Von delikaten Mutproben, Vandalismus und Leergut-Attacken

 

In der Krefelder Innenstadt gibt es sie an jeder Straßenecke: Kioske und Spätis. Kleine Ladenlokale oder ehemalige Wohnungen mit eingebauter Glasfront zur Straße und blinkenden Leuchtschildern, die die Aufmerksamkeit der Passanten anziehen. Die Kundschaft ist ähnlich bunt gemischt wie die Süßigkeiten im Schaufenster: Kinder, die „Süß für einen Euro“ kaufen möchten, Jugendliche auf dem Weg zur Party, Geschäftsleute, durstig auf ein Feierabendbier, und Menschen, denen das Leben offenbar übel mitgespielt hat. Lauf- und Stammkundschaft. Angenehmer und unangenehmer Besuch. Die meisten Kiosk-Besitzer verbringen selbst die meiste Zeit hinter der Ladentheke, manchmal bis zu 70 Wochenstunden. Viel Zeit, in der diverse Schachteln Zigaretten, Bierflaschen und Kaugummis den Besitzer wechseln – doch nicht nur das. Wir haben mit Krefelder Kiosk-Betreibern über ihren Berufsalltag gesprochen.

 

Freizügige Überraschungen

Wo könnte ein Kiosk in der Seidenstadt mehr florieren als in unmittelbarer Nähe zum Krefelder Party-Viereck an der Dießemer Straße? Nur wenige Schritte entfernt von Magnapop und Co. leuchtet ein kleines buntes Schaufenster in die Nacht, auf dem ironischerweise in großen gelben Lettern die Worte „BIG Kiosk“ prangen. Hinter der Ladentheke wartet Inhaber Ricardo Goncalves entspannt auf seine Besucher. Der braungebrannte 35-Jährige mit freundlichen braunen Augen trägt immer ein Lächeln auf den Lippen. Vor drei Jahren hat er das Geschäft vom Vorbesitzer übernommen und empfindet gute Umgangsformen in seinem Beruf als Selbstverständlichkeit. „Man sollte einfach höflich sein. So, wie man als Verkäufer seine Kunden behandelt, so behandeln sie einen auch“, erklärt er. Während unseres Besuchs bei Ricardo gehen einige Kunden ein und aus, viele von ihnen werden mit Handschlag und Namen begrüßt, wie alte Freunde.

Seit er den Kiosk vor drei Jahren übernommen hat, habe sich einiges verändert, erzählt er. „Damals existierte hier noch ein sehr aktives Rotlichtmilieu. Die Damen sind häufig zu uns gekommen, um sich das eine oder andere zu kaufen. Meistens war es Wodka“, erinnert er sich mit einem vielsagenden Blick und ergänzt: „Sie kamen oft nur mit einem Bademantel bekleidet vorbei, weil sie keine Lust hatten, sich extra was anzuziehen. Beim ersten Mal war das noch eine Überraschung, später völlig normal für mich.“ Damals hatte der Kiosk an den Wochenenden noch länger geöffnet, oft bis drei oder vier Uhr. „Der Laden wurde von vielen Leuten als Treffpunkt genutzt. Es war immer etwas los. Das hat nachgelassen, seit sich eine Anwohnerin beschwert hat. Ich finde es schade, es war immer lustig“, erzählt er lächelnd.

Seit der Beschwerde darf sein Kiosk am Wochenende nur noch bis 24 Uhr geöffnet bleiben. Diese Regelung bringt den Verkäufer zwar um seine Party-Kundschaft in den frühen Morgenstunden. Dennoch geschehen ab und an unerwartete Dinge: „Ach, es passiert immer mal wieder was. Bisher habe ich nur lustige Sachen erlebt. Mutproben zum Beispiel.“ Ricardo wurde bereits mehrmals Augenzeuge skurriler Wetten, doch eine Begebenheit hat sich besonders eingeprägt. „Meistens sind das wirklich blöde Kleinigkeiten. Klingelstreiche oder so. Einmal kam allerdings ein Pärchen hier vorbei. Die beiden hatten getrunken. Ich hörte sie schon vor der Tür diskutieren: ,Das machst du eh nicht’, meinte die Frau. Da wusste ich schon, irgendwas kommt gleich auf mich zu. Der Mann kam dann in den Laden, stellte sich vor mir auf und hat einfach die Hosen runtergelassen. Dann hat er sie wieder hochgezogen und die zwei sind gegangen“, erinnert er sich schmunzelnd an die kleine Überraschung. Alkohol – die Muse allen Unfugs.

Vandalismus im Blumenbeet

Auch Özer Özsarac hat viel zu erzählen. Der attraktive 35-Jährige ist „hinter der Ladentheke großgeworden“ und hat das Geschäft vor einigen Jahren von seinen Eltern übernommen. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll!“, sagt er mit großen Augen, unter denen sich die langen Arbeitstage abzeichnen. Er ist ein Beobachter – und jemand, der es gewöhnt ist, zuzuhören anstatt selbst zu sprechen. „Die Leute, die herkommen, erzählen unheimlich viel. Erst heute Morgen kam ein älterer Herr, der mir von seinen Kriegserlebnissen berichtet hat“, sagt er. Ein nicht geringer Anteil seiner Kundschaft speist sich aus jugendlichen Partygängern. „Der Job ist nicht für jedermann. Man muss auch vieles wegstecken können“, fährt er fort. Seine Stimme ist abgeklärt und bedächtig wie die eines Menschen, der gelernt hat, dass in der Ruhe die Kraft liegt.

