Es ist ein ungemütlicher Dienstagabend. Den ganzen Tag über hat es an diesem 29. Oktober schon geregnet und gestürmt, und als wir an der Tür der Melanchthonstraße 68 klingeln, erreicht dieser Zustand gerade seinen Höhepunkt. Im Flur der Notschlafstelle werden wir sogleich von einer gut gelaunten Dame in gepflegter weiß-violetter Zahnarztmontur begrüßt, gleichermaßen ein warmer Kontrast zur „usseligen“ Welt da draußen und ein optischer zu den Räumlichkeiten des Hauses, in dem regelmäßig Menschen Unterschlupf suchen, die weder ein Zuhause noch eine Möglichkeit zur Pflege sozialer Normen haben. Dr. med. dent. Eva Pavel ist heute für die ehrenamtliche zahnmedizinische Versorgung zuständig, die sie selbst vor sechs Jahren unter dem Namen „Denti vor Ort“ ins Leben gerufen hat. Durch dieses Projekt ermöglicht die Zahnärztin Obdachlosen, Drogenabhängigen oder Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände nicht gesetzlich krankenversichert sind, regelmäßige Betreuung.

Die Idee zu dieser ganz neuen Art des ehrenamtlichen Engagements kam der Krefelderin durch die Arbeit des Medi-Mobils der Caritas, das gesundheitliche Betreuung für Obdachlose anbietet. Als sie 2012 ihre alte Praxis
auflöste und einen großen Teil des Equipments nicht in die neuen Räumlichkeiten überführen konnte, wandte sie sich kurzerhand an den Leiter der Notschlafstelle, Torsten Gärtner, der den Vorschlag Pavels begeistert annahm. „Eines Tages stand sie mehr oder weniger mit einer kompletten Praxiseinrichtung vor der Tür. Das war der Wahnsinn“, erinnert sich Gärtner begeistert. Heute unterstützt er das Projekt als Seelsorger für die Patienten
und assistiert bedarfsweise im Behandlungszimmer.

Was Ende 2012 als Eine-Frau-Projekt begann, wird mittlerweile von einem fünfköpfigen Ärzteteam ermöglicht, das zwei Dienstagabende pro Monat an Menschen in Not verschenkt. „Wir haben alle ein Helfersyndrom“, erwidert Eva Pavel lachend auf die Frage nach der Motivation für das Projekt. Sie finde es schade, wie sehr das Gesundheitssystem bestimmte Personengruppen ausgrenze. Für Pavel und ihre Kollegen Michael Joist, Marcus
Bartsch, Alexandros Drigojias und Dominik Schneider ist der Einsatz zugunsten dieser Menschen Ehrensache. „Aus meinem christlichen Hintergrund heraus und auch als Arzt sehe ich mich verpflichtet, jedem eine Chance auf Gesundheit zu ermöglichen. Diese Menschen werden ständig beiseitegeschoben“, erläutert Bartsch. „Uns besuchen wirklich die Ärmsten der Armen“, fügt Kollege Dr. Michael Joist hinzu. „Diese Menschen wollen oft
nichts weiter als ihre Schmerzen loswerden, um jeden Preis. Das ist für einen Normalbürger unvorstellbar.“

Denti vor Ort

Das Ärzteteam von Denti vor Ort: (von links) Marcus Bartsch,
Alexandros Drigojias, Michael Joist, Dominik Schneider und
Gründerin Eva Pavel

Viele Patienten besuchen die Denti vor Ort-Sprechstunde erst unter höchstem Leidensdruck. Scham und soziale Entfremdung lassen sie lange zögern, bevor sie die Ärzte aufsuchen. In der Konsequenz müssen Pavel und ihre
Kollegen meist Schadensbegrenzung betreiben. Häufig werden Zähne entfernt. Für Prophylaxe oder Zahnerhalt ist es im Regelfall schon zu spät. Auch heute wird Eva Pavel noch vier Zähne ziehen. Alle aus dem Mund eines jungen Mannes, der unter starken Schmerzen nur aufgrund der Unterstützung eines Freundes die Praxis aufsucht und kein Deutsch spricht. Die Verständigung mit den Patienten erfolgt häufig über Zeichensprache, das
sind die Ärzte bereits gewohnt. Durch ihre Aufgabe haben sie gelernt, mit den verschiedensten Menschentypen umzugehen – die Sprache sei dabei die größte Barriere. Der Zustand der Patienten hingegen spiele bei der Arbeit keine Rolle. „Natürlich sind die Menschen, die uns besuchen, oft in einem schlechten Zustand. Die Mundhygiene ist nicht wirklich gegeben, hinzukommen drogenmissbrauchsbedingte Schäden. Deshalb können wir auch oft nur noch durch das Entfernen der Zähne helfen“, so Bartsch. Gerade deshalb freut sich das fünfköpfige Team über jeden noch so kleinen medizinischen Fortschritt. Dass ein Patient im Anschluss an die Denti vor Ort-Behandlung regelmäßig Sprechstunden wahrnimmt, ist allerdings der seltenste Fall. „Ich hatte mal einen Patienten, den ich von hier erfolgreich an meine eigene Praxis übermittelt habe. Er ist regelmäßig zu Terminen gekommen und mittlerweile zahnmedizinisch durchsaniert“, freut sich Eva Pavel.

