„Ich will nicht von so ’ner ekelhaften Transe bedient werden wie du es eine bist“, sagt ein älterer Mann betont laut und zeigt auf den gutaussehenden, großgewachsenen Jungen mit den stahlblauen Augen und der umgedrehten Basecap, der gerade noch lässig neben dem Tisch stand, um freundlich nach dem Getränkewunsch des Mittfünfzigers zu fragen. Es dauert nur wenige Sekunden, und eine Schwärze schießt in die Augen des charismatischen Kellners. Mit einem großen Schritt geht er nach vorne, bückt sich leicht und reißt mit seiner Manneskraft den Tisch um, an dem der Herr gerade noch gesessen hat. Im nächsten Moment eilen Kollegen heran, halten den jungen Kellner fest und bugsieren den Kunden mit einem geballten Wortstrahl vor die Türe. Es ist die Wut, die den 23-Jährigen die Verfassung hat verlieren lassen – zum ersten Mal in seinem Leben. Eine Wut, hervorgerufen durch jahrelanges Mobbing seiner Mitschüler, durch familiäre Unterdrückung und psychische Misshandlung therapeutischer Dilettanten – denn obwohl Leon Damian bei seiner Geburt als Mädchen identifiziert wird, weiß er für sich schon immer, dass er eigentlich ein Junge ist. Eine Lebensentscheidung, mit der das Deutschland des 21. Jahrhunderts noch immer überfordert ist.

 

Leon wird 1995 in einem kleinen Ort im Weseler Kreis geboren. Damals heißt er noch nicht „Leon“. Den durch seine Eltern gewählten Namen spricht er heute nicht mehr aus, zu groß seien die negativen Assoziationen, die hinter ihm stehen. „Schon mit vier Jahren habe ich statt Mädchenkleidung zu Jungsklamotten gegriffen“, erinnert er sich. „Aber auch schon mit vier Jahren hat niemand verstanden, dass ich das Shirt der Blümchenbluse vorziehe.“ Während die Kinder ihn als würdigen Gegner im Fußball anerkennen und sie es nicht stört, dass er wie selbstverständlich die Jungen-Toilette statt den Mädchen-Waschraum wählt, lassen die Erwachsenen ihre Vorurteile am Heranwachsenden lauthals aus. „Das führte soweit, dass mich Kinder auf der Straße angesprochen haben, die von ihren Eltern geschickt wurden, um zu fragen, ob ich denn nun ein Junge oder ein Mädchen sei“, sagt Leon. „Das ständige Nachfragen hat mich damals sehr verletzt.“ Mit der Einschulung stecken die Eltern ihre Kinder an. Statt für Toleranz und Offenheit zu sorgen, intervenieren sie, wenn ihre Kinder mit Leon spielen, der für ein ländliches Leben offensichtlich zu anders zu sein scheint. Die Kinder nehmen die Skepsis ihrer Eltern zum Anlass, um den Schüler aufs Schlimmste zu misshandeln. Leon wird kopfüber in die Toilette gesteckt, bis er nicht mehr atmen kann, er wird übergriffig beschimpft und so stark schikaniert, dass er versucht, sich das Leben zu nehmen. Auch bei seiner Familie findet er nur wenig Verständnis, zu groß sei vielleicht die Enttäuschung darüber, mit Leon als Kind in dem ländlichen Dorf aufzufallen. Eines Tages fragt er seine Oma, ob er denn auch irgendwann Brüste haben müsste, und sie antwortet: „Mein liebes Kind, wenn du keine Brüste haben möchtest, dann musst du es auch nicht“, aber nur wenige Jahre später stirbt die verständnisvolle Frau, und Leon verliert seine Verbündete.

Heute ist Leon ein sympathischer, offener junger Mann, der davon träumt, mit der
Kamera Lobbyarbeit für Transsexuelle weltweit zu leisten

Also macht sich der damals 13-Jährige selbst auf die Suche, durchforstet das Internet, um Jungen und Mädchen zu finden, denen es genauso geht wie ihm. „Man kann ja viel über Soziale Medien sagen, aber damals waren sie mein Lexikon“, erzählt der begeisterte Bücherwurm. „Über Instagram habe ich vor allem in Amerika Transsexuelle aufgespürt, die von ihrem Leben und ihrem Wandlungsweg berichtet haben.“ Während sich der 13-Jährige mit seiner eigenen Aufklärung beschäftigt, geht die Pubertät an ihm nicht spurlos vorbei. Als er das erste Mal einen Brustansatz fühlt, zerspringt für ihn das letzte Fünkchen heile Welt. „Ich habe mich als Junge gekleidet, da darf eine Brust nicht sein“, erinnert er sich. „Ich lag nächtelang wach im Bett und habe immer wieder diesen kleinen Klumpen auf meinem Brustkorb gefühlt. Aber er wurde nicht kleiner. Im Gegenteil.“ Hilflos und überfordert macht er das, was viele in seiner Situation getan hätten: Mit engen Unterziehshirts versucht er jahrelang, die Brust wegzudrücken, beschädigt dabei dauerhaft seinen Rippenkranz. „In Amerika gab es eine Internetseite, die versuchte, über Spenden Brustabbinder zu finanzieren, die nicht gesundheitsschädlich sind. Aber das war eben in Amerika und nicht in Deutschland“, erklärt Leon. „Ich wusste nicht, was ich mir antue.“

