Das gute Gewissen der regionalen WirtschaftIHK Mittlerer Niederrhein: Impulsgeber für wirtschafts-politische Entscheidungen

Wer zu den Stoßzeiten zwischen Kamp-Lintfort und Köln-Nord auf der A 57 unterwegs ist, erfährt im wahrsten Wortsinn eines der größten Probleme der Region hautnah: Die „Stau-Autobahn“ kann den Verkehr nicht ausreichend bewältigen. Der sechsspurige Ausbau war immer schon eine Forderung der IHK Mittlerer Niederrhein. Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz erläutert im Vorfeld der Wahlen zur neuen Vollversammlung weitere wichtige Zukunftsthemen.

Wenn im Februar 2017 die 70 ehrenamtlichen Mitglieder der neuen Vollversammlung der IHK Mittlerer Niederrhein für fünf Jahre ihre Arbeit aufnehmen, ist neben Fachkompetenz auch Hartnäckigkeit gefragt. Die Vertreter aus Industrie und Handel sind das Sprachrohr von 80.000 Mitgliedern und 400.000 Beschäftigten. Sie beraten Politik und Verwaltung und fordern in den Rathäusern die Umsetzung relevanter Anliegen der regionalen Wirtschaft ein.

„Sich mit unseren Positionen Gehör zu verschaffen und mit Entscheidern ins Gespräch zu kommen, das ist eine unserer Aufgaben“, betont Jürgen Steinmetz und nennt Beispiele aus der Vergangenheit, die zeigen, dass die IHK ein wichtiger Impulsgeber ist: „Durch verschiedene Projekte ist es uns gelungen, die Zahl der Ausbildungsplätze deutlich zu steigern. Wir haben die Aktion ,Heimat shoppen‘ ins Leben gerufen und dazu beigetragen, dass im Regionalplan ausreichende Gewerbeflächen in unserem IHK-Bezirk berücksichtigt werden.“ Aber noch ist längst nicht alles in Ordnung mit der regionalen Wirtschaft. Aktuelle Mangel-Erscheinungen fordern einen ernsten Blick nach vorn. Drei Schwerpunktthemen werden die Gremien der IHK Mittlerer Niederrhein in den kommenden Jahren mit Nachdruck verfolgen.

„Die Krefelder Wirtschaft verträgt keine weitere Erhöhung von Gewerbe- und Grund­steuern. Da sind hier schon Spitzensätze erreicht.“

Erweiterung der Verkehrsinfrastruktur
Für die Wirtschaftsfachleute der IHK steht fest: Der Überlastung der A 57 kann nicht ausschließlich durch einen Komplettausbau auf sechs Spuren begegnet werden. Ein Drittel ist bis dato ausgebaut. Erst in den nächsten Jahren werden die noch fehlenden 42 Kilometer auf jeweils drei Spuren verbreitert. Die IHK hat daher einen umfassenden Infrastruktur-Katalog entwickelt, der weit über die Straße hinausgeht.

„Wir müssen auch andere Wege in den Fokus nehmen“, betont Jürgen Steinmetz und führt aus: „Der Güterverkehr, der uns zum Großteil über die ZARA-Häfen Zeebrügge, Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen erreicht, wird in den nächsten Jahren um 60 Prozent zunehmen. Das kann mit der vorhandenen Infrastruktur nicht funktionieren. Wir brauchen daher nicht nur den Ausbau der A 57, sondern eine Verschiebung dieser Verkehrsströme auf die Schiene und das Wasser. Wir setzen auf eine Verlagerung auf die Binnenschifffahrt. Deshalb muss der Hafen zwingend erweitert und der Rhein vertieft werden.“

Breitband-Ausbau
Unterversorgt ist der Mittlere Niederrhein nach Erfahrung der IHK (und vieler Bürger) auch im Bereich des schnellen Internets. Der IHK-Hauptgeschäftsführer wird in diesem Punkt deutlich: „Wenn man heute in den Kommunen unserer Region nachfragt, wie der Bestand der Infrastruktur im Bereich ,digital‘ ist, werden Sie in den meisten Fällen eher Achselzucken als konkrete Antworten bekommen. Kürzlich hat sich der Krefelder Oberbürgermeister über einen Förderbescheid des Bundes in Höhe von 50.000 Euro gefreut, mit dem das Projekt vorangeschoben werden kann. Das ist gut, aber viel zu spät. Wir müssen viel besser und schneller werden, um die neuen wachsenden Gewerbegebiete, aber auch alle Bürger, umfassend ans Breitband anzubinden, am besten über Glasfaser.“

Das gute Gewissen der regionalen Wirtschaft

Stärkung der dualen Berufsausbildung
Zur Zeit erlebt Nordrhein-Westfalen eine Zunahme von Abiturienten mit guten Noten. Das lässt den IHK-Hauptgeschäftsführer aufhorchen: „Heute macht fast jeder Abitur. Viele haben gute Noten. Die meisten streben ein Hochschulstudium an. Wenn man parallel dazu die demographische Entwicklung sieht – wir werden alle älter – dann ist klar, dass an irgendeiner Stelle ein Engpass entstehen wird. Das ist die duale Berufsausbildung.“

Allein in der IHK-Lehrstellenbörse gibt es für  den IHK-Bezirk Mittlerer Niederrhein mit den Städten Krefeld und Mönchengladbach, dem Kreis Viersen und dem Rhein-Kreis Neuss noch knapp 430 offene Lehrstellenangebote für die duale Berufsausbildung. Dabei ist diese Form der Ausbildung sehr attraktiv – auch finanziell: Eine Anfang August veröffentlichte Studie vom Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund hat nachgewiesen, dass viele Absolventen der dualen Berufsausbildung mehr verdienen können als Studienabsolventen.

„Sehr froh bin ich über die Entwicklung des interkommunalen Gewerbegebietes an der A 44. Das ist ein Premium-Standort, der in Zukunft eine Aufmerksamkeit erfahren wird, die weit über die Region hinausgeht.“

Die IHK richtet daher einen dringenden Appell an weiterführende Schulen, Unternehmen und Verbände, die Vorteile dualer Ausbildung in den Fokus zu stellen und dadurch Schulabgänger für diesen Weg zu begeistern. An der Politik kritisiert Jürgen Steinmetz, „dass zum Teil immer noch falsche Anreizsysteme existieren“. Die seien zu einer Zeit entstanden, als Studien belegten, dass die Akademikerquote in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zu gering sei. Das habe dazu geführt, dass Hochschulen teilweise mit viel Geld ausgestattet und sogar „Kopfprämien“ für Studenten eingeführt wurden. Im Gegenzug seien für die duale Berufsausbildung keine Fördermittel gewährt worden. Darüber solle die Politik jetzt dringend nachdenken. Die IHK sieht sich in punkto Aufklärung gut aufgestellt. In Kooperation mit Arbeitsagentur, Jobcentern und regionalen Unternehmen werden Schüler regelmäßig über die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung informiert.

Alle drei Beispiele zeigen: Auch die künftigen Mitglieder der Vollversammlung (für die sich übrigens zur Hälfte neue Kandidaten zur Wahl stellen) müssen im ständigen Dialog mit Unternehmen und Politik bleiben und beharrlich ihre Forderungen vertreten für Wege zu einer prosperierenden regionalen Wirtschaft mit Wachstumspotential. Egal, ob es sich um Kleingewerbetreibende handelt oder die Vorstände von Großunternehmen.