Heute Abend ist Champions League. Während aus dem Nachbarhaus schon die göttlich anmutende UEFA-Hymne der Meister, der Besten, uns niederes Fußballvolk vor den Fernseher befiehlt, brülle ich hektisch eine fundamentale Frage durch das Haus. Es ist nicht die Frage nach dem Wetter von morgen, der Existenz von Gott oder der Zukunft unseres Planeten, sondern schlicht und ergreifend die High-Tech-Form des Hamlet-Zitats nach dem Sein oder Nichtsein, die da lautet: „Wo ist denn die Fernbedienung schon wieder hin?“ Ja, ich vermenschliche sie, als hätte sie ihre Siebensachen gepackt und sich aus dem Staub gemacht, und nein, ich kann nicht ohne sie sein. Die 370 Programme des Kabelempfängers brauchen Funksignale, und diese regulieren neben dem Abendprogramm eben auch meinen Biorhythmus. Der erlebt gerade den Urknall meiner Verzweiflung, weil mich die Krombacher-Werbemelodie von nebenan ein letztes Mal vor Spielbeginn zum Bierholen mahnt. Ursprünglich sollte die Fernbedienung ein Hilfsmittel sein, damit ich unabhängig vom Fernsehgerät Programme wechseln oder Lautstärke, Helligkeit und Kontrast regeln kann. Jetzt aber rase ich in totaler Abhängigkeit auf der Suche nach der batteriebetriebenen Unabhängigkeit wieder einmal durch die komplette Wohnung. Ich finde mich wieder auf dem Boden vor der Couch, zwischen Wäschebergen vor der Waschmaschine und im Sodom und Gomorrha eines pubertierenden Kinderzimmers. Die jahrhundertelang achtlos verstaubende Ritze zwischen den Sofakissen ist in diesen ferngesteuerten Zeiten sauberer als ein Operationssaal, weil ich Chipskrümel, Ohrstecker und Erdnüsse bei der akribischen Fingerei nach der schwarzen Tastatur aus ihrem dunklen Biotop heraus ans Tageslicht kratze. Und meine Wollmäuse fallen demnächst unter den Artenschutz, weil ich sie in der Hoffnung auf Wiederfindung meiner televisionären Identität wieder und wieder unter ihren Schränken und Truhen hervorjage. Wenn ein nichtrauchender, antialkoholischer Fußballfan sich nicht vorstellen kann, wie sehr eine Sucht das Lebensgefühl beeinträchtigt, dann nimm’ ihm heimlich vor Beginn des Champions League-Finales die Fernbedienung weg und eine Viertelstunde später steht der Rettungswagen vor seiner Tür. Welch eine Tragik, wenn Fußball- und Fernsehmanager für Spielermaterial und Übertragungsrechte hunderte Millionen Euros locker machen können, weil sie dich zu einem fußballisierten Nimmersatt gedopt haben und du dann mit deiner Fernbedienung wie ein cholerischer Samurai herumfuchtelst, weil dein Zapping-Schwert aus Batteriealtersschwäche nicht mehr von Rosamunde Pilcher auf den Sportkanal umschalten kann. Welch eine Enttäuschung für britische Fußballweltherren, wenn sie demnächst unsere Lichtgestalt Thomas Müller für den Preis eines Tarnkappenbombers auflaufen lassen wollen, um englische Fußballherzen und Kontostände zu erhellen, und dann der Bildschirm manch’ eines schusseligen Hooligangsters dunkel bleibt, weil die Tastatur der Erleuchtung mit den leeren Guinness-Pullen im Müllcontainer gelandet ist. Warum vergessen wir, wo wir unsere Fernbedienung hingelegt haben? Die Antwort ist einfach: weil unsere Natur es so will. Ein Privatfernsehabend mit sinnentleerten Gameshows, Dutzenden von Zieh-Es-Ei und Zieh-Ei-Es Leichen, explodierenden Stadtteilen und fünfundzwanzig schrillen Werbepausen ist zu viel für unser Kurzzeitgedächtnis. Es kann nicht unbegrenzt speichern, und deswegen verblassen die meisten Informationen trotz aller Gehirnwäschestrategien der Werbezaren und Medienmogule. Würden wir den ganzen Quatsch wirklich behalten, würden wir irgendwann durchdrehen und in irgendwelchen Anstalten wieder mit Legosteinen spielen. Alles, was unwichtig ist, lässt uns unser selbsterhaltendes Unterbewusstsein wieder vergessen, und das ist gut so. Versucht man sich spontan daran zu erinnern, was man gestern Abend an Interessantem alles gesehen und gehört hat, wird es wahrlich jämmerlich. Vielleicht fällt einem gerade noch die durchgeknallte Champions League-Hymne oder das Traumtor von Thomas Müller ein, aber eben nicht der Ort, an dem man seine Fernbedienung verdaddelt hat. Ich werde mir eine Kiste dieser „Stick’n’Go“ GPS-Bluetooth-Wiederfindungschips kaufen. Die klebe ich dann auf meine Fernbedienung, mein Handy, meine Katze und vielleicht auch auf mich selbst.

 

Ihr Wolfgang Jachtmann