Von ansprechenden Stimmen

Stimmen begleiten uns unser Leben lang. Die Stimmen unserer Eltern, die mit uns sprechen, bevor wir es allmählich von ihnen imitieren. Die Stimmen von Großeltern, Geschwistern, Freunden, die wir sofort zuordnen können und die von Fremden auf der Straße oder in der Bahn, die wir kaum richtig wahrnehmen. Und dann gibt es Stimmen, die uns vertraut sind, obwohl wir den dazugehörigen Menschen nicht kennen. Sie sorgen dafür, dass wir ein Produkt kaufen möchten oder einen Slogan niemals vergessen. Sie entscheiden, ob wir einen TV- oder Hörspielcharakter mögen oder unsympathisch finden. Mehr noch: Sie zeichnen ein Bild dieses Charakters vor unserem inneren Auge. Manche von ihnen sind so untrennbar mit bestimmten Produkten oder Figuren verbunden, dass wir sie niemals vergessen können – man denke an Bruce Willis, Sir Ian McKellen oder den „Mann der tausend Stimmen“, Rufus Beck, der für tausende Kinder die Harry-Potter-Bücher zum Leben erweckt hat. Sie vermögen, Emotionen zu vermitteln und unsere Wahrnehmung zu beeinflussen. Junge, selbstbewusste Stimmen vermitteln uns Gesundheit und Lebensfreude, ältere, tiefe Stimmen Verlässlichkeit und Kraft. Die Menschen, denen diese Stimmen gehören, bilden eine wichtige Berufsgruppe, der von der breiten Masse der Rezipienten kaum Aufmerksamkeit zukommt.

Mediensprecher Christoph Walter

Mediensprecher Christoph Walter

Viele Sprecher beginnen ihre Karriere als Schauspieler oder in einer gänzlich fremden Branche. Wer bereits eine Schauspielausbildung absolviert hat, zu der im Normalfall auch Sprecherziehung gehört, bringt bereits einige wichtige Voraussetzungen für die Arbeit am Mikrofon mit. Wer zunächst in einem anderen Berufsfeld arbeitet, benötigt ein wenig Glück und – vor allem – Geduld. Wie Christoph Walter. Der 42-Jährige kann im kommenden Oktober bereits auf zehn Jahre Sprecherfahrung zurückblicken. In seinem Studio „Planet Voice“ an der Nordstraße in der Krefelder Innenstadt ist er nun seit vier Jahren als selbstständiger Sprecher und Audioproduzent tätig und belebt mit seiner Stimme Werbespots für Kunden wie das Dänische Bettenlager, die Internetplattform Booking.com und jüngst einen Spot des Krefelder Fairkehrs. Der gebürtige Münsteraner fand erst vergleichsweise spät und über Umwege den Einstieg in die Branche, die Berufung zur Arbeit am Mikrofon kam völlig unverhofft. Durch einen Job als Audioproduzent bei einer kleinen Filmproduktionsfirma kam Walter erstmals mit der Berufsgruppe der Sprecher in Berührung. Während der vielen Stunden, die er mit ihnen im Studio verbrachte, erlebte der junge Wahlkrefelder einen Heureka-Moment. „Ich dachte: Das will ich auch. Also habe ich mich schlau gemacht, wie der Berufseinstieg funktioniert“, rekapituliert er. Zunächst folgte Ernüchterung: Ohne vorherige Ausbildung bleibt angehenden Sprechern der Weg zum Mikrofon verwehrt. Eine fundierte Sprecherziehung muss die Stimme zunächst auf die Arbeit im Studio vorbereiten: Sprechen will gelernt sein.

