Die Welt wird immer leistungsorientierter. Der Druck auf die Menschen in manchen Rollen wächst, zum Beispiel auf die Mütter. Die am besten alles gleichzeitig können sollen: Kinder großziehen und eigene Bedürfnisse dafür zurückschrauben, täglich lange Listen an Aufgaben abarbeiten und „Du musst“-Botschaften schlucken, dabei aber niemals unzufrieden sein dürfen, sondern immer vor Freude strahlen müssen, gilt doch das Familienglück als das maßgebliche Glück. Darf man sich als Mutter da auch mal überfordert fühlen? Darf man als Mutter da auch mal Hilfe einfordern? Oder ist man dann gleich eine schlechte Mutter?

Ein „Wellcome-Engel“ auf Erden - Mütter-Starthilfe vom Kinderschutzbund

Simone große Holthaus mit „Wellcome-Engel“ Marga Eysen

Diese Fragen stellte sich Simone große Holthaus immer öfter, nachdem sie am 18. Januar 2015 ihren Sohn Jakob-Levi zur Welt gebracht hatte. Jakob-Levi war das zweite Kind der heute 38-Jährigen. Gemeinsam mit ihrem drei Jahre älteren Ehemann Marc, einem Betriebswirt, und ihrem fünfjährigen Sohn Benjamin lebt Simone große Holthaus in einem großen Haus in Krefeld-Fischeln. Perfekt für eine schöne Elternzeit, in der sich die Oberstudienrätin seit der Geburt ihres zweiten Kindes für insgesamt zweieinhalb Jahre befindet. Einige Monate, nachdem Jakob-Levi zur Welt gekommen war, drohte ihr jedoch die Doppelbelastung durch nunmehr zwei Kinder über den Kopf zu wachsen, wie sie heute im Rückblick erzählt. „Immer häufiger gab es Tage, an denen ich nur noch die viele Arbeit sah und an denen die Freude, die mir meine Familie eigentlich doch so sehr bereitet, in den Hintergrund rückte“, erinnert sich Simone große Holthaus.

Zunnehmend regisitrierte sie nur noch lauter Baustellen im Haus. Die Wäscheberge, die sich türmten für mindestens zwei Waschmaschinen pro Tag. Das Kinderspielzeug, das sich überall verstreute. Die Möbel beschmiert von kleinen Schmutzfingern. Der ältere Sohn, der eifersüchtig war, weil er nicht verstand, dass das kleinere Geschwisterchen genauso viel Aufmerksamkeit von der Mama brauchte, wenn nicht gar sehr viel mehr Aufmerksamkeit. „Irgendwann dachte ich, andere Mütter haben die Zeit ihres Lebens, während ich nicht mehr wusste, wo ich anfangen sollte, mein Haushalt nur noch brach lag und ich das Gefühl hatte, das Chaos fährt in mich hinein“, sagt Simone große Holthaus. „Mein Mann ist ja voll berufstätig, deshalb wurde der Wunsch in mir immer größer, jemand anrufen zu können, der mir im Alltag hilft.“ Sowohl ihre eigenen Eltern, als auch die ihres Mannes waren zu weit weg, denn die große Holthauses sind Wahl-Krefelder; sie kommt gebürtig aus Vechta in Niedersachsen, er aus der Nähe von Trier. Also forschte die junge Mutter im Internet nach einer Alternative. „Ich suchte eigentlich nach einer Leih-Oma, wurde da aber in Krefeld nicht fündig“, erzählt sie. „Statt dessen stieß ich irgendwie auf den Kinderschutzbund Krefeld und auf ein Angebot namens ,wellcome‘.“

„Mein Mann ist ja voll berufstätig, deshalb wurde der Wunsch in mir immer größer, jemand anrufen zu können, der mir im Alltag hilft.“

„wellcome“ ist ein spendenfinanziertes Projekt, mit dem der Krefelder Kinderschutzbund jungen Familien praktische Hilfe nach der Geburt anbietet. Der Name „wellcome“ ist dabei absichtlich mit einem doppelten „L“ geschrieben. „Der Name“, erklärt Kinderschutzbund-Sprecherin Antje Siegert, „setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern ,Welcome‘ und ‚Wellness‘, um der Mutter folgende Botschaft zu verdeutlichen: ,Schön, dass es dich gibt und dass das Baby da ist, und wir wollen, dass es dir gut dabei geht‘.“ Dafür soll eben ein „wellcome-Engel“ in Person einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin sorgen, die wie eine Verwandte in die Familie kommt und hilft. Nicht, indem sie das Haus oder die Wohnung putzt, stellt Siegert klar: „Ein ,wellcome-Engel‘ ist keine Haushaltshilfe.“ Vielmehr soll der Engel das Baby bespaßen, damit die Mutter auch mal Zeit für sich hat. „Der Krefelder Kinderschutzbund bietet diesen Service seit 2014 für einen begrenzten Zeitraum von zwei bis vier Monaten innerhalb des ersten Lebensjahres eines neugeborenen Kindes an: und zwar allen Familien, die diesen Service brauchen – vollkommen unabhängig von der privaten und finanziellen Situation der Familie“, erklärt Siegert. „Zurzeit haben wir 18 ,wellcome-Engel‘, die wir in die Familien entsenden und die wir vorher in einem persönlichen Gespräch ausgesucht haben. Dabei lassen wir uns nicht nur ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, sondern überprüfen vor allem die Motivation des ,Engels‘, der kinderlieb und unvoreingenommen sein sollte.“

