wie eine Metapher für sein bisheriges Leben. Ein Leben voller Liebe und Geborgenheit, aber auch mit Spuren von Gewalt, Tod und Verfolgung. Die Würfel mögen sein Glück symbolisieren, die Tigerköpfe seinen unbändigen Vorwärtstrieb und die Peace-Hände den Frieden, den Gefri mit sich und der Welt geschlossen hat.

„Manchmal denke ich noch an meine verstorbenen Eltern. Aber es ist besser geworden, weil ich Freunde habe, die zu meiner Familie geworden sind.“

Gefris traurige Vorgeschichte
Gefri wuchs als behütetes Einzelkind im südwestafrikanischen Cabinda auf. Sein Vater war führendes Mitglied einer Partei, dessen Mitglieder vom Regime politisch verfolgt wurden. Eines nachts drangen Unbekannte ins Haus ein und ermordeten die Eltern, was Gefri aber erst Monate später erfuhr. Er flüchtete durchs Fenster und kam bei einem Nachbarn unter, der ihn monatelang versteckte. „Ich durfte nicht mehr zur Schule gehen. Die Schergen waren auch hinter mir her“, erzählt Gefri. Später verließ der Nachbar mit ihm das Dorf und flog mit ihm über Brüssel nach Krefeld. „Dort sagte er mir, dass ich ab sofort alleine klarkommen müsse“, erinnert sich Gefri. Damals war er 14 Jahre alt. Die letzte Station seiner kräftezehrenden Flucht war das Kinderheim Kastanienhof. Hier lebte er fünf Jahre. Zunächst im Zimmer einer Wohngruppe, dann in einer Außenwohngruppe und später unter sozialpädagogischer Betreuung in einer Zweizimmerwohnung, die das Kinderheim für ihn angemietet hatte. Mittlerweile ist Gefri Bethel dort eigenverantwortlicher Mieter.

Der Weg in ein neues Leben
Enorme Integrationsfähigkeit, große Empathie und das Interesse an sozialem Engagement waren ihm ein guter Begleiter auf seinem Lebensweg. Und der Kastanienhof gab ihm Zuversicht und die Lust auf eine selbstbestimmte Zukunft. Nach seinem Hauptschulabschluss an der Theodor-Heuss-Schule in Fischeln und dem Fachabitur in der Fachrichtung Sozialwesen am Berufskolleg Vera Beckers stand für Gefri Bethel fest: „Ich möchte Erzieher werden. Ich habe bereits von klein auf erfahren, wie wichtig es ist, anderen Menschen zu helfen und für andere da zu sein, ganz egal, ob ich sie kenne oder nicht. Denn im Leben geht es ums Geben und Nehmen.“ Sein Anerkennungsjahr absolvierte der motivierte junge Mann im Kinderheim Marianum. Am 31. August dieses Jahres war er fertig und trat direkt am nächsten Tag seine erste Stelle im Kastanienhof an. Heimleiter Jens Lüdert erinnert sich gerne an den Tag, als Gefris langjähriger Bezugspädagoge vom Kastanienhof, Lucian Bartels, der heute stellvertretender Heimleiter ist, die Empfehlung aussprach, die freie Stelle mit Gefri zu besetzen: „Gefri und ich hatten davor längere Zeit keinen persönlichen Kontakt, weil er ja schon selbständig wohnte und unsere Unterstützung nicht mehr benötigte. Umso toller, dass wir mit ihm nun einen neuen Kollegen mit ganz besonderen Fähigkeiten haben. Gefri ist sehr verlässlich und reflektiert. Er ist einfühlsam und hat einen gesunden Humor. Und er ist vor allem eins: sehr lebensbejahend. Hinzukommt, dass er die Gefühle unserer Kinder und Jugendlichen versteht. Denn er ist einer von ihnen.“

Vom Kindheitstrauma zum Lebenstraum

„Jedes Kind hat eine Chance wie Gefri verdient“: Jens Lüdert, Heimleiter vom Kastanienhof

