Es ist „das gelbe Haus am Stadtwald“, das jeder Krefelder schon oft beim Sonntagsspaziergang oder der Joggingrunde gesehen hat. Königlich und märchenhaft zugleich thront es am Eingang des historischen Krefelder Parks und wirkt fast schon als Wächter des geschichtsträchtigen Areals, das der Krefelder Seidenbaron Wilhelm Deuß der Stadt Krefeld schenkte. Immer wieder lässt sich durch den schmiedeeisernen Gartenzaun und durch die dichten Sträucher ein Blick auf den verwunschenen Garten und das traumhafte Haus erhaschen, die dahinter liegen. Wer um Einlass bitten möchte, läutet eine alte Kuhglocke, die laut und blechern das alltägliche Treiben durchbricht. Es erinnert an das Durchschreiten eines Portals als Birgit Schlechter und Chris Worms das Tor erreichen. Sie öffnen den Eingang zu ihrer Welt und sprechen eine vorsichtige Begrüßung aus: „Willkommen auf unserer Insel. Kommt rein.“

Mit der Restauration des Gelben Hauses hat Künstler Chris Worms sein Lebenswerk geschaffen

Die Augen wissen nicht, wo sie sich lassen sollen, so eindrucksvoll ist das, was die beiden hinter dem hohen Gartenzaun erschaffen haben: Auf 1.000 Quadratmetern haben sie eine Oase geprägt, die drinnen und draußen, Wirklichkeit und Fantasie, Natur und Moderne ineinander verschwimmen lässt. Im Schatten des wunderschönen Hauses erweitern unterschiedliche Themen-Areale den Wohnraum und laden ein, in die Kultur ferner Länder einzutauchen und sich ganz der Inspiration hinzugeben.

Im Palmenhaus träumt sich der Besucher in fernasiatische Welten: Bambuselemente verzieren die Wände, und ausrangierte Antiklampen geben durch Straußeneier ein wohliges Licht ab. Einige Schritte weiter erinnert eine mediterrane Terrasse mit Stecksteinen und einer Feuerstelle an Stadtplätze in der Toskana. Und in direkter Nachbarschaft versetzen vier Tonnen aufgeschütteter, originaler Strandsand und ein türkischer Brotbackofen die Sinne an das Schwarze Meer.

Das Palmenhaus ist nur eine von vielen Themenwelten, die das Ehepaar liebevoll gestaltet hat

 

Zu jedem Themenbereich kann Chris Worms eine eigene Geschichte erzählen, und wer sich Zeit nimmt und dem Künstler zuhört, erfährt nicht nur Interessantes über Kunstgeschichte, kulturelle Traditionen und Sagen, sondern hat das Glück, auch in die eigene Vergangenheit des Urkrefelders eintauchen zu dürfen, die aus jeder Faser des Anwesens widerhallt. Chris Worms wächst in Uerdingen auf. Er lebt in einfachen Verhältnissen: Für Reisen fehlt ihm das Geld, und auch seine Stadt kennt er außerhalb der Uerdinger Komfortzone nur wenig. Schon immer gilt sein Interesse dem, was sich nur schwer fassen lässt. Der junge Mann studiert Religionswissenschaften, Philosophie und Kunst. Aber die Studentenjahre ziehen sich, dennfür das Studium ist von Haus aus kein Geld da. Durch Nebenjobs beim Schreiner, beim Zimmermann oder auch beim Dachdecker hält er sich über Wasser. Chris Worms ist fleißig,und seine Meister belohnen ihn dafür: Sie geben ihr Fachwissen an den fitten Studenten weiter und behandeln ihn als vollwertige Arbeitskraft. „Ich wusste, wie ich meine Hände nutzen kann“, erinnert sich der 63-Jährige. „Und nach dem Studium machte ich es mir zur Aufgabe, Dinge zu restaurieren, die von der Fachwelt bereits als nicht wieder herstellbar abgeschrieben waren.“ Worms wertet Burgen auf, haucht Kunstdenkmälern neuen Glanz ein, erschafft zum Beispiel die Portal-Löwen von Haus Traar aus mehr als 700 Einzelteilen neuoder restauriert das vierstöckige Mosaik über die Geschichte der Seidenstadt am Ostwall. Damit macht er sich einen Namen: Seine Projekte werden mehrmals mit dem Denkmalpreis ausgezeichnet.

Worms

Mit der Restauration des Gelben Hauses hat Künstler Chris Worms sein Lebenswerk geschaffen

Auch das Amt für Denkmalpflege erkennt die Gabe des Künstlers, Verlorengeglaubtes in seiner Ursprünglichkeit wiederaufzubauen. Und eines Tages bietet man ihm an, für den privaten Gebrauch ein Objekt am Stadtwald zu besichtigen, das von Investoren niedergerissen werden soll. „Plötzlich fand ich mich in einem Haus in völlig desolatem Zustand wieder“, erklärt Worms. Das alte Wächterhaus des Stadtwalds ist eine Ruine: Müll und Zurückgelassenes von Obdachlosen bedeckt den Boden, das Mauerwerk ist durch Hausschwamm beschädigt, das alte Fachwerk durchfressen, und im Keller hat sich über die Zeit Kloakenwasser gesammelt. „Ich fand es grausam“, erinnert sich der Künstler, der nun aber begeistert fortfährt: „Ich habe auch das Märchenhafte in der Ursprünglichkeit der Architektur erkannt.“ Das Amt für Denkmalpflege hat vor, dem Restaurateur das Objekt zu überlassen. Eigentlich möchte Worms ablehnen, zu groß ist die Angst vor der finanziellen Belastung und dem nicht einschätzbaren Arbeitsaufwand. „Als Selbstständiger einen Kredit zu bekommen, war damals schon fast unmöglich. Aber das Denkmalamt sagte mir Fördergelder zu. Und am Ende sagte ich ja“, erzählt er.