“Viele Endverbraucher sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass Sprecher nicht „einfach“ in ein Mikrofon reden, sondern einen anspruchsvoll erlernten Beruf ausüben.“

Viele Endverbraucher sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass Sprecher nicht „einfach“ in ein Mikrofon reden, sondern einen anspruchsvoll erlernten Beruf ausüben. Im Alltag werden Berufs-Sprecher häufig mit diesen Vorurteilen konfrontiert. „Sprechen kann doch jeder, denken viele. Tatsächlich ist es aber ziemlich anspruchsvoll und kann ganz schön anstrengend sein“, erklärt Christoph Walter. „Der Unterschied zwischen der Möglichkeit, etwas zu tun und tatsächlichem Können, ist ziemlich groß. Ich gehe ja auch nicht Fliesen legen. Ich wäre zwar vermutlich in der Lage dazu, würde aber länger brauchen und das Ergebnis wäre nicht ansatzweise so gut wie das eines gelernten Fliesenlegers. So ist es auch beim professionellen Sprechen.“ Während er von seinem Berufsalltag erzählt, imitiert Walter immer wieder verschiedene Stimmen und Sprechweisen. Aus dem großen Mann mit Brille und Kahlkopf tönt mal eine Anrufbeantworteransage im Stewardessen-Stil oder eine abgehackte Computerstimme, dann wieder der tiefe und leicht verbissene Sprachduktus eines Klischée-Geschäftsmannes. Auch das gehört zum Sprecherberuf dazu: Leidenschaft. Ohne Offenheit und Spielfreude geht es nicht. Ebenso ist ein hohes Maß an Konzentration unerlässlich, um vor dem Mikrofon zu bestehen. „Vor allem Synchronsprecher müssen auf Knopfdruck abliefern können. Die müssen bestens vorbereitet, fit und hochmotiviert ins Studio kommen und dann geht es los“, erklärt Walter.

“Vor allem Synchronsprecher müssen auf Knopfdruck abliefern können. Die müssen bestens vorbereitet, fit und hochmotiviert ins Studio kommen und dann geht es los.”

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Stimme allein mit den Stimmbändern produziert wird. Sprechen ist etwas zutiefst körperliches. Gesichtsmuskulatur, Zunge, Zähne, Nase, Rücken- und Bauchmuskeln sind aktiv an der Artikulation beteiligt und können durch passendes Training für das professionelle Sprechen geschult werden. Ein großes Problem der Branche liege leider in der Vielzahl schlechter Ausbilder, erzählt Christoph Walter: „Viele selbsternannte Sprechtrainer verfügen entweder nicht über die pädagogischen Fähigkeiten, Neulinge in das komplexe und sensible Thema der Sprecherziehung einzuweisen. Wieder andere setzen eher auf den schnellen aber kurzweiligen Erfolg, ohne fundierte Grundkenntnisse im Körpertraining zu vermitteln.“ Beides sei allerdings unerlässlich für eine langanhaltend gute und gesunde Stimme. Niemand könne über Nacht zum Profi werden. „Ich persönlich glaube aber, dass grundsätzlich jeder sprechen kann. Wirklich schlechte Stimmen gibt es nur sehr wenige. Und selbst diese Leute können lernen, besser mit ihrer Stimme umzugehen“, findet Walter. Kürzlich ist der dreifache Vater in den Vorstand des Verbands Deutscher Sprecher eingetreten, der als Netzwerk, Förderverband und Rechtssicherheitsvertreter für freie Sprecher in der Bundesrepublik dient. Die Liebe zum Sprechen und der Einsatz für die Belange der Berufsgruppe bestimmen den Alltag von über dreihundert weiteren professionellen Sprechern in ganz Deutschland. Sprecher sein bedeutet mehr als „nur“ sprechen. Wer diesen Beruf professionell ausüben will, muss auch lesen, verstehen, zuhören, einfühlen und vorbereiten – und viel Leidenschaft mitbringen. Am Ende ist es das, was den Unterschied macht zwischen der Stimme eines Fremden, die wir sofort wieder vergessen und der Stimme, die wir im Ohr behalten.

Christoph Walter, Planet Voice, Nordstr. 30, 47798 Krefeld, Telefon: 02151 6562626