am Beispiel des Mies van der Rohe Business Parks

 

Als Ludwig Mies van der Rohe im Jahr 1931 von den Krefelder Textilhändlern und Seidenfabrikanten Josef Esters und Hermann Lange den Auftrag bekommt, einen Industriebau zu planen, ist er gerade zum Direktor des Bauhauses in Dessau berufen worden. Als großer Architekt, der mit Zigarre im Mund vor der amerikanischen Skyline sitzt, kennt man ihn damals aber noch nicht. „Mies van der Rohe stand am Anfang seiner Karriere“, betont Architekt und Mitglied des Krefelder Gestaltungsbeirats Rainer Lucas. „Im Businesspark sind wir Zeitzeuge seiner frühen Arbeit.“ Genau wie Walter Gropius, der zwölf Jahre früher das staatliche Bauhaus gründete, gilt Mies van der Rohe als Vorreiter der Moderne und des Bauhauses und prägt die Architekturszene ungemein. „Dennoch lässt sich schwer beschreiben, was eigentlich das eine Kennzeichen des Bauhauses ist“, erklärt Nicolas Beucker, ebenfalls Mitglied des Gestaltungsbeirates und Professor an der Hochschule Niederrhein, und bezieht sich damit auf einen Podcast des Bauhaus-Architekten Philipp Ostwald. „Er beschreibt in seinem Beitrag das Bauhaus als homogene Richtung. Das Bauhaus zeichnet aus, dass es vielfältig ist.“ Eine Vielfältigkeit, die sich in ihren Merkmalen vor allem beim genauen Hinschauen zeigt. Gemeinsam mit Rainer Lucas und Nicolas Beucker ist unsere Redaktion auf Spurensuche gegangen. Die Suche nach dem „Bauhaus im Detail”.

 

Ein kubisches und rhythmisches Gesamtwerk: Die Komposition durch das Detail

„Zufälle gibt es im Bauhaus nicht“, sagt Nicolas Beucker und zeigt auf die streng gerasterten Fensterbänder. „Die Komposition des Gesamtwerks entsteht durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Details.“ Gleich unterschiedliche Belege dafür lassen sich im HE-Gebäude am Eingang des Mies van der Rohe Business Parks finden. 1931 als zweistöckiger Bau mit Kellergeschoss geplant, führte der Bauhaus-Architekt eine Erweiterung des Gebäudes durch zwei weitere Stockwerke im Jahr 1935 aus.

Zufälle gibt es im Bauhaus nicht“, sagt Nicolas Beucker und zeigt auf die streng gerasterten Fensterbänder. „Die Komposition des Gesamtwerks entsteht durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Details.“ – Mitglied des Krefelder Gestaltungsbeirates und Dozent an der Hochschule Niederrhein Professor Nicolas Beucker

Grenzte das Erdgeschoss an die Färberei, die Shed-Hallen, war hier außerdem die Warenannahme untergebracht. Darüber herrschte reges Treiben, denn hier befanden sich die wertvollen Innenfutterstoffe, zum Beispiel für die Herstellung von Anzügen, und hier wurden die Geschäftsleute empfangen.

Äußerlich hebt sich das HE-Gebäude deutlich vom angrenzenden Uhrenturm, der Schlichterei und dem Kesselhaus ab. „Das ist eine Eigenschaft, die charakteristisch im Bauhaus ist“, erklärt Experte Rainer Lucas. „Unterschiedliche Funktionalitäten der Gebäude erfordern unterschiedliche optische Elemente. Gerade das HE-Gebäude ist außerdem ein Beispiel für ein kubisches und rhythmisches Gesamtwerk.“ Es hat seine Gründe, dass Bauhaus und Kubismus nicht voneinander zu trennen sind und betrachtet man das Haus Esters und das Haus Lange wird dieses auch in Krefeld deutlich. Anhand des HE-Gebäudes erklärt Lucas eindrucksvoll, wie die kubistische Form in seiner Vollkommenheit geschaffen wird: „Die Fallrohre an der Ostfassade gliedern das Gebäude in einen strengen, sich umkehrenden Rhythmus von 1 – 2 – 3 – 2 – 1. Nach der Hausecke kommt also erst ein Fenster, das mit einem Fallrohr von zwei weiteren Fenstern getrennt wird.

„Mies van der Rohe stand am Anfang seiner Karriere. Im Businesspark sind wir Zeitzeuge seiner frühen Arbeit.“ – Architekt und Mitglied des Krefelder Gestaltungsbeirats Rainer Lucas

Die zwei Fenster werden dann wiederrum von einem weiteren Fallrohr von den nächsten drei Fenstern getrennt und dann geht der Rhythmus wieder zurück. Die Fallrohre selbst treten aus großen Sammelkästen hervor, sodass eine ununterbrochene Attika ermöglicht wird. Das Gebäude wird also durch diese Attika-Linie ganz gerade vor dem flach geneigten Satteldach abgeschlossen. Ein Kubus wird geschaffen.“

Im Detail greift Mies van der Rohe die fließende Kubusfläche auch im Sockel auf: Es war dem Architekten ein großes Anliegen, die Oberfläche des Kubus nicht zu stören und so schaffte er mit einem Sockel aus fünf Backsteinen einen fließenden Übergang zur verputzten Wand. Eine Gesamtkomposition entsteht durch die Arbeit im Detail.

