Unsere Stadt hat viele Spitznamen: Einige davon sind bekanntermaßen von der Etymologie des Namens („Krähenfeld“) oder der industriellen Geschichte Krefelds („Samt- und Seidenstadt“) abgeleitet. Andere nehmen Bezug auf das Lebensgefühl oder das Image der Stadt. Einer dieser Spitznamen: Crime City – „Stadt des Verbrechens“. Doch was hat es mit dieser Betitelung auf sich? Wir wollten mehr darüber erfahren und haben Krefelder Bürger sowie die Polizei zum Thema Sicherheit und Kriminalitätbefragt und nachgelesen, welches Bild die lokalen Medien vermitteln.

 

Die Medien: Krefeld, Stadt der Straßenkriminalität

Bei der Durchsicht aller Veröffentlichungen der RP-Rubrik „Blaulicht“ der vergangenen sechs Monate zeigte sich folgendes Bild: Von allen Artikeln, in denen über Verbrechen von Menschen an Menschen berichtet wurde, beschrieben die meisten Körperverletzung und Diebstahl. Außerdem wurde häufig von bewaffnetem Raub und Sexualdelikten berichtet.Auch in der Regionalrubrik des Focus erschienen auffallend häufig Berichte über kriminelle Vergehen. Überschriften wie „33-Jähriger in Krefeld durch Messerstiche in Lebensgefahr“oder „Trio missbraucht 23-jährige Gassi-Gängerin, Hund schlägt es in die Flucht“ füllen die Meldungsseiten der letzten Monate. Auch in den Sozialen Medien wird die kriminelle Energie der Stadt häufig thematisiert.

Hier tauchte während der letzten Monate auffallend oft die Bezeichnung „Crime City“ für Krefeld auf. Bei einer Facebook-Umfrage unseres Magazins zum Thema „Spitznamen für Krefeld“ war dieser neben „Samt- und Seidenstadt“ der häufigste Vorschlag. Sucht man auf Instagram nach dem Hashtag #crimecity werden, neben Postings aus Paris, Malmö und Brooklin New York, vor allem diverse Beiträge aus Krefeld angezeigt. Auch einen Gangsterrap-Song namens „Das Original Crime City Krefeld“ gibt es – eingestellt bei YouTube, im November 2017. Inhaltlich geht es um ein Leben im Untergrund, ohne Respekt vor gesellschaftlichen Regeln oder der Polizei. Das mediale Image der „Crime City“ ist perfekt. Ein verzerrtes Bild, findet die Krefelder Polizei.

 

Die Polizei: Kriminalität ist nicht die Wurzel des Übels

Polizeipräsident Rainer Furth und Leiter der Wache Süd, Wolfgang Lindner, sind sich einig, dass die mediale Darstellung Krefelds nicht mit der Realität übereinstimmt. Die Dimension der Wahrnehmung einiger Bürger sei zwar alarmierend, die Gründe für das fehlende Sicherheitsgefühl lägen allerdings nicht in Fakten, sondern in Eindrücken begründet.

Innerhalb des letzten Jahrzehnts haben die angezeigten Straftaten in Krefeld deutlich abgenommen. Von rund 25.000 Delikten im Jahr 2008 ist die Kriminalitätsrate auf 21.934 Anzeigen zurückgegangen. Die Statistiken des Jahres 2017 zeigten den besten Stand seit Jahren, vor allem im Bereich der Straßenkriminalität (z.B. überfallartige Vergewaltigung, exhibitionistische Handlungen, Handtaschenraub oder Sachbeschädigung). In diesem Jahr haben 625 Straßendelikte weniger stattgefunden als im Vorjahr – so gab es 2017beispielsweise nur 15 Handtaschendiebstähle. In Bezug auf die Gesamtkriminalität verzeichnete die Polizei im Jahr 2017 eine Aufklärungsquote von 58,69 Prozent, was einem Anstieg von fast fünf Prozent zum Vorjahreswert entspricht. Im Vergleich: Die Duisburger Polizei verzeichnete für das Jahr 2017 eine Aufklärungsquote von 53,9 Prozent, die Polizei Düsseldorf 47,98 Prozent. Im Bereich der Gewaltkriminalität (Fälle wie Mord, Totschlag, Vergewaltigung, schwere Körperverletzung usw.) konnte die Polizei Krefeld sogar 76,1 Prozent aller Delikte aufklären – der bisherige Höchststand.

„Krefeld hat die schnellste Polizei des Bundeslandes. Unsere Einsatzkräfte sind in durchschnittlich 3 Minuten und 12 Sekunden am Tatort.“

„Krefeld ist eine der sichersten Großstädte in NRW“, so Rainer Furth. Auch „No-Go-Areas“ wie in vielen anderen deutschen Städten gebe es nicht, fügt Wolfgang Lindner hinzu.Straßenkriminalität mache zwar einigen Bürgern Angst, sei aber nicht das, was rein statistisch gesehen am häufigsten geschehe. „Wir haben eine Schieflage zwischen dem, was als Gefährdungsmoment empfunden wird und der tatsächlichen Gefährdung. Kommt es tatsächlich zu Delikten im öffentlichen Raum, bilden diejenigen die Gruppe der gefährdetsten Personen, die selbst am wenigsten Angst haben: junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren“, so Lindner. Diese bilden im Umkehrschluss auch die größte Opfergruppe. Doch woher kommt dann die Angst vieler junger Frauen vor sexuellen Übergriffen oder tätlichen Angriffen? „Das Atypische wird viel stärker wahrgenommen als das Bekannte“, erläutertLindner. „Die Zeitung berichtet nicht über jede Schlägerei zwischen jungen Männern, dafür aber umso brisanter von überfallartigen Angriffen auf Frauen – auch wenn das so gut wie nie vorkommt.“

