„Von Zwietrachtsäern und Fallstrickdrehern“

Über die bucklige Verwandtschaft

 

Bestimmten italienischen Großfamilien in New York sagt man nach, sie hätten für den ein oder anderen schwierigen Verwandten schon mal gerne einen Sack Zement im Kofferraum und den Hudson River in der Nähe. Uns Deutschen ist diese Methode der sizilianischen Entsorgung zwar offiziell zuwider, doch tragen auch viele von uns gelegentlich den Wunsch nach „Leben und Sterben lassen“ in ihren Herzen und leider auch mit zum alljährlichen Familientreffen. Angefangen hat es vielleicht in dem Moment deiner Kindheit, in dem die neidische Schwester deiner Mutter lauthals verkündete, dass du die gleichen Segelohren wie dein Onkel Ede hast. Sensibel wie eine Abrissbirne prophezeite dieser dir zudem eine Profifußballerkarriere, weil ihn deine auffallend krummen Beine an Willi „Ente“ Lippens, den watschelnden Stürmergott von Rot-Weiß Essen, erinnerten. Seither glaubst du, dass dein Familienstammbaum auf der Streuobstwiese des Lebens der schrägste ist, und so sehr du dich zukünftig auch schüttelst, dein Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sondern leider Gottes überhaupt nicht runter. Ja, es ist seltsam. Die Moral hat uns zu Liebe, Treue und Respekt gegenüber der Verwandtschaft verdonnert, und dann hören wir von den liebenswürdigsten Leuten, dass sie bei Opas Goldener Hochzeit oder Klein Kevins Kommunion zu Zwietrachtsäern und Fallstrickdrehern mutieren. Der Kaffeeklatsch gerät zur Kaffeeklatsche für Pummelschwester Susi, weil ihre Stichelschwägerin sie in ihrem neuen Sommerkleid mit einem aufgehenden Vollmond vergleicht, und die Tortenpracht verkommt zur Tortenschlacht, weil Plünderonkel Rudi und sein Clan wieder einmal den gesamten Schwarzwälder Kirsch-Bestand aufsaugen, bevor der genügsamere Teil der Familie das erste Mal zulangen kann. Da verzichtet der humorvolle Vetter auf seine ansonsten so beliebten Witze, weil seine Spaß bremsende Cousine jeden seiner Scherze abfällig kommentiert, mit Ausnahme derer, die auf seine eigenen Kosten gehen. Selbst manch ein Priesteramtsanwärter mag sich schon die sizilianische Betonschuhlösung ausgemalt haben, wenn ihm seine Patentante Luise wieder mal demonstrativ den versahnten Rest ihres gedeckten Apfelkuchens rüberschob und er sich dabei zum x-ten Mal ihre Geschichte von Diabetes, Cholesterin, permanenter Übelkeit und siebenundzwanzig ergebnislosen Magenspiegelungen anhören musste. Man kann sich seine Mit-Erbberechtigten nicht aussuchen, und so besteht manch eine Bescherung am Heiligen Abend aus einer prächtigen Kopfplatzwunde, weil schlussendlich die Geschenke mal wieder tief geflogen sind. Der Küchenherd wird eben schnell zum Krisenherd, wenn man mit Vetter Hotte den Puter aus dem Backofen holt und ihn dabei daran erinnert, dass man zwar selbst, er aber kein Kettcar von Erbonkel Karl zur Kommunion bekommen hatte. Die Gründe, warum uns so oft die Theorie und die Praxis der buckligen Verwandtschaft begegnen, sind vielfältig, oft blödsinnig, aber so tief verwurzelt wie wir selbst in unserem Stammbaum. Vielleicht hilft es, wenn man statt dem Kreuzweg mal den Ausweg wählt und sich beim nächsten Osterfrühstück absentiert, damit die Sippe beginnt, die faulen Eier im eigenen Nest zu suchen. Ob ich aus persönlicher Erfahrung berichte? Nein, zum Glück nicht, aber vielleicht liegt es ja nur daran, dass ich als Kind keine Segelohren und krummen Beine hatte.

 

Ihr Wolfgang Jachtmann

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