Als der neue Mercedes-Benz Sechszylinder im Frühjahr 1951 auf der Frankfurter Automobilausstellung vorgestellt wurde, war die Fachpresse von seiner innovativen Technik begeistert. Mit 80 PS war das gut 1.300 Kilogramm schwere Fahrzeug für damalige Verhältnisse gut motorisiert. Die Karosserie hatte allerdings immer noch Vorkriegsdesign. Heute, 67 Jahre später, steht ein weinrotes 220 Cabriolet B in der Halle des „Oldtimerservice“ an der Moerser Straße. Auf der cremefarbenen Rückbank hat es sich Jörg Enger, der Inhaber der auf Oldtimer spezialisierten Autosattlerei, bequem gemacht. An der Seitenscheibe neben seiner linken Schulter hängt ein „Zu-Verkaufen-Schild“

Oldtimerservice

Blick in die Oldtimerservice-Halle an der Moerser Straße

„Das Fahrzeug gehört einem über 70-jährigen Kunden, der es aus gesundheitlichen Gründen abgeben möchte“, erzählt Enger. „Das Cabrio B ist vor zehn Jahren aufwendig restauriert worden und danach nicht viel gefahren. Ein echtes Schmuckstück.“ Betrachtet man die wunderbar geschwungene Karosserie, die edlen Weißwandreifen und das filigrane Lenkrad, begreift man die Faszination dieser aus der Zeit gefallenen Gefährte und möchte sich gleich hineinsetzen und eine Probefahrt durch den Krefelder Sommer starten. Dabei fühlt man sich dann bestimmt ein klein wenig wie die feinen Damen und Herren, die in den 50er Jahren mit solchen stilvollen Cabrios herumkutschiert sind.

Mercedes 220 Cabriolet von 1952

Mercedes 220 Cabriolet von 1952

„Meistens kaufen Menschen, die Autos, die sie in ihrer Jugend bewundert haben, vielleicht den Borgward Isabella der Apothekerin, oder den Porsche des flotten, jungen Onkels“, weiß Jörg Enger. Da typische Oldtimerkäufer meist zwischen 40 und 50 sind, verschieben sich so die beliebten Jahrgänge fortlaufend. Aktuell herrscht die größte Nachfrage nach Autos aus der Zeit von Mitte der 60er bis Mitte der 70er-Jahre. Die Preise für Autos aus den Fünfzigern oder der Vorkriegszeit stagnieren dagegen oder fallen sogar. „Wer Kind war, als das 220er Cabrio auf die Straße kam, ist heute um die 70. Da kaufen sich die meisten keinen Oldtimer mehr“, bemerkt Enger. Genau in das „Beuteschema“ angehender Oldtimerbesitzer dürfte dagegen der dunkelblaue Jaguar MK II und die nachtschwarze Benz-Limousine passen, die ebenfalls in der Halle an der Moerser Straße stehen. „Der Benz von 1965 war eines der letzten Heckflossen-Modelle, in Design und Technik ausgereift“, weiß der Oldtimerservice-Chef.

Überhaupt widerspricht Jörg Enger der Ansicht, Automobile seien heute grundsätzlich besser als vor 50 oder 60 Jahren. „Die Öko-Bilanz eines Neuwagens ist nicht besser als bei einem Wagen aus den Fünfzigern, wie zum Beispiel dem 220er hier. Durch die umfangreiche Technik und Elektronik sind die Autos heute viel schwerer, und die Lieferkette für die benötigten Rohstoffe macht sie oft sogar umweltschädlicher. Ich bin zum Beispiel kürzlich mit meinem 44 Jahre alten Strich-Acht nach Holland hin und zurück gefahren, ohne zu tanken. Da habe ich insgesamt weniger als sieben Liter auf hundert Kilometer verbraucht. Dazu kommt, dass ich in meinem Wagen eine super Rundumsicht habe. Da brauche ich keine Rückfahrkamera.“

Betrachtet man die wunderbar geschwungene Karosserie, die edlen Weißwandreifen und das filigrane Lenkrad, begreift man die Faszination dieser aus der Zeit gefallenen Gefährte.

Um historische Fahrzeuge alltagstauglich zu machen, muss man allerdings oft viel Zeit und Geld hineinstecken und professionelle Dienstleister wie Jörg Engers Oldtimerservice kennen. Als Autosattlerei ist sein Betrieb auf Polsterung, Innenausstattung und Verdecke historischer Fahrzeuge spezialisiert. Arbeiten an Motor und Karosserie werden an befreundete Unternehmen weitergegeben. Dabei wenden Enger und sein Mitarbeiter, so weit möglich, traditionelle Handwerksmethoden wie Polsterungen mit Rosshaar oder Federkern an. „Bei jüngeren Fahrzeugen fertigen wir aber ebenso individuelle Schaumstoffkerne an oder verwenden Materialien wie Kunstleder oder Alcantara“, erklärt der Oldtimer-Experte. „Manchmal kommen auch Kunden zu uns, die möchten, dass wir ein Wikingerzelt nachbauen oder einen wattierten Waffenrock herstellen. Aber auch dem sind wir nicht grundsätzlich abgeneigt“, schmunzelt er.

Die Mercedes Limousine von 1965 hat die für dieses Modell typischen Heckflossen

Kerngeschäft von Jörg Engers Unternehmen sind und bleiben allerdings Oldtimer, die ihn selbst ebenso faszinieren wie seine Kunden. So hilft er jeden Tag Menschen, ihre Jugendträume zu realisieren. „Manche Fahrzeuge sind ganz gut in Schuss, obwohl sie schon 500.000 Kilometer oder mehr gefahren sind und seit 50, 60 Jahren auf der Straße; andere sind die sprichwörtlichen Scheunenfunde und nahezu Ruinen, die von Grund auf wiederhergestellt werden müssen“, erzählt Enger und fügt hinzu: „Technisch ist dabei vieles möglich, aber unter Umständen natürlich sehr aufwendig. Wir haben auch schonmal ein komplettes Fahrzeug, in Einzelteile zerlegt und in Kisten verpackt, bekommen und das dann wieder zusammengebaut.“ Das Hobby Oldtimer ist so natürlich oft mit erheblichen Kosten verbunden, was echte Enthusiasten aber nicht davon abhält, viel Geld und Zeit in ihre „alten Träume“ zu investieren. Denn was sind schon ein paar tausend Euro oder Stunden dagegen, sich seine Jugend zurückzuholen? „Wer seine Ausgaben etwas reduzieren möchte, kann einiges selber machen oder kauft sich ein Fahrzeug einer Marke, die gerade nicht so in Mode ist“, rät Jörg Enger. „Porsche oder VW-Busse kosten momentan zum Beispiel richtig viel Geld. Viel mehr als etwa ein Opel Kapitän aus den Fünfzigern – und das ist auch ein sehr schönes Auto.“

Der Oldtimerservice, Moerser Straße 75, 47803 Krefeld, Telefon: 02151-3612138, www.deroldtimerservice.de