Mit 15 Jahren spricht er dann zum ersten Mal aus, was er sein Leben lang gefühlt hat. Seiner besten Freundin vertraut er sich an. „Ich habe gesagt, dass ich ab jetzt Leon genannt werden möchte und dass ich mich nie wie ein Mädchen gefühlt habe“, erinnert er sich. „Sie sagte ‚Okay‘, und damit war das Thema durch.“ Trotzdem fühlt sich Leon weiterhin abartig. Immer wieder wird er damit konfrontiert, anders zu sein, und Beschimpfungen wie „Du Neutrum“ wirken wie Eisspitzen auf seiner dünnen Haut. Aber der starke, junge Mann lässt den Kopf nicht hängen und kämpft mit unsagbarer Löwenkraft um das, was er in sich sieht: Er möchte auch offiziell und biologisch ein Mann werden. Nach etlichen Anrufen findet er endlich eine Therapeutin, die sich zutraut, mit ihm zu arbeiten. Einmal in der Woche nimmt er mehrere Stunden Zugfahrt auf sich, um sie in Xanten zu besuchen. Sein Ziel ist es, ein Indikationsschreiben von ihr zu bekommen, das bei den Krankenkassen in Deutschland die Grundlage dafür bildet, eine Hormonbehandlung und mögliche, weitere geschlechtsangleichende Operationen genehmigt zu bekommen. Nach anderthalb Jahren begleitet sein Vater ihn zur Therapeutin, und die Medizinerin offenbart sich ihm mit den Worten: „Sie glauben doch nicht, dass Ihre Tochter das je von mir bekommen wird. Der liebe Gott hat sie nicht umsonst mit einer Scheide geboren.“ Anderthalb Jahre Offenbarung waren umsonst.

Leons Nacherzählungen treiben dem Zuhörer die Tränen in die Augen und lassen ihn die Hand in der Tasche zu einer Faust formen, so bitter fühlen sich die Diskriminierungen an, denen der Mann schon in jungen Jahren ausgesetzt war. Kein Wunder also, dass für den gerade Volljährigen eine Welt zusammenbricht. Er fühlt sich vom Leben bestraft. Wie soll er sich auch sonst fühlen, wenn er, egal wie sehr er sich anstrengt und mit wie viel Power er eigeninitiativ trotz des großen Gegenwindes immer wieder an sich arbeitet, trotzdem gegen unüberwindbare Wände läuft?

Aber Leon versucht weiterhin, den Berg der bürokratischen Hürden zu erklimmen. Nach etlichen Anrufen findet er endlich eine andere Therapeutin, die einwilligt, mit ihm eine Hormonbehandlung durchzuführen. Mit einem Gel gewöhnt der damals 19-Jährige einen Monat lang seinen Hormonhaushalt an das vorsichtig zugeführte Testosteron; anschließend bekommt er alle zwei Wochen eine Hormonspritze. Schnell verändern sich sein Aussehen und seine Gewohnheiten: Er hat größeren Appetit, der Hals schmerzt, und seine ungeliebte Stimme wird tiefer und kerniger. Seine Oberschenkel, die Hüfte und der Bauch verschmälern sich, und ihm wächst ein leichter Bart. Leon wird endlich optisch zum Mann – jedenfalls oberflächlich.

Parallel dazu versucht er, auch bei den Behörden seine Entscheidung zu besiegeln. Anderthalb Jahre kämpft er in einem unendlichen bürokratischen Marathon darum, seinen Personenstatus, also sein Geschlecht, sowie seinen Namen im Pass zu ändern. In Deutschland sind dafür unter anderem zwei Gutachten von unabhängigen Gutachtern, ein eigenhändig verfasster Transgender-Lebenslauf und eine Anhörung beim zuständigen Landesgericht notwendig. Ein wichtiger Prozess, denn transsexuell zu sein und sich dafür zu entscheiden, mit einem anderen Geschlecht weiterzuleben, sollte keine Hauruck-Entscheidung oder ein kurzfristiger Trend sein. Was Leon dafür aber erdulden muss, klingt unglaublich. „Wie es vorgesehen war, besuchte ich zwei Gutachter. Einen Mann und eine Frau“, erklärt Leon und blinzelt auffällig. „Er meinte, ich solle meine Hose runterziehen und meine Brust zeigen. Er wollte wissen, ob ich eine Boxershorts statt einem Mädchenslip trage. Ich habe mich furchtbar gefühlt.“