Lukasz Powaloski konnte dank der Behandlung bei Dr. Eva Pavel
schlimmere medizinische Folgen vermeiden und hat sein Lächeln zurückgewonnen

Lukasz Powalowski ist noch immer Patient bei Eva Pavel und für ihre Hilfe sehr dankbar. Seine Geschichte teilte er in einem Folgegespräch mit uns. „Als ich aus Polen nach Krefeld kam, hatte ich keine Krankenversicherung und war seit 15 Jahren nicht beim Arzt gewesen. Meine Familie hatte sehr wenig Geld, deshalb war ich praktisch mittellos, als ich herkam“, erinnert er sich. Heute ist er kerngesund, lebt mit seiner Lebenspartnerin im Stadtteil Fischeln und baut ein eigenes kleines Unternehmen auf. Dass es so gut ausgehen würde, war lange keine Selbstverständlichkeit. Obschon er nicht zur Gruppe der obdachlosen und drogenabhängigen Patienten gehört, weiß er, wie schwerwiegend chronischer Schmerz und anhaltende Entzündungen das Wohlbefinden beeinträchtigen – und welche gesundheitlichen Gefahren damit verbunden sind. „Als ich zu Frau Pavel kam, hatte ich extremen Kariesbefall. Das war schon so weit fortgeschritten, dass ich chronisch eine leichte Blutvergiftung hatte und unter starken Herzproblemen litt“, erzählt er gedankenverloren. „Ich hatte starke Schmerzen. Frau Pavel musste damals direkt mehrere Zähne ziehen. Aufgrund der Schwere der Situation hat sie mich anschließend in ihre Praxis gebeten, weil die Räume bei Denti vor Ort nicht alle nötigen Geräte hatten.“

Die spärliche Ausstattung der Denti-Praxis sei tatsächlich eine besondere Herausforderung, vor allem das Fehlen eines Röntgengeräts erschwere die Arbeit, bestätigen die Ärzte. „Da die Praxisausstattung auf Spendenbasis zusammengekommen ist, fehlen einige wichtige Geräte, die sonst in jeder normalen Praxis Standard sind. So wissen wir häufig nicht, was uns erwartet. Das war anfangs ungewohnt“, erklärt Marcus Bartsch. Noch heute sei das Projekt auf finanzielle und sachliche Unterstützung angewiesen, um wenigstens das nötigste Equipment immer vorrätig zu haben. Dass ein Patient für die nötigen Eingriffe mit in die eigene Praxis überführt wird, ist zumindest eine gute Übergangslösung.

Das DM-Engagement „Helfer Herzen“
hat das Projekt Denti vor Ort 2014 mit
dem Engagement-Preis ausgezeichnet

 

Doch die allermeisten Besucher der Sprechstunde möchten keine normale Praxis aufsuchen. Sie kommen nur, um die gröbsten Beschwerden loszuwerden. So wie der rumänisch-stämmige Patient unserer gemeinsam verbrachten Sprechstunde. Obschon die Linderung seiner Beschwerden auf recht brachiale Weise erreicht wurde,
verlassen er und sein Begleiter die Praxis mit einem Lächeln – bei dem nun einige Zähne fehlen. Doch der Mann hat keine Schmerzen mehr, als er die Notschlafstelle verlässt und uns zum Abschied freundlich zuwinkt; das Wichtigste für alle Beteiligten. Immerhin – ein Fortschritt. Für die Zukunft wünscht sich das Ärzteteam allerdings eine Möglichkeit, statt eines ausreichenden ein optimales Ergebnis für seine Patienten zu erreichen – und dafür nicht in die eigenen Praxen ausweichen zu müssen.

 

 

Das Ärzteteam sucht noch Verstärkung. Auch Sach- und Geldspenden werden gerne angenommen. Interessenten und Unterstützer melden sich bitte unter 02151 53 50 970 (Praxis Dr. Pavel).