Ein solcher „Engel“ ist zum Beispiel Marga Eysen aus Krefeld: Die 66-Jährige war über eine Anzeige auf das Hilfsprojekt aufmerksam geworden und schien Kinderschutzbund-Sprecherin Siegert genau der richtige „wellcome-Engel“ zu sein für Simone große Holthaus. „Am 30. April 2015 habe ich die Familie große Holthaus das erste Mal besucht“, erzählt Marga Eysen. Die ehemalige Geschäftsführerin eines Verlages in Krefeld freute sich auf ihre neue Aufgabe: „Ich habe mir schon immer gewünscht, in meinem Ruhestand etwas Sinnvolles zu tun“, erzählt Eysen. Simone große Holthaus war ihr auf Anhieb sympathisch und das beruhte auch auf Gegenseitigkeit. Wenngleich es die junge Mutter Überwindung kostete, die Hilfe des „wellcome-Engels“ anzunehmen, als dieser dann an zwei Vormittagen in der Woche tatsächlich zu ihr ins Haus geflattert kam. „Ich habe mich sehr schwer damit getan“, erinnert sich Simone große Holthaus, „Hilfe zu bekommen, einfach so, ohne, dass man dafür etwas geben muss – wo gibt es das denn heutzutage noch?“

Ihre Kinder akzeptierten Marga Eysen schnell. „Benjamin, der größere Sohn, hat mir schon beim zweiten Mal die Tür geöffnet, und beim dritten Mal hat er mir von sich aus sein Zimmer gezeigt“, erzählt Eysen lächelnd. Auch der kleine Jakob-Levi ließ sich bereitwillig auf den Arm nehmen. Während die Mutter immer noch mit einem schlechten Gewissen haderte. Dabei nutzte sie die freie Zeit, die sie plötzlich hatte, während Marga Eysen mit Jakob-Levi spazieren ging, gar nicht für sich persönlich, sondern putzte das Haus. „Endlich konnte ich mal die Küche, die Badezimmer sauber machen, ohne Angst haben zu müssen, dass Jakob nach den Flaschen mit den Reinigungsmitteln greift. Endlich konnte ich Wäsche waschen, ohne Sorge haben zu müssen, dass er in die Waschmaschine krabbelt, endlich konnte ich mal einen Kuchen backen, ohne Angst haben zu müssen, dass er an die heiße Ofentür kommt.“

Ein „Wellcome-Engel“ auf Erden - Mütter-Starthilfe vom Kinderschutzbund

Es dauerte einige Wochen, bis Simone große Holthaus sich auf die neue Situation einlassen konnte. Marga Eysen erinnert sich noch genau daran. „Das war der Tag, an dem sie so kaputt war, weil sie die Nacht davor so gut wie nicht geschlafen hatte. Ich kam nach einem Spaziergang mit Jakob-Levi zurück und klingelte an der Haustür der große Holthauses, aber niemand öffnete. Ich habe überall angerufen, Handy, Festnetz – keine Reaktion.“ Simone große Holthaus lächelt verlegen, wenn sie an die Situation zurückdenkt: „Irgendwann bin ich von der Couch hochgeschossen und habe einen Riesenschreck bekommen, als ich gemerkt habe: Die Marga steht ja mit dem Jakob vor der Tür und kann nicht wieder ins Haus, weil ich eingeschlafen war!“ Daran konnte sie aber auch merken: Sie hatte losgelassen. Hatte sich endlich auf die Hilfe von Marga Eysen eingelassen. Eine wichtige Erfahrung, die große Holthaus natürlich nicht unbelohnt lassen konnte: „Ich habe aus dem ersten Babykost-Fläschchen vom Jakob ein kleines Windlicht gebastelt und es der Marga geschenkt. Ich bin ihr so dankbar und kann jeder Mutter wirklich nur empfehlen, sich einen ,wellcome-Engel‘ zu gönnen.“ Um eine erste Ahnung davon zu bekommen, dass die Elternzeit die Zeit ihres Lebens sein kann. Auch mit zwei Kindern.

Deutscher Kinderschutzbund Ortsverband Krefeld e.V., Dreikönigenstraße 90-94, 47798 Krefeld, Tel.: 02151/96192-0, www.kinderschutzbund-krefeld.de/wellcome