Immer ein offenes Ohr bei persönlichen Problemen
Seit mittlerweile drei Monaten betreut der Jungpädagoge gemeinsam mit seinen Kollegen Iris Neumann-Küppers und Joel Scholz zwei Jungen und vier Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren in der Außenwohngruppe an der Kaiserstraße. In dem gepflegten Altbau leben die Jugendlichen, die alle ein eigenes Zimmer mit Waschgelegenheit haben, in einer großen WG mit geräumiger Gemeinschaftsküche, schönem Esszimmer, gemütlichem Wohnzimmer und großem Garten. Besonderheit ist die Rundum-Betreuung durch die Erzieher. Sie übernachten während ihrer Schichten ebenfalls in dem Haus und sind somit rund um die Uhr ansprechbar. Gefris Aufgabe ist es, die Jugendlichen auf ein selbständiges Leben in einer eigenen Wohnung vorzubereiten. Deshalb nennt sich die Gruppe im Fachjargon auch „Verselbständigungsgruppe“. Da werden Einkaufszettel geschrieben, es wird gemeinsam eingekauft, gekocht, gewaschen, gebügelt und geputzt. Auch das Budget muss verwaltet werden. Gefri begleitet die jungen Leute außerdem zu Ämtern. Und: Er hat immer ein offenes Ohr für persönliche Probleme der ihm anvertrauten Jugendlichen, beispielsweise bei Schwierigkeiten in Schule und Ausbildung oder wenn die leiblichen Eltern den Kontakt abgebrochen haben – aber auch, wenn mal wieder ein Zickenkrieg unter den pubertierenden Mädchen entbrannt ist. „Dabei habe ich allerdings gelernt, dass ich eigentlich ganz locker bleiben kann, denn oft ist der Streit der Ladies schon nach ein paar Minuten wieder vergessen, und sie kommen freudestrahlend die Treppe herunter“, schmunzelt Gefri.

„Gefri ist sehr verlässlich und reflektiert. Er ist einfühlsam und hat einen gesunden Humor. Und er ist vor allem Eins: Sehr lebensbejahend. Hinzukommt, dass er die Gefühle unserer Kinder und Jugendlichen versteht. Denn er ist Einer von Ihnen.“ Jens Lüdert

Echte Gemeinschaft durch ein funktionierendes „Wir-Gefühl“
Sein pädagogisches Konzept beschreibt der hochmotivierte Erzieher so: „Ich lege sehr viel Wert auf das Wir-Gefühl, denn nur so kann Gemeinschaft funktionieren, und wir können konstruktiv arbeiten. Mir ist es auch wichtig, dass mich die Jugendlichen nicht als Erzieher ansehen, der alles besser weiß, sondern als ein Individuum, das auch bereit ist, von ihnen zu lernen.“ Besonders glücklich und stolz ist Gefri, wenn er sieht, wie er mit Hilfe seiner eigenen Erfahrungen bei den Jugendlichen Fortschritte erzielen kann. Schwer fällt ihm nach dem Dienst manchmal das Abschalten: „Hier und da passieren Dinge, die einen sehr beschäftigen. Ich gehe dann nach Hause und mache mir Gedanken darüber, warum etwas so und nicht anders gelaufen ist.“ Dieses Phänomen ist sicherlich auch der großen Empathie gegenüber seinen Mitmenschen geschuldet. Aber Gefri hat einen Glauben, der ihm in traurigen Momenten Zuversicht gibt. Und liebenswerte Freunde, die mittlerweile zu seiner Familie geworden sind: „Wir telefonieren häufig miteinander, und sie geben mir Kraft, wenn es mir einmal nicht so gut geht. Weihnachten werden wir auch gemeinsam feiern.“

Gefris Plan: Sozialpädagogik studieren
Drei Monate arbeitet Gefri bereits mit der Verselbständigungsgruppe und hat einen klaren Plan für seine Zukunft: „Ich möchte zunächst ganz viele Erfahrungen in der Praxis sammeln. Danach strebe ich ein Studium im Bereich Sozialpädagogik an.“ Sein Chef, Jens Lüdert, bestärkt ihn darin: „Gefri hat das Potenzial dafür. Ich wünsche ihm, dass er sich weiterentwickelt, Es steckt so viel Gutes in ihm.“ Mit Blick auf den wunderbaren Lebensweg seines ehemaligen Schützlings hat der Heimleiter einen Herzenswunsch: „Jedes Kind hat eine Chance wie Gefri verdient. Daher muss weiter an der Qualität der stationären Kinder- und Jugendhilfe in Krefeld gearbeitet werden. Ich bin froh, dass wir durch den ständigen Dialog mit der Stadt und mit dem neuen Leiter des Jugendamtes, Markus Schön, auf einem guten Weg sind. Nur so können sich solche Geschichten wiederholen.“

 

 Kinderheim Kastanienhof,
Kaiserstr. 103a,
47800 Krefeld
info@kinderheim-kastanienhof.de,
www.kinderheim-kastanienhof.de

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