„Die wollten meinen Ausweis sehen, aber darauf stand ja nun mal, dass ich eine Frau bin. Vor ihnen stand aber ein Mann. Ich wurde behandelt, als wäre ich kriminell.“

Das Düsseldorfer Landesgericht bekommt davon nichts mit, lässt im Anschluss aber auch urkundlich aus Leon einen Mann werden. Der Junge glaubt, dass damit die Schikanen vorbei seien: Zwar sieht Leon mit abgebundener Brust, Bartwuchs und tiefer Stimme nun aus wie ein Mann; ein neuer Pass lässt aber etliche Monate auf sich warten, und im Kontakt mit Buskontrolleuren, Tankstellenpersonal und offiziellen Stellen wird der inzwischen 20-Jährige immer wieder des Betrugs bezichtigt. „Die wollten meinen Ausweis sehen, aber darauf stand ja nun mal, dass ich eine Frau bin. Vor ihnen stand aber ein Mann“, erinnert er sich. Das sei so weit gegangen, dass Kontrolleure die Polizei gerufen hätten. „Ich wurde behandelt, als wäre ich kriminell.“

Der Heranwachsende hält irgendwann dem Druck nicht mehr stand, er bricht in Absprache mit den Lehrern die Schule vor dem Abitur ab, kämpft nun ganz darum, seine Geschlechtsangleichung und damit das alte Leben endlich vollständig hinter sich zu bringen.

Nach einem Jahr Diskussion mit den Krankenkassen führt ihn der nächste Schritt in die Kaiserswerther Diakonie. Um eine vollständige Geschlechtsangleichung von einer biologischen Frau zu einem Mann durchzuführen, sind weltweit mindestens drei Operationen notwendig. In Deutschland werden auch dafür die zwei unabhängigen Gutachten sowie eine mindestens 18-monatige Psychotherapie erfordert, um diese genehmigt und finanziert zu bekommen: Die erste Operation ist klassischerweise die Hysterektomie, also die Entfernung der Gebärmutter, der Eileiter und der Eierstöcke. In der zweiten Operation wird die weibliche Brust entfernt, deren Wachstum bereits mindestens sechs Monate vor dem Eingriff durch das gespritzte Testosteron zum Stopp gebracht wurde. Die letzte Operation stellt die Konstruktion eines Penis dar, die weltweit durch unterschiedliche Verfahren durchgeführt wird. Vor allem die letzte Operation ist mit vielen Risiken verbunden und ein komplexer Vorgang: Häufig wird Gewebe aus den Unterarmen entnommen, um daraus einen Penis zu formen. „Dieser Schnitt am Unterarm identifiziert viele als Transgender“, sagt Leon und schiebt ein „leider“ hinterher. Die Technik geht sogar so weit, dass durch einen Pumpenmechanismus eine Versteifung des Glieds möglich sei.  Die Horrorgeschichten, die aufgrund missglückter Operationen oder Wundheilungsstörungen im Internet kursieren, nehmen aber immer noch Überhand. „Ich bin sicher, dass die Technik da in den nächsten Jahren auch noch weiterkommen wird. So wird das Risiko für alle geringer“, sagt Leon.

Der 23-Jährige ist erstmal „fertig“. Im vergangenen Jahr zog er aus dem kleinen Dorf in Wesel in das scheinbar tolerantere Krefeld, um hier als junger Mann neu anzufangen. In den Sozialen Netzwerken geht er inzwischen offen mit seiner Geschichte um und möchte andere junge Transsexuelle stärken, die eigene Andersheit anzuerkennen und sich mit sich selbst wohlzufühlen. Er möchte anderen in seiner Situation die Hilfe geben, die ihm gefehlt habe, sagt er. Selbst beschreibt er sich auch heute noch als schüchtern und introvertiert. Er würde aufgrund der enormen Anfeindungen in der Vergangenheit nicht so wirklich Menschen mögen, erzählt er verlegen. Aber seine offene Art, seine vertrauensvolle Stimme und sein bewundernswerter Mut, seine Geschichte zu erzählen, zeigen, dass er auf einem anderen Weg ist. Der Krefelder träumt davon, irgendwann als Foto- und Videograf um die Welt zu reisen, alle Wegbegleiter zu besuchen, die er auf seiner Reise von der biologischen Frau zum Mann im weltweiten Netz kennengelernt hat und am Ende in einer großen Halle eine Ausstellung zu veröffentlichen. „Dafür möchte ich weltweit Transsexuelle fotografieren“, sagt er. „Denn genau wie jeder andere auch haben wir es verdient, dass man uns als Individuen zeigt und anerkennt.“

 

 

Weitere Informationen zur Thematik Transgender finden Sie im Internet: www.transsexuell.de; www.trans-ident.de ; www.transx.at ; transmann.de