Das Sicherheitsgefühl, so sind sich der Polizeipräsident und der Polizist einig, wird beeinflusst vom Erscheinungsbild der Stadt. „Das reicht von Posern, Leuten, die sich offensichtlich nicht an Verkehrsregeln halten, über Müll, Schrottimmobilien und so weiter. Das alles beeinträchtigt die subjektive Wahrnehmung und damit auch das Sicherheitsgefühl“, erklärt Rainer Furth. Dieses möchte die Polizei stärken und setzt deshalb seit Ende 2016 auf das sogenannte „Präsenzkonzept Innenstadt“. Mit regelmäßigem öffentlichem Auftreten in ausgewählten Gegenden wie dem südlichen Ostwall und dem Hauptbahnhof möchte die Polizei das Wohlbefinden der Bürger stärken und gleichermaßen Gewalttaten vorbeugen.

 

Die Bürger: Zwei Fraktionen mit klarer Mehrheit

Im Rahmen einer Bürgerbefragung konnten wir ermitteln, wie die Krefelder das Verhältnis von Sicherheit und Kriminalität in der Seidenstadt empfinden. Die Ergebnisse fielen recht unterschiedlich aus, wenn auch weit positiver als in Anbetracht unserer medialen Beobachtungen zu erwarten war.

„Ich persönlich habe noch keine negativen Erfahrungen gemacht und fürchte mich auch nicht in Krefeld. Allerdings höre ich immer viel von anderen Leuten“, so Lehrer Moritz Krämer.Recht unentschlossen zeigt sich die Studentin Ivy Kaltenhäuser. „Es kommt sehr drauf an, wo ich bin und wann. Abends nach dem Feiern zum Beispiel kann es einem schon etwas mulmig werden“, so die 26-Jährige.

Ähnlich empfindet die Rentnerin Gabriele Rippel. Die Uerdingerin beschreibt ihre Einschätzung folgendermaßen: „Es kommen schon ab und an unsichere Gefühle auf, beispielsweise bei Festen im Ortskern und auf dem Theaterplatz im Dunkeln. Unangenehm finde ich vor allem betrunkene und aggressive Jugendliche. Krefeld ist generell aber nicht krimineller als vergleichbare Großstädte.“ Der Vorsitzende des Bürgervereins Ost, Manfred Grünwald, hat eine eigene Theorie, die der Einschätzung der Polizei nahekommt: „Es hat sich vieles gebessert. Früher gab es gerade in unserem Viertel (Gebiet zwischen Philadelphiastraße, Uerdinger Straße, Grenzstraße und Bahnstraße) viel Wohnungsprostitution, und es war bekannt, dass eine Diebesbande hier wohnte. Das gibt es nicht mehr. Die Polizei hat mit ihren Maßnahmen viel erreicht“, so der Berufsfotograf. Sein Eindruck ist, dass das negative Bild vieler Krefelder von der Stadt vor allem mit einem gestörten Lebensgefühl zusammenhängt. „Es sind sichtbare Anfangserfolge zu verzeichnen. Jetzt ist es aber nicht mehr die Kriminalität, an der wir arbeiten müssen, sondern das Erscheinungsbild und damit einhergehend das Lebensgefühl in der Stadt.“

Von all unseren Befragten stufte rund ein Drittel Krefeld als „sicher“ ein. Überwiegend sicher fühlten sich weitere 26 Prozent, während 20 Prozent sehr unentschlossen bezüglich einer klaren Einordnung waren. Als „eher unsicher“ und „unsicher“ stuften jeweils sechs Prozent der Gesprächsteilnehmer die Stadt ein. „Crime City“ als ernstgemeinte Betitelung hielten die meisten für übertrieben.

Am Ende steht ein recht ambivalentes, wenn auch eher positives Bild von Krefeld. Dass Kriminalität im Raum einer Großstadt existiert, ist normal. Da sind sich Bürger und Polizei einig. Die Umfragewerte sowie die Statistiken der Polizei zeigen, dass in Krefeld keine überdurchschnittlich hohe Kriminalitätsrate herrscht, die somit auch kein kriminelles Imageder Stadt rechtfertigt. Es sieht tatsächlich so aus, als habe unsere Stadt vor allem ein strukturelles Problem: Müll, Verdreckung, öffentlicher Drogenkonsum und Verwahrlosung stellen zwar keine konkrete Gefahr für die Bürger dar, rufen allerdings ein Gefühl von Unwohlsein hervor. Die Berichterstattung der Medien und der überspitzte Austausch in den sozialen Netzwerken heizen derartige Eindrücke an. Empörendes weckt nun einmal Aufmerksamkeit, und Unbekanntes erzeugt Interesse. Auch gibt es offensichtlich Gruppen, die mit dem „Gangster“-Image Krefelds kokettieren. Am Ende steht die Devise: Krefeld ist weder Malmö oder New York noch Paris und „Crime City“ nicht mehr als ein Spitzname.