Das Viertel rund um die Dießemer Straße hat ein Problem mit Vandalismus und latenter Verwahrlosung. Einen Teil davon schreibt der 35-Jährige dem Party-Publikum zu. „Ich habe vor ein paar Jahren von der Stadt die Genehmigung bekommen, die Grünflächen um den Laden herum zu bepflanzen. Ich habe liebevoll die Beete schön gemacht, mit tollen Blumen. Dann kam der Samstag, und die Partygäste haben alles plattgetrampelt“, erinnert er sich wehmütig. Auch sein Geschäft hat schon das ein oder andere Mal unter der Unbeherrschtheit und den Gleichgewichtsstörungen betrunkener Besucher gelitten. „Wenn ich sehe, dass jemand torkelnd reinkommt, halte ich innerlich schon den Atem an“, fährt er leicht amüsiert fort. „Aber es gibt auch sehr schöne Seiten an meinem Job. Zum Beispiel haben sich hier im Laden schon viele Pärchen gefunden. Das ist hier wie in einem Single-Café. Wenn ich merke, dass sich zwischen zwei Menschen etwas anbahnt, ziehe ich mich aber zurück“, lacht er. „Und die Familien im Viertel kaufen gerne bei mir ein. Die Kinder hier sind sehr lieb.“ Wir unterhalten uns noch eine Weile. Özer weiß viel über das „Viertel“, über die Geschichte und die Menschen dort. Auch Dinge, die lieber nicht in der Zeitung stehen sollten, wie er findet. Mehr möchte er nicht verraten.



Die Leergutattacke

Sahin Günay empfängt ihre Kunden im Kiosk 58 mit einem breiten Lächeln, oft schon vor der Tür, rauchend oder mit einem Becher Kaffee in der Hand. Die freundlichen Augen der türkischstämmigen Wahlkrefelderin sind mit braunem und schwarzem Kajal umrandet, auf ihren Wangen leuchten Sommersprossen. Den auffallend gepflegten Eck-Kiosk in einem rosafarbenen Altbau in der Krefelder Südstadt betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann. „Das ist unser Familienbetrieb“, sagt sie stolz. Deshalb werde das Geschäft von Sahins Familie und Freunden auch häufig als Treffpunkt genutzt. „Hier ist immer viel los. Es ist ungewöhnlich, dass ich mal ganz alleine bin“, lacht die fröhliche 58-Jährige. Ihre Kunden seien alle sehr nett, der Job entspannt. Bis auf wenige Ausnahmen sei eigentlich nie etwas vorgefallen. „Nur einmal, das war verrückt“, fängt Sahin an, „ich war alleine im Kiosk, es war abends. Da kam ein junger Mann mit ein paar Flaschen Leergut vorbei. Er hat die Flaschen in die Leergutkiste gestellt und sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank genommen. Damit wollte er einfach gehen. Ich habe gesagt, er müsse das Bier bezahlen, da hat er sich umgedreht, das Bier wieder zurückgestellt und sich seine Leergutflaschen wieder eingepackt. Ich fand das komisch, habe aber gedacht, das war′s und nicht mehr auf ihn geachtet.“ In diesem unachtsamen Moment entlud sich offenbar der Ärger des Fremden. „Plötzlich habe ich nur etwas gehört und etwas auf mich zufliegen sehen. Er hat eine der leeren Bierflaschen nach mir geworfen. Ich habe mich geduckt, und die Flasche ist an meinem Arm zerbrochen. Ich hatte eine große Schnittwunde am Unterarm“, schildert sie und zeigt uns die Stelle. Heute lacht sie über die Skurrilität der Situation. Angst hat Sahin wegen solcher Erlebnisse nicht. „Nein. Ich habe keine Angst. Das Leben kommt, wie es kommt“, findet sie und lacht wieder. Mit dieser Einstellung ist sie eine von wenigen Frauen im Kiosk- und Späti-Geschäft. Die meisten entsprechenden Läden werden von Männern geführt.

Ricardo, Özer und Sahin sind sehr verschiedene Menschen. Dennoch haben sie Eigenschaften gemeinsam, die sich sicherlich mit ihrem Beruf verknüpfen lassen. Sie alle tragen eine tiefe Ruhe in sich. Der tägliche Umgang mit vielen verschiedenen Menschen erfordert Anpassungsfähigkeit, Offenheit, lange Arbeitstage, Durchhaltevermögen. Nicht nur deshalb ist der Beruf des Kiosk-Besitzers nicht für jeden geeignet. Wir haben noch mit weiteren Inhabern gesprochen. Die meisten von ihnen wollten uns ihre Geschichten nicht erzählen; aus demselben Grund, mit dem Özer seine Erzählung beendete: „Das sind Dinge, die lieber nicht in der Zeitung stehen sollten.“