Doch die zugesagten Zuschüsse bleiben aus. Anfang der 90er beginnt Chris Worms mit 62 D-Mark Kapitalvermögen den Umbau der Ruine. Als freischaffender Künstler und Restaurator versucht er, die ernormen Kosten auszugleichen. Tagsüber verdient er Geld mit Kunst und Handwerk, abends ackert er auf der Baustelle. Immer wieder werfen ihn Zwischenfälle zurück: Der Boden stellt sich als vergiftet heraus und muss abgetragen werden, der Hausschwamm ist hartnäckig, und nachts dringen immer wieder Vandalen auf das Gelände ein und zerstören das Tagewerk. Um über sein Grundstück zu wachen, baut sich Worms eine kleine Holzhütte auf dem Gelände, die er liebevoll „das Meisterhaus“ nennt. Spartanisch lebt er hier mit einem kleinen Bett vor einem großen Bücherschrank, voll mit Fachliteratur zu Kunst und Restauration, einer Kochnische, die von weiß-blauen Kacheln geziert wird, und einem Sonnenplatz direkt vor der Türe, der noch heute als beliebter Frühstücksplatz des Paares dient.

 

Als selbstständige Goldschmiedin liebt
auch Birgit Schlechter den unkonventionellen Lebensstil

Es dauert nicht lange, bis auch Birgit Schlechter dem Künstler in der Hütte Gesellschaft leistet. Als selbstständige Goldschmiedin liebt sie das Handwerk genauso wie die Kunst. Beide sind fasziniert vom unkonventionellen Lebensstil und der alternativen Lebensform des anderen; also trägt Schlechter ab jetzt das Projekt mit. „Viele Arbeiten am Haus waren körperlich einfach zu anstrengend für mich, aber ich konnte Chris‘ Versorgung abdecken“, sagt sie und schaut liebevoll in die Richtung ihres Mannes. „Zu kochen, zu waschen und ihn mental aufzubauen, das war selbstverständlich.“

Es dauert mehr als zehn Jahre bis aus der Ruine ein Wohnhaus wird, auch Anfang der 2000er ist das Projekt nicht abgeschlossen. Worms und Schlechter legen Geduld und Liebe in ihre Arbeit: Jedes Element ist gut durchdacht und einmalig. „Die Treppe habe ich zum Beispiel aus der letzten Ulme des Stadtwaldes geschreinert“, erklärt der Hausherr und ergänzt: „Wenn du sie hinunterläufst, macht jede Stufe einen eigenen Klang. Es ist wie ein Lied.“ Die Treppe mündet in eine Galerie, die die Arbeiten der Goldschmiedin ausstellt, und von hier aus geht es ins angrenzende Schlafzimmer.

 

Eine eindrucksvolle Holztüre aus einer alten Schiffsdecke in einem aufwendig geschnitzten Rahmen aus dem Swat-Tal führt in den Anbau. „Der Türrahmen stammt aus Pakistan“, erzählt Worms. Gemeinsam mit einem Journalisten hat er hier eine Spendenaktion für die Region in Südasien gestartet: Die Bergvölker auf der ehemaligen Seidenstraße begannen, ihre traditionellen Türrahmen zu verbrennen, weil das Feuerholz knapp geworden war. Worms und der Redakteur entwickeln Energiequellen, die die Familien in den Bergen zum Kochen oder Heizen nutzen können. Das außergewöhnliche Kulturgut kann so erhalten bleiben. „Aus Dank bekam ich diesen Türrahmen“, erklärt der Künstler.

Schlechters Schmuckwerkstatt befindet sich heute im „Meisterhaus“, dem Unterschlupf des Paares während der langen Bauzeit

Nach Pakistan gereist und die Bergvölker besucht, das hat er nie. Generell haben Chris Worms und Birgit Schlechter nur eine einzige Reise in ihrem Leben gemacht. Zu viel Geld und Zeit hat das Haus geschluckt, um die Welt zu sehen. „Aber selbst, wenn wir nur ein paar Tage im Sauerland sind und dann wiederkommen, habe ich das Gefühl, endlich wieder durchatmen zu können“, resümiert Schlechter. „Die Vögel hier zu hören, unsere Pflanzen zu riechen und einfach mit allen Sinnen unser Zuhause wahrzunehmen, das ist einmalig.“

Ein Gefühl, für das Birgit Schlechter und Chris Worms auch zurückgesteckt haben. Die Jahre haben vor allem bei ihm tiefe Spuren hinterlassen: Erst kürzlich wurde in einer komplizierten Operation seine Halswirbelsäule künstlich ersetzt. Die Schmerzen und die Belastung spiegeln sich in Falten auf der Stirn des 63-Jährigen wider. „Das hier ist jeden Tag eine Herausforderung“, sagt Chris Worms und breitet die Arme zeigend aus. „Aber wenn Menschen zu uns kommen, die hier ein Stück lassen und gleichzeitig ein Stück von uns mitnehmen, dann weiß ich, dass sich jeder Tag lohnt.“

Früher haben Birgit Schlechter und Chris Worms jeden Freitag und Samstag ihr Gelände für Besucher geöffnet. Aufgrund des gesundheitlichen Zustands des Krefelders ist das nicht mehr möglich. Auf Anfrage kann das Haus aber weiterhin besucht werden. Auch die Schmuckausstellung der Goldschmiedin ist dauerhaft auf Anfrage geöffnet.

 

Telefon: 02151502088, www.huette26.de

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