 

 

Fließend und schlank: Beschaffenheit im Detail

Am HE-Gebäude und an den gegenüberliegenden Fensterfronten des Uhrenturms wird gleichzeitig der fließende und schlanke Charakter des Bauhauses sichtbar. Und auch das Pförtnerhaus, das ca. 1935/36 von Erich Holthoff entworfen wurde, greift die flächenbündige, die Tragstruktur ausfachende charakteristische Glasfassade auf. Aber nicht nur in der Gesamtoptik erinnert die Fensterfront an etliche Bauten aus der Bauhaus-Zeit: Wer genau hinschaut, kann auch am Fenster an sich Details entdecken. Zwar wurde in den 70er Jahren ein Großteil der originalen Fenster durch Fenster mit breiteren Rahmen ausgetauscht, in der Kelleretage, in der WC-Anlage im kleinen Treppenhaus sowie im Erdgeschoss des Produktionsbereiches lassen sich aber noch heute wenige Originalfenster finden. „Wir sehen hier filigrane Stahlfenster, die im Gegensatz zu den typischen Modellen aus der Zeit vor dem Bauhaus sehr leicht wirken“, erklärt Rainer Lucas. „Das hängt auch mit den Herstellungsverfahren zusammen, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Diese Filigranität des Bauhauses war damals besonders.“

 

Das Notwendige wird sichtbar: Konstruktion im Detail

Und noch ein weiteres Detail am Fenster ist ganz typisch für die damalige Architekturzeit: Im Kellergeschoss des HE-Gebäudes und auch an weiteren Gebäuden sind immer wieder Fensterscharniere zu entdecken, die an der Außenscheibe angebracht wurden. Wurden sie bei früheren Baustilen oft versteckt, galt es im Bauhaus zu zeigen, welche Maßnahmen wichtig sind, um Funktionalitäten zu schaffen. In den WC-Fenstern des HE-Gebäudes spiegelt sich das außerdem an den gut durchdachten originalen Fenstergriffen und Mechanismen zur Öffnung der Fenster wider: Bei der Sanierung der Gebäude gaben sich die Architekten besonders Mühe, diese zu erhalten. Denn sie zeigen, dass offene Funktionalität über dem makellosen Design steht.

 

SCHÖN IST,WAS FUNKTIONIERT. DAS IST EIN WESENTLICHES
MERKMAL DES BAUHAUS-STILS, DENN HIER VERSCHWIMMEN DIE GRENZEN ZWISCHEN HANDWERK,TECHNIK, KUNST UND INDUSTRIE.

 

Funktionalität geht vor: Das Bedürfnis der Reinigungskraft im Detail

Schön ist auch in der Raumaufteilung, was funktioniert. Das ist ein wesentliches Merkmal des Bauhaus-Stils, denn hier verschwimmen die Grenzen zwischen Handwerk, Technik, Kunst und Industrie. Ein Gebäude in der Grundidee des Bauhauses zu planen, bedeutet also auch immer, die Bedürfnisse der Nutzer des späteren Gebäudes zu sehen. Im Detail wird das heute im HE-Gebäude deutlich. Fand hier der Kundenkontakt zu wohlhabenden Händlern statt, war selbstverständlich, dass das Innere des Gebäudes für die wichtigen Verhandlungen mit dem Kunden unkompliziert blitzeblank gehalten werden musste. In der Planung berücksichtige Mies van der Rohe diese Funktionalität in gleich zwei Details, die noch heute – zumindest zum Teil – erhalten sind.

Betrachtet man die einzelne Treppenstufe so fällt erst einmal eine besondere, gestalterische Feinheit auf. Aus Beton gegossen wurden die Stufen anschließend steinmetzmäßig bearbeitet und mit einem sorgsamen Muster versehen. Zudem kann der Beobachter eine kleine Aufkantung zum Treppenhaus entdecken. „Das hält das Putzwasser davon ab, hinabzulaufen“, erklärt Architekt Rainer Lucas. „Das ist ein geschicktes Detail, das zum Grundgedanken des Bauhauses hervorragend passt, denn es ist nicht nur schön, sondern vor allem nützlich.“ Und auch auf den insgesamt vier Etagen wurde an die Reinigungskraft gedacht: Links neben jeder Aufzugstür befindet sich ein Waschbecken, das durch eine Tür verdeckt wird, die an einen Schrank erinnert. Obwohl die Waschbecken nicht mehr ihre originalen Wasserhähne besitzen, wird die Funktionalität schnell deutlich, sagt Lucas: „Das war nicht schick, aber so musste die Putzfrau nicht durch die angrenzenden Büros laufen und womöglich Gespräche stören, um zu einem Wasserhahn zu gelangen.“ Hier stehen Effizienz und Nützlichkeit im Vordergrund – ein Grundgedanke im Bauhaus.

 

Die Vielfältigkeit des Bauhaus:
Untypisches im Detail

Der Flur des HE-Gebäudes verbildlicht aber auch die Aussage, die Nicolas Beucker gleich zu Beginn der Begehung trifft: „Bauhaus zu fassen, ist schwierig, denn Bauhaus ist vielfältig.“ Und so ist es fast typisch, dass die Flurgestaltung eigentlich gar nicht dem Stil entspricht, mit dem man das Bauhaus verbindet. Statt auf glatte Wände trifft der Besucher hinter dem Haupteingang auf hart gebrannte Klinker, die in verschiedenen Brenntönen von Dunkelrot über Braun und sogar Schwarz strahlen. In der ursprünglichen Bauweise war der Mörtel mit Rußstoffen versehen, welche die Fugen dunkel erscheinen ließen. „Die hohen Wände bekommen ein bewegtes Äußeres“, beschreibt Lucas. „Bauhaus hat eben viele Gesichter.“